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Wo der Schuh der Basis drückt

Donata Vogtschmidt ist gern mit ihrer roten S 51 in Arnstadt unterwegs. Gebaut wurde die zu DDR- Zeiten auf der anderen Seite des Rennsteigs, bei Simson in Suhl.
Thormann im Tor: Als Fußballer blickt Steffen Thormann jedes Wochenende in den Spiegel der Gesellschaft auf dem Lande.

Mit Donata Vogtschmidt (23) und Steffen Thormann (27) bewirbt sich ein dynamisches Duo für den stellvertretendenParteivorsitz der Thüringer LINKEN. Beide kommen aus dem ländlichen Raum und haben dort Politik von der Pike auf gelernt.

 

Während es für die Nachfolge von Susanne Hennig-Wellsow bis jetzt nur einen Vorschlag gibt – das Duo Ulrike Grosse-Röthig und Christian Schaft – herrscht beim Vize-Parteivorsitz größeres Gedränge. Ebenfalls als Doppelspitze hatten sich als erste Donata Vogtschmidt (23)und Steffen Thormann (27) in Position gebracht. Außerdem haben Markus Gleichmann, Daniel Starost und Andreas Blume-Strotzer ihre Bewerbung eingereicht. Die werden wir in der nächsten UNZ auch zu Wort kommen lassen.

 

Ein sportlich-dynamisches Duo

 

Doch zunächst zum blutjungen Vizeduo. Bei Donata Vogtschmidt  und Steffen Thormann  sind die üblichen Standardfloskeln, wie Generationswechsel und Verjüngung wirklich mal angebracht. Auch wenn sie praktisch gerade erst ihr Studium abgeschlossen haben, sind sie alles andere als Neulinge. Beide saßen schon zwei Jahre im Landesvorstand. Zur Landtagswahl verpassten Thormann knapp und Vogtschmidt haarscharf ein Direktmandat für den Landtag. Bei jungen Menschen sollte es ja eigentlich noch viel Leben jenseits des Berufes, der Politik und der Berufspolitik geben. Aber derzeit sind beide schon „voll im Arbeitsmodus“, wie Steffen Thormann konstatiert. Gesamtmitgliederversammlungen, Kreisvorstände und Arbeitsgemeinschaften werden abgeklappert. Dazu kommen unzählige Telefonate und Einzelgespräche. „Bei dem großen Aufschlag kommen wir gut rum“, befindet Vogtschmidt. Als Team harmonieren sie offensichtlich exzellent. Und auch sonst gibt es viel, was sie verbindet: Beide kommen aus dem ländlichen Raum, sind kommunalpolitisch aktiv, haben Staats- bzw. Politikwissenschaft studiert und sind eher der sportlich-dynamische Typ.

 

Hauptthema Daseinsvorsorge.

 

„Wir wissen, wo der Schuh an der Basis drückt“, ist sich Vogtschmidt sicher. Auf Basis ihrer gemeinsamen Erfahrungen haben sie auch ein Papier verfasst, das auf den diversen Versammlungen immer schnell vergriffen ist. Tenor: Als Partei stehen wir im ländlichen Raum überall vor den gleichen Problemen. „Wenn du in Arnstadt nur eine Straße weiter gehst, bist du komplett im ländlichen Raum. Und da ist das Hauptthema die Daseinsvorsorge. Gesundheit und öffentlicher Nahverkehr sind mit der Städtekette Erfurt-Weimar-Jena leider nicht zu vergleichen“, so Vogtschmidt. Wobei auch die anderen Parteien nicht gerade fordern, dass auf dem Land noch weniger Busse fahren sollen. Wie also soll Politik nun die Lebenswirklichkeit der Menschen auf dem Land verbessern? „Was wir sofort ändern könnten, ist die Kommunikation zwischen den einzelnen Nahverkehrs-Dienstleistern. Jedes Mal, wenn ich in Mühlhausen am Bahnhof stehe, fahren alle Busse weg, kurz bevor der Zug kommt. Wenn alle im Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT) organisiert wären, könnte das ganz anders gelöst werden“, findet Thormann. Hier wird die Kleinteiligkeit ein echtes Problem und das trifft nicht nur die Oma auf dem Dorf, sondern auch junge Menschen. „Wer in Ilmenau studiert, kann in Erfurt nicht mit der Bahn fahren, weil die EVAG nicht Teil des VMT ist. Auch der Hochschulstandort Schmalkalden gehört nicht dazu“, ergänzt Vogtschmidt. Themen, über die sich Steffen Thormann ausführlich Gedanken gemacht hat: Der Busfahrplan muss digital verfügbar sein und darf nicht nur an der Bushaltestelle hängen, Modellprojekte für Rufbusse oder für das autonome Fahren, könnten den Nahverkehr attraktiver machen.

 

Kümmererpartei heißt, die Sorgen der Menschen ernst nehmen

 

Schließlich könne nicht überall auf das Modell „Mitfahrbank“ wie in Holzhausen gesetzt werden, auch wenn das im Moment ganz gut funktioniert, wie Vogtschmidt weiß. „Das ist eine nette Sache, auch um noch mal darauf hinzuweisen: Leute, bildet Fahrgemeinschaften. Aber das löst natürlich das Problem nicht grundsätzlich“, weiß auch Thormann. Schon gar nicht die explodierenden Benzinpreise, die für viele neben den überall kräftig steigenden Preisen ein enormes Aufreger-Thema sind. Dabei vergessen auch die Genossen*innen gelegentlich nicht die Political Correctness, sondern auch ihre gute Kinderstube. Thormann kennt das: Als Torwart beim SC Großengottern und glühender Fan von Rot-Weiß Erfurt schaut er sozusagen jedes Wochenende in den Spiegel der Gesellschaft. „Da schicken mir dann häufiger mal Leute ein Foto vom aktuellen Benzinpreis und schreiben dazu: Das passiert, wenn man Links-Grün wählt“. Aber da wird Thormann nicht müde, über die Realitäten aufzuklären: „Kümmererpartei heißt, die Sorgen der Menschen ernst nehmen und sie zu kanalisieren“.

 

„Das Schlimmste ist, wenn Leute sagen: Dazu ist mir meine Zeit zu schade.“

 

Solche Worte sind nach dem Bundestags-Wahldebakel oft zu hören. Thormann macht deutlich, was er damit meint: „Wenn sich Leute am Infostand aufregen, dass Geflüchtete tolle Fahrräder und Handys haben, liegt das oft gar nicht in erster Linie daran, dass die was gegen Geflüchtete haben“. „Stimmt, es geht fast immer um deren persönliche Situation“, wirft Vogtschmidt ein. „Ich sage denen immer, das Problem ist nicht, dass Geflüchtete ein Handy zur Verfügung haben, sondern, dass sie sich selbst in einer unzufriedenen Lebenssituation befinden. Die Probleme werden auf andere Menschen projiziert, um sich selbst besser zu fühlen.“ Zu oft kommen genau diese Menschen aber nicht mehr zur Linkspartei. Auch, weil sie von einer gewissen oberlehrerhaften akademischen Intoleranz abgeschreckt werden. „Erklärbären“, nennt das Vogtschmidt und will: Dass bei uns niemand mehr abgeschreckt wird und, dass Parteiarbeit wieder Spaß macht. Dazu muss die Stimme der Basis gehört werden. „Das Schlimmste ist, wenn Leute sagen: Dazu ist mir meine Zeit zu schade.“

 

Mehr Kompetenzen für die Kreisverbände

 

Deshalb sollen die Kreisverbände mehr Kompetenzen erhalten. Schließlich wüssten die am besten, worauf es vor Ort ankommt. „Da muss sich der Landesvorstand nicht drüber stellen und glauben, er hätte immer die beste Strategie. Der ländliche Raum ist doch kein Nischenthema“, meint Vogtschmidt. Auch Thormann will mehr Mitspracherechte für die Kreisverbände und den Landesausschuss: Mitbestimmen, statt nur Infos weiterreichen. „Top Down, wenn man was nur von oben bestimmt, funktioniert nicht“, darin sind sich beide einig. „Das hat auch was mit Wertschätzung der Mitglieder zu tun. Sie sollen nicht nur alle paar Jahre mal Plakate aufhängen, sondern auch zwischen den Wahlkämpfen die Partei wieder mit Leben füllen können“, wünscht sich Vogtschmidt.

 

Bei allem mit Herzblut dabei

 

Problem: Wenn die Basis mal die Klappe aufmacht, führt das schnell auch zu Kritik an der rot-rot-grünen Landesregierung. Die wird weder im Landesvorstand noch in der Landtagsfraktion gern gehört. Thormann widerspricht: „Es ist nicht so, dass die Basis ihre Meinung nicht äußern darf. Die Partei muss auch nicht mit allem übereinstimmen, was Fraktion und Regierung machen. Eine Partei kann prinzipiell alles sagen. Was davon dann umgesetzt werden kann, ist eine andere Frage“. Vogtschmidt wünscht sich gerade deshalb, dass die Partei mehr inhaltliche Themen setzt. Beide brennen für ihre LINKE und lernen Politik von der Pike auf. Da muss die Frage erlaubt sein, wo da noch Platz für studentisches Leben bleibt? Bei Vogtschmidt kommt noch dazu, dass sie Mutter einer kleinen Tochter ist und für Susanne Hennig-Wellsow in den Landtag nachrückt. „Bei allem, was ich anpacke – Familie, Studium oder Partei – bin ich mit Herzblut dabei“, stellt Vogtschmidt klar. Ihre Masterarbeit schreibt sie gerade über Care-Arbeit in der Pandemie und Geschlechterrollen. Auch so was, worauf sie Lust hat, bei gleichzeitigem Mehrwert für das Politische. Thormann, der zurzeit in der Thüringer Staatskanzlei tätig ist, hat seine Arbeit über die Professionalisierung von Wahlkämpfen der LINKEN und der CDU geschrieben. Irgendwie ist bei den beiden alles politisch. Sogar wenn es um die Neue-Deutsche-Welle-Band geht, in der Vogtschmidt Gitarre spielt. Mit der würde sie nämlich liebend gerne bei „Aufmucken gegen Rechts“ in Thormanns Heimatstadt Mühlhausen auftreten. Aufpassen muss Vogtschmidt dann nur, dass Thormann nicht seinen Zwillingsbruder vorschickt, um sie aufs Glatteis zu führen. Der sieht nämlich genauso aus wie er, studiert aber Jura und ist Fußball-Schiedsrichter.

 

Thomas Holzmann