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„Wenn der deutsche Mann seine Frau schlägt, ist es egal“

Beatrice Osdrowski und Melanie Schulz

Nicht nachts auf der Straße, sondern im Familien- und Bekanntenkreis lauern die größten Gefahren für Frauen. UNZ traf im Jenaer Frauenzentrum zwei Expertinnen zum Gespräch über strukturelle Gewalt und was dagegen zu tun ist.

Das Problem heißt Sexismus 

 

Es passiert beinahe jeden Tag: Eine Frau wird ermordet, weil sie eine Frau ist. Femizid wird diese für Frauen häufigste nicht natürliche Todesursache genannt. Die größte Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, ist weltweit dieselbe: die Trennung vom (männlichen) Partner. Was in der Presse zumeist als „Familiendrama“ verharmlost wird, hat einen Namen: Sexismus! 

 

Frauen sind keine Minderheit 

 

In Anbetracht der Tatsache, dass Frauen keine Minderheit, sondern die mit Abstand größte Gruppe sind, die Opfer von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden, wird sehr wenig öffentlich darüber diskutiert. Während ein paar Tausend Verschwörungsirre, die sich in Berlin auf ihrer Demo gegenseitig die Viren vor die Alubommel husten, jede Menge mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, findet der skandalöse Prozess um eine Vergewaltigung durch zwei Thüringer Polizisten kaum Beachtung. 

 

Offene Fragen nach Vergewaltigung durch Polizisten 

 

Dabei hatten am 13. Juli, beim Prozess gegen jene Beamten vor dem Erfurter Landgericht, über 50 Menschen auf die vielen dunklen Flecken aufmerksam gemacht. Beim Opfer, einer Polin, wurden bei einer offensichtlich rassistisch motivierten Kontrolle Ungereimtheiten festgestellt. Daraufhin fuhren drei Polizisten mit der Frau und ihrem Lebensgefährten zu ihrer Wohnung. Dort sollen zwei Polizisten die Polin vergewaltigt haben, während ein weiterer Beamter mit ihrem Lebensgefährten unten wartete. Kein Wunder, dass das Opfer nicht bereit ist, persönlich vor Gericht auszusagen. Und kein Wunder, dass eine Menge offener Fragen bleiben. Zwei Jahre und drei Monate Haft lautete das Urteil. Es wird aber eine Revision geben. Bis dahin kann vielleicht ein Video, das einer der Täter gedreht haben soll, von einem ins Wasser geworfenen Handy rekonstruiert werden. Bei der Kundgebung mit dabei: Dr. Beatrice Osdrowski. Sie arbeitet seit 7 Jahren im Jenaer Frauenzentrum TOWANDA. UNZ traf die Koordinatorin und ihre Kollegin Melanie Schulz zum Gespräch. 

 

Unverzichtbare Arbeit mit feministischem Auftrag

 

Das TOWANDA gibt es seit über 30 Jahren. „Unsere Besonderheit: Am Anfang stand eine Gruppe lesbischer Frauen, die  die einzige Lesbenzeitschrift der DDR heraus- geben hat“, erinnert sich Osdrowski. Seit Juni 1990 agiert TOWANDA als gemeinnütziger Verein. So gibt es Fördermittel von Land und Kommune für die unverzichtbare Arbeit. Der feministische Auftrag: „Gleichberechtigung durchsetzen, Frauen stärken. Aber wir richten unsere Arbeit stets an der gesellschaftspolitischen Lage aus“, erläutert Osdrowski. 

 

TOWANDA: hier kann frau herkommen

 

Ohne die Beratung und die konkrete Hilfe vom TOWANDA-Team würde es für viele Frauen kaum Hoffnung geben. „Hier kann frau herkommen, um schnell und unkompliziert Hilfe zu erhalten, wo es an anderen Stellen sehr lange Wartezeiten gibt“, sagt Schulz. Manchmal genügt dafür sogar ein einmaliges Gespräch, um Allerschlimmstes zu verhindern. Vor allem geflüchtete Frauen brauchen Hilfe beim täglichen Papierkrieg mit den Behörden. Auch hier unterstützt das TOWANDA-Team.

Seit dem „langen Sommer der Migration 2015“, wie es Schulz nennt, ist das besonders wichtig. Weil es oft die Männer sind, die in die Deutschkurse gehen, bietet TOWANDA eigens Kurse nur für Frauen und mit Kinderbetreuung an. „Das hilft, im Alltag besser anzukommen“, ist sich Schulz sicher. Und es ist auch der Schlüssel, um in den so genannten Arbeitsmarkt einsteigen zu können.

 

Wo ist denn die Gleichberechtigung?

 

Von rechts wird oft trompetet: Das Frauenbild der muslimischen Welt ist so rückständig, das ist ein Rückschlag für die Gleichberechtigung. „Das kam 2015 nicht nur von rechts, sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft. Für uns war das aber auch Anlass, den Finger in die Wunde zu legen und zu fragen: Wo ist denn die Gleichberechtigung?“, erinnert sich Osdrowski. Zumal sie den Eindruck gewonnen hat, dass in einigen geflüchteten Familien zumindest zu Hause die Frau „zeigt, wo es lang geht und die Familie managt“. 

 

„Es ist nicht wirklich gefährlich als Frau nachts allein unterwegs zu sein“

 

Es gibt auch dort Gewalt. Ist es nun für Frauen generell heute gefährlicher als früher? „Jein“, ist die zwiespältige Antwort von Osdrowski: „Die meiste Gewalt passiert im Bekanntenkreis oder in der Familie. Es ist nicht wirklich gefährlich als Frau nachts allein unterwegs zu sein. Diese Panikmache finde ich verkehrt. Wenn etwas passiert, sollte frau aber wissen, was sie tun kann. Leider ist es immer noch so, dass Kampfsport eher von Männern – und für Männer – angeboten wird.“ 

 

„Bei Jungs und Männern wird nicht sensibilisiert“

 

Gewalt, auch als Selbstverteidigung, kann keine dauerhafte Lösung sein. Deshalb gilt es bei der Erziehung anzusetzen. „Mädchen und jungen Frauen wird beigebracht: Pass auf dich auf, gehe nicht allein nach Hause und usw. Bei Jungs und Männern wird nicht sensibilisiert.“ Passive Internalisierung wird das in der Soziologie auch genannt: Das Entwickeln von Verhaltensweisen, die zur Gesellschaftsstruktur werden. 

 

Häusliche Gewalt ist die größte Bedrohung

 

Häusliche Gewalt ist für die meisten Frauen aber ohnehin die allergrößte Bedrohung und nicht das von der AfD propagierte Zerrbild vom bösen Buhmann, der im Dunklen Frauen auflauert. „Mich ärgert es, wenn das Thema Gewalt an Frauen von bestimmten Gruppen nur aufgegriffen wird, wenn sie von ausländischen Mitbürgern ausgeht. Das verwischt, dass es diese Verbrechen schon immer gab und die Zahlen seit Jahren insgesamt ansteigen“, schimpft Schulz und bringt das Problem zugespitzt auf den Punkt: „Wenn der deutsche Mann seine Frau schlägt, ist es egal.“ Und was wäre wohl gewesen, wenn zwei Migranten eine deutsche Polizistin vergewaltigt hätten? Es hätte eine riesige Debatte gegeben, nicht nur von rechts. Auch das ist wieder das Strukturproblem.

 

Zementierte Rollenbilder und Toxische Männlichkeit

 

Schulz meint: „Es ist toll, junge Frauen zu empowern (stärken, ermächtigen), aber die Jungs müssen auch gendersensibel erzogen werden.“ Die Realitäten sind aber, auch wenn es hier und da Lichtblicke gibt, die alten sexistischen Rollenverteilungen. Toxische Männlichkeit wird dieses zementierte Rollenbild vom immer starken Mann und der stets schwachen Frau genannt. Praktisch heißt das: Jungs dürfen nicht weinen, Mädchen sich nicht schlagen. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie man mir verbieten wollte, mich als Kind zu prügeln“, wirft Osdrowski, die auch Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse für Frauen anbietet, ein.

 

AfD-Spuk wäre schnell erledigt

 

Trotz aller Strukturprobleme hat die Frauenbewegung vieles erreicht. Wobei Erfolge wie das 1997 eingeführte Vergewaltigungsverbot in der Ehe eigentlich selbstverständlich sein sollten. Aber es gibt auch Rückschläge. So wie das Urteil des Weimarer Verfassungsgerichtes, das Paritätsgesetz zu kippen, durch das alle Parteien ihre Listen quotiert hätten aufstellen müssen. Deshalb ein queer-feministischer Vorschlag mit Augenzwinkern: Weil von 1871 bis 1919 in Deutschland nur die Männer und nicht die Frauen wählen durften, einfach für die nächsten 48 Jahre das Männer-Wahlrecht aussetzen! Schlechter wird es mit Sicherheit nicht. Und der AfD-Spuk wäre dann sehr schnell erledigt.                 

Thomas Holzmann