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Warum Klimaschutz und Antifaschismus zusammengehören

Der Kampf für Klimagerechtigkeit (grün) ist auch immer ein Kampf für Antirassismus (lila), und soziale Gerechtigkeit (orange) und Feminismus (rot).

Fridays for Future ist zurück aus dem Corona-Lockdown und macht ernst, mit zivilen Ungehorsam und klarer Kante gegen Nazis.

 

So manche haben Fridays for Future in der Corona-Pause tot gesagt. Der Aktionstag „Klimastreik – kein Grad weiter“ am 25. September hat aber ein ganz anders Bild gezeigt. Mehr als tausend Leute gingen jeweils in Erfurt und Jena auf die Straße. Auch in den kleineren Städten wie Suhl oder Ilmenau gab es Aktionen. Fridays for Future hat noch lange nicht fertig. 

 

Verkehr in der Rush Hour lahm gelegt 

 

Von Resignation keine Spur. Die Stimmung ist entschlossen und kampfesfreudig.  Statt „nur“ einer schönen Demo mit bunten Fahnen im Stadtzentrum hatte sich das große Klimaschutz-Bündis in der Landeshauptstadt den Schmidtstedter Knoten als Kundgebungsort ausgesucht. So wurde der Verkehr in der Rush Hour lahmgelegt – erstmals auch mit einer spontanen Blockade des Stadtrings während der Abschlusskundgebung vor dem Umweltamt. Die Polizei war zwar wenig begeistert, ließ aber gewähren. Mit Ende der Abschlusskundgebung wurde auch die Blockade so friedlich und spontan beendet wie sie begonnen hatte. Einziger Wermutstropfen: unnötige und vor allem völlig willkürliche Polizei-Kontrollen gegenüber Demoteillehmeden auf dem nach Hause Weg.

 

Von Erfurt bis nach Rojava – Klimaschutz heißt Antifa

 

Zwei Aspekte fallen auf als die Demo ihren Weg durch die Stadt nimmt: Es kommen auch mehr ältere Leute und es gibt neben der Klimakrise ein weiter einendes Thema: Antifaschismus. „Von Erfurt bis nach Rojava – Klimaschutz heißt Antifa, hallt es immer wieder durch die Straßen. Davon hätten engagierte Erfurter Antifaschist*innen noch vor wenigen Jahren nicht zu träumen gewagt. 

 

UNZ hat unterschiedliche Akteure gefragt, warum für sie Klimaschutz und Antifaschismus untrennbar zusammengehören. 

 

Seebrücke: „Es geht nicht nur darum, das Klima zu schützen“

 

Die Aktivist*innen von Seebrücke, die sich vor allem für Geflüchtete einsetzen, sehen das so: „Das gegenwärtige Wirtschaftssystem steht für Asymmetrie und Ausbeutung. Seien es die indigenen Bevölkerung in Brasilien oder Australien, die unter Unterdrückung, Vertreibung und Umweltzerstörung zu Gunsten von Profitinteressen leiden. Oder der globale Süden, welcher vom Klimawandel härter getroffen wird, obwohl dieser kaum zu dessen Entstehung beiträgt. Oder Frauen, welche eine höhere Sterberate bei Naturkatastrophen – welche befeuert durch den Klimawandel öfter und heftiger auftreten – als Männer haben.

Diese Mechanismen müssen berücksichtigt werden, wenn es um eine Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels geht. Es geht nicht nur darum, das Klima zu schützen, sondern die Folgen des Klimawandels gerecht zu verteilen.

Als Beispiele für jene diskriminierende Politik, die dem entgegensteht, können der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der amerikanische Präsident Donald Trump oder die AfD gelten. Diese eint ein rassistisches, antifeministisches und neoliberales Weltbild und das Bestreiten des menschengemachten Klimawandels. Das zeigt: Antifaschismus und Klimagerechtigkeit gehören zusammen!“

 

 

Decolonize: Zerstörung des Planeten und Rassismus sind untrennbar verbunden

 

Ebenfalls bei Fridays for Future aktiv ist die Initiative Decolonize, die sich für die Umbenennung des nach einem Sklavenhändler benannten Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Straße einsetzen. Sie meinen: „Die Zerstörung des Planeten und der Rassismus sind untrennbar miteinander verbunden und müssen zusammen bekämpft werden. Im Kolonialismus wurden rassistische Denksysteme und Praktiken etabliert, die seit Jahrhunderten dafür sorgen, dass vor allem schwarze Menschen und der Globale Süden unter der Umweltzerstörung des Kapitalismus leiden. Von diesem Kapitalismus profitieren  bis heute in erster Linie die Menschen in den kapitalistischen Industriezentren des Globalen Nordens. Der Beginn von Kolonialismus und Plantagenwirtschaft im 15. Jahrhundert  war überhaupt erst der Startpunkt der Klimakrise. Die Ausbeutung von Mensch und Natur während der Expansion Europas ging mit massiver Gewaltanwendung einher. Die Industrialisierung wurde durch Zwangsarbeit in den Kolonien ermöglicht. Auch das Umweltdenken wurde im Kolonialismus entwickelt. Die vermeintliche „Wildnis“, die Kolonialbeamte, Missionare und Naturliebhaber in den Kolonien antrafen, sollte vor dem Einfluss der Zivilisation bewahrt werden. In ihren Augen waren die Bewohner*innen der Kolonien dazu nicht in der Lage. Mit dieser Behauptung wird auch noch nach dem formalen Ende des Kolonialismus in den 1960er Jahren von europäischen Akteuren für den Schutz des afrikanischen ‘Wildlife’ gerade auch vor afrikanischen Menschen argumentiert. Antirassistische, antifaschistische, feministische Kämpfe und der Kampf für Klimagerechtigkeit gehören deshalb verbunden!“ 

 

Landwirtin Charly: Antifaschistische Haltung als Grundlage 

 

Aber nicht nur politische Gruppen, auch die junge Landwirtin Charly, die mit ihrem Trecker auf der Demo war, sieht das ähnlich: „Egal ob für Klimagerechtigkeit oder Ökolandwirtschaft – die Grundlage dieser politischen Kämpfe muss eine klare antifaschistische Haltung sein. Wir kämpfen dafür, dass Kleinbäuer*-innen weltweit Zugang zu Land haben und gute Lebensmittel allen Menschen zur Verfügung stehen. Genauso muss unsere Solidarität besonders den Menschen im globalen Süden gelten, deren Leben bereits jetzt von den Auswirkungen der Klimakrise bedroht ist und sie zur Flucht zwingt. Klimaschutz und Antifa gehören untrennbar zusammen!“

 

Fridays for Future: Macht euch auf Aktionen gefasst! 

 

Um aber Probleme nicht nur zu benennen, sondern Lösungen durchzusetzen reichen Demos nicht. Fridays for Future Erfurt meint deshalb:  „Ziviler Ungehorsam ist ein fester Bestandteil unseres Aktionskonsenses für künftige Aktionen. Solange Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht handeln, müssen wir radikaler werden. Gemäß der Bekräftigung, „Wir kommen immer wieder“, muss sich nicht nur die Stadt Erfurt auf Aktionen einstellen, bei denen Entschlossenheit, Handlungsfähigkeit, Geschlossenheit und Vielfalt der Bewegung vor Ort demonstriert wird. Der Themenkomplex Klimakrise ist nicht abgetan, nur weil die öffentliche Debatte keinen Fortschritt bei der Lösungsfindung und Ursachenforschung verzeichnet. Die Klimagerechtigkeitsbewegung nutzt alle Zeit für Bündnisarbeit und Vernetzung, um größere Aktionen zu wuppen. Und ja, die Menschen müssen sich auf wiederholte Aktionen gefasst machen, die den Unmut mit der selben Intensität zum Ausdruck bringen, mit welcher die Politik der Bewegung Ignoranz entgegenbringt. Die Wirkung von Blockaden vermindern das Gebrauchswertversprechen des motorisierten Individualverkehrs und tragen somit zur Attraktivitätssteigerung klimafreundlicher Verkehrsträger bei.  

Klimakrise ist kein Thema, das für sich steht, sondern ein Hebel im gesamten Ursachenkomplex des strukturellen Versagens in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Klimagerechtigkeit geht nur intersektional. Fridays for Future Erfurt ist Teil des breit aufgestellten Bündnisses für Klimagerechtigkeit Erfurt und ist sich sicher: Klimagerechtigkeit darf keine Themen separat unter die Lupe nehmen, sondern zeigt Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten auf. Um wirkliche Klimagerechtigkeit zu erreichen, muss der Zusammenhang komplexer Probleme erkannt und  eine komplexe Lösung gefunden werden. Es muss eine gesamtgesellschaftliche Lösung sein, in der bisherige Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten ausgelöscht werden.“

 

Unser Haus brennt und so auch unser Protest. Nun liegt es an uns, geeignete Aktionsformen zu wählen. Ziviler Ungehorsam gehört dazu, denn wer für eine Sache brennt, dessen Entschlossenheit lässt sich nicht löschen.“

 

Wehe, wenn sich nichts ändert ... 

 

Wenn dann Autofahren nur noch nervt, werden auch die PS-Protze zähneknirschend einlenken. Und, wenn der Druck der Straße hoch bleibt, scheint auch der 

massive Ausbau von Straßenbahn und Radwegen keine Traumtänzerei mehr zu sein.  

Sollte sich in den nächsten Monaten aber wieder nicht viel ändern, bleibt gar nichts anderes übrig als die nächste Stufe zu zünden. Fridays for Future wird nicht kleinbeigeben. Dafür ist die Bewegung zu groß, zu entschlossen zu vielfältig und unteilbar. Wenn junge Antifas, neben Gewerkschafter*innen und Omas gegen Rechts unteilbar für Klima und Antifaschismus zusammenstehen, scheint vieles möglich.

th