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„3D-Druck ist Pillepalle“

Produktionsmittle für alle: Marx Kopf zu Hause drucken.

Digitalisierung: ein schillernder Begriff der verheißungsvollen neuen Technikwelt.

Kommt bald „alles für alle“ wie im Science-Fiction aus dem 3D-Drucker? UNZ war zu Gast bei einem Jenaer High-Tech-Unternehmen, in dem es in jeder Hinsicht futuristisch zugeht.

Während auf den Straßen vielerorts Dummheit grassiert, begibt sich UNZ in Thüringens wichtigsten Wissenschaftsstandort Jena. Dort treffen wir Michael Bicker, seit 2018 Geschäftsführer von „3 Dimension Tech“ und werden durch futuristische Büros geführt. 

 

 

Mortal Kombat und Hippie-Ikonen

 

Bombastische Flachbildschirme, an der Bar gibt es eine Mate. Ein Skateboard lehnt an der Wand, wo Bilder von Flugtaxis neben Apple-Gründer Steve Jobs und Musiklegenden wie John Lennon und Janis Joplin hängen. An der Steckdose lädt ein Saugroboter. Das häufig verwendete „cool“ traf wohl noch nie so gut zu wie auf die Büroräume im sogenannten „Onehub“, ein Firmen-Konglomerat aus rooom AG, e-Networkers GmbH, 3 Dimension Tech GmbH und weiteren.

Zwei große Küchen, Dusche und sogar ein legendärer Mortal-Kombat-Spielautomat: Das sieht nach einer hervorragenden Arbeitsatmosphäre aus. Straffe Hierarchien passen sowieso nicht in moderne Unternehmen. Progessives Denken hat in Jena Tradition: bei Carl Zeiss wurde 1900 der Achtstundentag eingeführt, weil das die Produktivität steigerte und natürlich auch den Gewinn. Deswegen gehen alle Beschäftigten bei „Onehub“ einmal im Monat auf Firmenkosten Bowling spielen. Das bringt unterm Strich deutlich mehr als es kostet, verrät Michael Bicker.

Bicker hat eigentlich Politikwissenschaft studiert. Mit 18 bekam er aus einem „Weltschmerz“ heraus plötzlich Lust, sich mit Politik zu beschäftigen. Im Internet nahm er die Parteiprogramme unter die Lupe und entschied sich für DIE LINKE, der er bis heute treu ist. Dem Onlineeintritt folgte ein Politikwissenschafts-Studium in Jena. „Wegen des Erkenntnisgewinns“, betont Bicker. Der gebürtige Erfurter hatte schon immer technisches Verständnis und handwerkliches Geschick. Noch bevor er in die Schule kam, tunte er schon seinen Computer-Prozessor.  Mit seinem Vater baute er ein Gokart und bastelte mal nebenbei ein Mini-Luftkissenfahrzeug. Das war aber zunächst nur Hobby.

 

Nach dem Bachelor-Abschluss arbeitete Bicker für einige Zeit bei den LINKEN Politikerinnen Karola Stange und Gabi Zimmer und engagierte sich im Erfurter Stadtvorstand.

Doch 2018 kam alles anders. Seine ersten 3D-Drucker hat er sich schon 2009 aus alten Diskettenlaufwerken gebastelt. Das Know-how hat sich Bicker autodidaktisch drauf geschafft und wagte mit Mitstreitern den Schritt zur Gründung.

 

 

Open Source: Alle können machen, was sie wollen

 

Das ging auch deshalb, weil vieles in der 3D-Druck-Technologie „Open Source“ ist: „Alle können es nutzen und praktisch damit machen, was sie  wollen. Einzige Bedingung: Das neue Produkt muss dann auch wieder „Open Source“ sein, erklärt der 29-Jährige.

 

Burger aus dem Drucker

 

Dieses Prinzip ist auch gut für Schulen. Vor Corona hat Bicker mit seinen Kollegen zahlreiche Seminare veranstaltet und neben der 3D-Druck-Technologie auch die Digitalisierung vorangebracht. Viele fragen sich: Und was macht man dann damit? Im Prinzip ist alles möglich. Wie bei Raumschiff Enterprise gibt es längst Essen, ob Burger oder Schokolade, aus dem 3D-Drucker. Fast schon leicht spöttisch meint Bicker: „Den 3D-Druck hatten wir schon vor 100 Jahren. Es braucht dazu aber komplexe 3D-Modelle, die dafür passende Software und ultra-schnelle Computer. Das drucken selber ist Pillepalle.“

 

Am Computer sehen wir, wie es gemacht wird. Lizenzfreie 3D-Modelle, von Atemmasken über die Garteneisenbahn bis zur Querflöte, gibt es gratis auf Internetseiten wie www.thingiverse.com. Einfach im Programm, dem sogenannten „Slicer“ , öffnen, ein bisschen die Größe anpassen und drucken. Das Material Polyactid (PLA), besteht zu über 99 Prozent aus Maisstärke. Mit 15 bis 25 Euro pro Kilo recht günstig und das am häufigsten eingesetzte Material im Hobbybereich.

 

Mit dem 3D-Drucker auf den Mars

 

Problem: „Der entscheidende Kostenfaktor ist die Zeit“, erläutert Bicker. Zum einem für den Druck und dann für das Zusammensetzen der Einzelteile. Beispiele: Eine Weiche für eine Garteneisenbahn kostet im Laden ca. 150 Euro. „Das wäre viel billiger zu drucken, aber die mehr als 20 Einzelteile zusammenzusetzen wird vermutlich so lange dauern, dass es am Ende günstiger ist, die Weiche im Laden zu kaufen.“ Das 3D-Drucken des Weimarer Goethe-Schiller-Denkmals, ein Vorzeigeprojekt von 3 Dimension Tech, ist im Vergleich dazu deutlich wirtschaftlicher, denn es ist nur ein Teil.

Die Anwendungsmöglichkeiten erscheinen gigantisch. „Für eine Marsmission bräuchte man eigentlich nur etliche Tonnen eines Polymeren-Kunststoffs. Dann könnte man fast alles von der Schraube bis zum Triebwerk vor Ort herstellen“, vermutet Bicker.

 

Von barocken Kunstwerken bis Pokemon Go

 

Aber zurück zur Erde, wo Politiker gerne mit dem Begriff Digitalisierung um sich werfen, ohne zu wissen, wovon sie reden. „Nur weil etwas digital ist, wird es nicht automatisch besser“, sagt Bicker. Vermutlich gibt es an der Firmenbar auch deshalb eine Schwarze-Brett-Wand, auf die nach Art der alten Schule mit Kreide geschrieben wird. Digitale Technologien bieten natürlich trotzdem gigantische Möglichkeiten. Ein praktisches Beispiel aus Erfurt: Ein 3D-Scan der denkmalgeschützten Deckenmalerei im Barocksaal der Staatskanzlei, millimetergenau und komplett ohne jegliche Berührung, durchgeführt von Bickers Firma. Bei Bauarbeiten oder der Restauration ein geniales Hilfsmittel für viele Kulturschätze. Neben nützlichen Arbeitserleichterungen bieten digitale Technologien, wie die virtuelle und die erweiterte Realität auch, großen Unterhaltungswert. Viele kennen den Smartphone-Spiel-Hit „Pokemon Go“. Pokemons sind japanische Fantasiewesen, die Spielende mit ihren Handys virtuell einfangen können. Wenn sie an der richtigen Stelle die Handykamera einschalten, wird das Pokemon auf dem Display als erweiterte Realität angezeigt. Das setzen zum Beispiel auch Möbelhäuser ein. Interessenten können sich bequem von zu Hause aus auf dem Display anschauen, wie gut sich der neue Schrank im Wohnzimmer macht. Diese Technologien beherrschen Bicker und seine Kollegen mühelos.

 

 

Alles für alle kann man auch informationell meinen

 

Also bald alles für alle, wie es sich die Linksjugend wünscht? Eher nicht. Aber: „Alles für alle, das kann man auch informationell meinen. Zugang zu dem richtigen Know-How und den Werkzeugen fast alles zu schaffen, ist eine Form der Beteiligung. Es ist auch gut für Chancengleichheit und den Abbau von Barrieren. Nicht nur bei 3D-Druck und Digitalisierung“, fasst Michael Bicker zusammen. Und deswegen gehört jungen Menschen wie ihm die Zukunft und nicht der maroden Autoindustrie oder gar der grölenden Dummheit auf den Straßen.

Thomas Holzmann