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Die Gruft des Grafen

Riesengraffito von Jorit Agoch im Bezirk von San Giovanni in Neapel.

Mit Einbruch der Nacht ging er auf die Jagd. Sein Blutdurst versetzte die Menschen in Angst und Schrecken. So erzählt es der Roman über Graf „Dracula“. Das historische Vorbild des Vampirs: Graf Vlad III. Draculea. Wer hätte erwartet, dass das Grab des echten Fürsten nicht in Transsilvanien liegt, sondern in Neapel? Dorthin, in die süditalienische Metropole, ging Ende September die Studienreise der Linksfraktion GUE/NGL.

Von André Seubert 

 

 Mit Einbruch der Nacht ging er auf die Jagd. Sein Blutdurst versetzte die Menschen in Angst und Schrecken. So erzählt es der Roman über Graf „Dracula“. Das historische Vorbild des Vampirs: Graf Vlad III. Draculea. Wer hätte erwartet, dass das Grab des echten Fürsten nicht in Transsilvanien liegt, sondern in Neapel?

Dorthin, in die süditalienische Metropole, ging Ende September die Studienreise der Linksfraktion GUE/NGL. Die Abgeordneten staunten nicht schlecht, als sie plötzlich vor dem Grab Draculas standen. Seine Marmorgruft ist in der ehemaligen Kirche Santa Maria La Nova. In dem heutigen Kulturzentrum trafen sich die Linken mit Fachleuten, Sozialarbeiter*innen und Lokalpolitiker*innen. Zwei Tage lang wurde über aktuelle Themen der EU-Politik gesprochen. Nicht der Graf, sondern die Camorra verbreitet Angst und Schrecken in der Stadt am Mittelmeer. Die Clans von Neapels Mafia haben viel Blut vergossen. In den letzten Jahrzehnten gab es tausende Tote in der Stadt und im umliegenden Land. Die Morde sind stark gesunken. Doch die Camorra bleibt der wichtigste Arbeitgeber in der armen Region. Sie verdient Milliarden mit Drogen- und Waffenhandel, Prostitu-tion, Produktpiraterie von Luxusgütern und im Baugewerbe. Für junge Menschen sind illegale Geschäfte oft die einzige Geldquelle. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent. Viele wandern aus, es gibt kaum Chancen auf Jobs. Und Geld für Investitionen ist knapp im italienischen Süden, eine der ärmsten Regionen Europas.

Viele sind auf die Hilfe von Ehrenamtlichen und sozialen Vereinen angewiesen. Deshalb besuchte die Linksfraktion auch die Stiftung „Famiglia di Maria“ im Arbeiterviertel Barra. Dort geben Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen Kindern aus armen Familien Nachhilfe. Oder sie bieten Sportkurse an. Der Putz bröckelt überall, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Die Stiftung ist auf Spenden angewiesen. Noch weniger Hilfe vom Staat bekommen Sinti und Roma. In einer Siedlung im Vorort Scampía leben die Menschen seit Jahrzehnten ohne Wasser und Strom. Eine unerträgliche Lage, mitten in der EU. Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Die Fraktion besuchte das Kulturzentrum „La Kumpania Chikù“, das gemeinsam von neapolitanischen und Sinti-Frauen gegründet wurde. So wollen sie armen Menschen helfen und ihr eigenes Geld verdienen. Über ihre Eindrücke sprachen die Abgeordneten dann mit Luigi de Magistris. Der Bürgermeister von Neapel regiert seit 2011 mit einem linksliberalen Bündnis. Der ehemalige Anti-Mafia-Richter kämpft gegen Korruption und setzt sich stark für Soziales und Bildung ein. Er eröffnete neue Sozialzentren und überlies sozialen Initiativen leerstehende Gebäude der Stadt. Als der rechtsextreme italienische Innenminister Salvini Häfen für Rettungsschiffe mit Geflüchteten schloss, öffnete De Magistris den Hafen Neapels. Er meinte, die alte Hafenstadt sei durch Ein- und Auswanderung geprägt. Diesen solidarischen und offenen Geist lasse er sich nicht von der rechtsextremen Lega-Partei zerstören. Seitdem wird ihm das Leben von der Regierung in Rom schwergemacht.

So sorgt heute der rechtsextreme Innenminister für Angst und Schrecken, besonders unter Minderheiten und Migrant*innen. Vor kurzem attackierten seine Handlanger einen Linken brutal. Doch Neapel hat den Linken aus Brüssel gezeigt, dass sich die Menschen dort nicht alles gefallen lassen. Sie helfen Armen und Migrant*innen, setzen auf Solidarität und widersetzen sich den Hassparolen der Rechtsextremen. Dafür können sie jede Hilfe gebrauchen, die sie kriegen können. Auch deshalb war der Besuch der Linksfraktion aus Brüssel wichtig.