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Eine typisch deutsche Industriegesellschaft

Foto: Uwe Pohlitz

Ein exzellent besetztes Podium erwartete die Gäste bei der Fortsetzung der Reihe „30 – '89 DDR-Geschichte und Gegenwart“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen. Kein Wunder, dass kein Platz im Publikum unbesetzt blieb. Thema war am 18. September im Haus Dacheröden Wirtschaft und Beruf.

 

Politbüro war das Großhirn 

 

Zu Beginn räumte der Wirtschaftshistoriker Prof. Thomas Kuczynski einige Mythen bei der Unterscheidung zwischen Plan- und Marktwirtschaft aus. Schließlich gebe es auch in der Marktwirtschaft eine Planung. Entscheidend sei vielmehr die Frage der Zieldefinition. Während es in der Marktwirtschaft nur um den Profit geht, gab es in der Planwirtschaft viele, sich oft widersprechende, Ziele.

Das größte Problem der Planwirtschaft war aus Kuczynskis Sicht, dass „der Plan Gesetz war. Wer gegen ihn verstieß war ein Krimineller und konnte bestraft werden“. So sei es viel einfacher gewesen, sich wider besseren Wissens dem Plan  hinzugeben als Neuigkeiten einzuführen. Das führte zu „einer unerhörten Unbeweglichkeit der Pläne“.  

Kuczynski nutzte zur Verdeutlichung die Metapher einer Brücke. Wenn als Maximalgewicht 10 Tonnen angegeben werden, könne man gut und gern mit 12 Tonnen darüber fahren.  „Über die Pläne in der DDR konnte  nicht mit 10 Tonnen und 10 Gramm gefahren werden“. Die Produktion von Zahn- oder Klobürsten, Dinge die wie Kuczynski meinte, „vom Großhirn ausgeführt werden können“, wurden in der DDR vom Politbüro gesteuert. Dadurch im Klein-Klein festhängend, kam man nicht dazu, irgendeine sinnvolle, vorwärtsschreitende Wirtschaftsstrategie festzulegen.   

Zwar machte u.a. die durch westliche Embargos erzeugte Not die DDR-Arbeiterschaft erfinderisch, aber letztlich blieb es bei den Innovationen bei einem „aufholen ohne einzuholen“. 

 

Frauen hatten Gleichstellungsvorsprung

 

Zu einer für die DDR-Wirtschaft essentiellen Frage referierte die Soziologin Prof. Hildegard Maria Nickel: Zur Rolle der arbeitenden Frauen. Sie at-testierte einen Gleichstellungsvorsprung, insbesondere aufgrund der flächendeckenden Kinderganztagsbetreuung.  Die Gleichstellungspolitik der DDR sei aber vor allem erwerbszentriert gewesen und war mit einer hohen Arbeitsbelastung, insbesondere der Mütter, verbunden. In der „zweiten Schicht“, zu Hause, herrschte auch in der DDR oft eine traditionelle Rollenverteilung. Die wurde durch monatliche Haushaltstage noch verfestigt. Insbesondere die Frauen „rannten nach Klopapier“ und mussten selbst die Alltagsprobleme der Mangelwirtschaft kompensieren.

Trotz solcher Probleme waren DDR-Frauen finanziell und rechtlich unabhängig von einem männlichen Familienernährer. „Das war und ist eine Grundlage für das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit von Ostfrauen“, führte Nickel aus. Die Emanzipation fand aber, der marxistischen Staatsdoktrin folgend, fast ausschließlich durch die (Erwerbs-)Arbeit statt. Dabei waren Frauen meist in der schlechter bezahlten Leichtindustrie tätig, auch wenn es z.B. mehr Inge-nieurinnen als heute gab. Dennoch sei auch in der DDR überwiegend das traditionelle industriegeschichtliche Geschlechtermodell gelebt worden. 

 

Anarchistische Demokratie in den Betrieben

 

Auch Prof. Frank Ettrich, Soziologe an der Universität Erfurt, klassifizierte die DDR als typisch deutsche Industriegesellschaft mit allen Spezifika und vielen Parallelen: Berufsausbildung, Exportorientierung, Massenproduktion und Massenkonsum. Im Sinne eines staatssozialistischen Fordismus war die DDR allerdings eine „Möchtegernkonsumgesellschaft“, weil es trotz Massenproduktion nicht zum Massenkonsum für alle reichte. Die Wirtschaftskrisen der BRD erreichten letztlich auch die DDR und trugen zu ihrem wenig heroischen Ende bei. Ettrich stellte aber klar, dass die DDR nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen zusammenbrach. 

Am besten könne man die DDR-Wirtschaft fassen, wenn man sie als Arbeitsgesellschaft begreift. Das versuchte Ettrich am Beispiel eines Kabelwerks zu verdeutlichen. Die Ausführungen Kuczynskis aufgreifend verdeutlichte er die Irrwege der Planwirtschaft. Ein Phänomen, das viele Zeitzeugen kennen: Am Wochenende wurde oft gearbeitet, ohne etwas anderes zu tun als Karten zu spielen, weil das Plansoll schon erreicht war. Ettrich nannte dieses Phänomen „anarchistische Demokratie“. Von totalitären Strukturen konnte in diesem Bereich folglich keine Rede sein. Vielmehr gab es eine Art Sozialvertrag: „Wir lassen euch da oben in Ruhe, wenn ihr uns auch in Ruhe lasst.“ 

 

BRD in der Hand von Ostfrauen? 

 

Die anschließende Diskussion war erfreulich ausgewogen, vorwärtsgewandt und zum Teil von einer gewissen Selbstironie geprägt.  

Warum sich selbst Frauen, die nach 1989 geboren wurden und der Arbeit wegen in den Westen zogen, immer noch als „Ostfrauen“ sehen, wurde intensiv diskutiert. „Kluge Ostfrauen gehen in den Westen, dummer Männer bleiben im Osten“, sagte Prof. Nickel flapsig. Sie verdeutlichte das mit der Tatsache, dass von den nur drei Frauen der Dax-Vorstände zwei aus dem Osten stammen. 

Auch Prof. Ettrich ergänzte süffisant, wenn Gauck eine Frau gewesen wäre, wäre die BRD komplett in der Hand ostdeutscher Frauen gewesen. Nickel warnte aber davor, die weibliche Familienernährerin zum großen Emanzipationsmodell zu verklären. Bemerkenswert sei es aber, dass einzig und allein in vier Ostregionen (Cottbus, Dessau-Rosslau, Frankfurt/Oder, Schwerin) Frauen durchschnittlich ein höheres Einkommen erzielen als Männer. 

 

Grelle These der Diskriminierung

 

Umfangreich diskutiert wurde die Frage von Kolonialisierung und Diskriminierung von Ostdeutschen generell. Zwar seien 95 Prozent der unteren Verwaltungsmitarbeiter im Osten auch Ostdeutsche, diese seien aber nicht die Eliten. Ettrich verwies bei dieser „grellen These“ auf die Uni St. Gallen, wo erstaunlicherweise diese Fragen viel intensiver erforscht werden als an jeder deutschen Universität. 

 

Erst nach 1989 waren es „ihre Betriebe“

 

Bei einer Wirtschaftsdebatte darf die Rolle der Eigentumsverhältnisse nicht fehlen. Zwar waren die Betriebe in der DDR volkseigene, doch die  Belegschaften sahen diese keineswegs als ihre an. Erst in der Wendezeit, als sie längst privatisiert waren, wurde das anders gesehen. Für Ettrich war Staats- bzw. Volkseigentum letztlich nichts anders als auf die Spitze getriebenes Privateigentum. Es gab einen Eigentümer und das waren aus der Sicht der Arbeiterschaft „die da oben“.

 

Offene Fragen nicht nur zum Eigentum

 

Trotz der intensiven Debattenn blieben viele Fragen offen. So auch die nach modernen Alternativen zum Privateigentum oder zur Lenkungsfunktion von Preisen. So nachvollziehbar der Wunsch ist, Preise für Bahntickets zu vergünstigen und für Flugtickets zu verteuern, umso mehr muss an einen Irrweg aus der DDR erinnert werden. Dort verfütterten Bauern Brot an die Hühner, weil es billiger war als andere Futtermittel. 

 

Sehr viel gäbe es noch zu sagen. Doch das würde den Rahmen einer solchen Veranstaltung und erst Recht eines solchen Artikels sprengen. Gut, dass es noch eine Bilanzveranstaltung am 8. November im Atrium der Stadtwerke geben soll. Auch dann wird das Thema DDR nicht beendet sein, zumal es durch die Debatte über die Ostmentalität in die junge Generation hinein getragen wird.                                       

th