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Schade, dass über die spannende Wendezeit wenig Gesprochen“

Michale Sojka hatte 1989/90 „Lust auf Politik“ und erlebte die Zeit des Umbruchs, als sogar das Verbot der PDS drohte, in der Geschäftsstelle ihrer Partei. Später saß sie für DIE LINKE im Thüringer Landtag und war von 2012 bis 2017 Landrätin.

„Das Kopfschütteln war groß“

 

Die Wende war für mich eine sehr aufregende Zeit als junge Mutter und Klassenlehrerin einer 10.Klasse: Glasnost, Perestroika- Gorbatschow. Insbesondere wegen „Gorbi“ bin ich Kandidatin der SED geworden. Ich wollte was verändern. Diese bleiernen langweiligen Überschriften im ND und die Schönfärberei unserer Partei- und Staatsführung konnte ja keiner mehr hören oder gar ernst nehmen. Ich habe sehr gehofft, dass sich auch bei uns in der DDR einiges ändert. Ich war Fan von „elf 99“ und „DT 64“, andere Nachrichten hörte ich eher kaum. Das änderte sich erst in der Wendezeit. Ich bin in Altenburg zu Versammlungen vom „Neuen Forum“ gegangen, habe Kollegen motiviert mitzukommen statt nur zu schimpfen, war natürlich zur ersten Demo in Altenburg im Herbst 89 auch dabei. Die Dialogbereitschaft der Leute unserer SED-Kreisleitung, jedoch hielt sich sehr in Grenzen, das Kopfschütteln darüber war bei mir sehr groß. 

 

Bei der SED-Kreisleitung stapelten sich die Parteibücher

 

Als in Leipzig aus „Wir sind das Volk“ schon längst „Wir sind ein Volk“ geworden war, sammelte auch ich wie verrückt Unterschriften unter den Aufruf von Stefan Heym u.a. „Für unser Land“. Im Januar 1990 war ich mit meinen Schülern zur Abschlussfahrt in Leningrad und sah Modrow in den Nachrichten mit seinem 10-Punkte-Plan zur Einheit Deutschlands. Da war mir zum ersten Mal mulmig in der Magengegend. In den Räumen der alten SED-Kreisleitung stapelten sich die Parteibücher der ehemaligen Mitglieder, im Kreis Altenburg waren es mal ca. 12.000, darunter einige, die sich heute in der CDU engagieren! Die Arbeitslosenzahlen drohten stark anzusteigen, insbesondere nach der völlig übereilten Einführung der D-Mark. Unsere Experten wie Prof. Christa Luft blieben Warner in der Wüste.

 

Enteignung der PDS

 

Dann kam mein Entschluss, aus dem Schuldienst freiwillig auszuscheiden, um die neue PDS in unserem Kreis hauptamtlich mitzugestalten. Und das zu einer Zeit, in der das Verbot der Partei drohte, meiner Mutter heulte. Im August 90 dann die defakto Enteignung der PDS: alle Konten standen über Nacht auf Null- ein Hungerstreik in Berlin in den Räumen des Karl-Liebknecht-Hauses wendete die Insolvenz der neuen Partei ab..  

 

„Ich hatte Lust auf Politik“ 

 

Schocken konnte mich persönlich das alles nicht. Ich hatte Lust auf Politik und wollte, dass wir gemeinsam kämpfen. Schließlich gab es viel zu verlieren. Mahnwachen organisieren, im Wahlkampf an Infoständen Gesicht zeigen, gegen die Einführung des Paragrafen 218 protestieren – und ja, auch ein Gysi-Besuch in den damaligen Teichterrasse am Großen Teich in Altenburg mit allem Drum und dran organisieren, die verbliebenen Mitglieder wieder in Kontakt bringen, neue Basisorganisationen bilden, Geschehenes aufarbeiten, Ehrenamtliche unterstützen, das alles hat mir Spaß gemacht. Uns blieb zu allem nicht viel Zeit. Dazu kam, die Geschäftsräume permanent zu reduzieren, auszuräumen, Mitarbeiter zu kündigen, das war neu für mich. Am Ende hat Gabi Zimmer als damalige Landesvorsitzende auch meine Kündigung unterschrieben. Ich fing nach einem Vierteljahr Arbeitslosigkeit eine Umschulung in Leipzig an und blieb ehrenamtlich sehr aktiv bis 2001, als ich in den Landtag als Nachrückerin einzog. Meine erste Ehe war da leider schon kaputt, auf meine beiden Söhne aber war und bin ich sehr stolz.

 

Mehr aktive Frauen als Männer

 

Wir waren zu dieser Zeit in Altenburg mehr aktive Frauen als Männer, Sabine Fache als Mitglied der Volkskammer und dann auch kurze Zeit im Bundestag bis zur ersten gesamtdeutschen Wahl, Dr. Birgit Klaubert (später Fraktionsvorsitzende und lange Zeit Vizepräsidentin des Landtages) und ich als Geschäftsstellenleiterin der PDS waren wohl die bekanntesten neuen Gesichter unserer Partei im Kreis Altenburg. Wir fanden die Quote unnötig, aber nützlich, diskutierten viel und manchmal heftig bis die Tränen kamen und hatten im Landkreis nach meiner Kündigung bis 1994 keinen einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter mehr. Die Partei hatte sich nicht aufgelöst, hat sich viel mit unserer SED-Vergangenheit beschäftigt. Auch ich habe mich als noch ziemlich sehr junge Frau immer wieder dem öffentlichen Diskurs gestellt, um den Rucksack, den wir nun einmal alle gemeinsam trugen, abzutragen. Das war jedenfalls meine Motivation, ziemlich viel einzustecken damals. Wegrennen kann ja jeder. Aus Fehler zu lernen, war mein Ziel. Dass ich mal im Landtag sein würde oder gar als Landrätin 6 Jahre Verantwortung tragen würde, ahnte damals niemand und war meinerseits kein Ziel. Ich hätte jeden ausgelacht, der mir so etwas prophezeit hätte. Unsere Motivation war eine ganz andere. Das vermisse ich manchmal in der heutigen Zeit, wo es gefühlt so sehr um Wahlerfolge, Mandate und Geschäftsstellen zu gehen scheint.

 

Aus Fehlern kann man immer lernen 

 

Der Staffelstab muss nun Stück für Stück und klug weitergegeben werden. Schade, dass über diese spannende Wendezeit in unserer Partei und die schmerzhaften SED-Erfahrungen wenig bis gar nicht mehr gesprochen wird. Aus Fehlern kann man immer lernen, um sich weiter zu entwickeln, auch als Partei, insbesondere, wenn man Mitgliederpartei bleiben und nicht nur Wählerpartei werden will. Und Freude darf und muss Parteiarbeit auch machen, sonst überträgt es sich nicht. Wir haben viel Inhalt zu bieten, aber auch Form und Stil sind für eine solidarische, sozialistische Partei wichtig. Wenn die Empathie für das einzelne Mitglied verloren geht, nimmt man uns nicht ab, eine bessere sozialere Gesellschaft gestalten zu können. Authentisch bleiben und weniger Taktik, viele Aktive Leute in Vereinen und Bewegungen, die das „echte“ Leben leben und weniger das Verlassen auf die „Funktionäre“, das wünsche ich unserer Partei in den nächsten Jahren.

Eure Michaele Sojka