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Verschwörungstheorien mal anders

Dr. Karl Hepfer ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Erfurt.

Wie einfache Weltbilder denken überflüssig machen: Versuch einer philosophischen Kritik der Unvernunft mit dem Philosophen Karl Hepfer.

Schrödingers Katze ohne intellektuellen Snobismus und atomare Höllenmaschine. Schließen wir den Deckel ihrer Kiste, existiert sie gleichzeitig in 2 Parallelwelten: tot und lebendig. Erst, wenn wir die Kiste öffnen, haben wir Gewissheit. Willkommen in der chaotischen Welt der Quantenphysik, wo es im Gegensatz zu Verschwörungstheorien keine einfachen Antworten gibt. Aber Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch hochbegabte Minderleister lange Schatten und zwar in Form von Verschwörungstheorien. Wie sie funktionieren und wie wir uns sinnvoll damit auseinander setzen können, erklärt der Philosoph Dr. Karl Hepfer. Aber, wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch hochbegabte Minderleister lange Schatten und zwar in Form von Verschwörungstheorien. Wie sie funktionieren und wie wir uns sinnvoll damit auseinander setzen können, erklärt der Philosoph Dr. Karl Hepfer.

 

 

Von harmlos bis gefährlicher Schwachsinn

 

Verschwörungstheorien sind fast so alt wie die Zivilisation selbst und das Weltbild, das ihnen oft zugrunde liegt. Es gibt sie in den verschiedensten Formen, von harmlos-amüsant (die Stadt Bielefeld gibt es nicht) über nachgewiesen (bei den Verhandlungen zur Deutschen Einheit wurde die Ablösung der D-Mark geheim beschlossen) bis hin zu brandgefährlichem Schwachsinn (die Juden sind Schuld an „9/11“). Das Thema ist extrem komplex. Fast scheint es hoffnungslos, sich ihm auf zwei Zeitungsseiten auch nur anzunähern. Mit Hilfe von Dr. Karl Hepfer wollen wir es dennoch versuchen. Der Privatdozent an der Uni Erfurt hat dazu 2015 das Buch „Verschwörungstheorien – eine philosophische Kritik der Unvernunft“ veröffentlicht. 

 

„Viele Leute finden aber das absolute Weltbild attraktiv, weil es so jedes erneute Nachdenken überflüssig macht“

 

Sein Ansatz: „Für vieles gibt es verschiedene, gleichberechtigte Interpretationen und nicht das eine absolute Weltbild.“ Seit der Neuzeit (Hobbes, Locke, Hume, Kant) geht die Erkenntnistheorie davon aus, dass die Welt auf ganz unterschiedliche Arten geordnet und interpretiert werden kann. Anders als noch Aristoteles (384 v. Chr. - 322 v. Chr.), der meinte, eine äußere „Wirklichkeit“ bilde sich getreu in unserem Gehirn ab und könne daher nur auf eine Weise geordnet sein. „Viele Leute finden aber das absolute Weltbild immer noch sehr attraktiv, weil es so naheliegend und einfach ist und jedes erneute Nachdenken überflüssig macht.“ Eine scheinbar einfache Welt, wie zu Zeiten des Kalten Krieges, mit klarer Freund-Feind-Beziehung. „Genau die Aussicht auf diese eine Wahrheit lösen Verschwörungstheorien ganz häufig ein“, erklärt der Philosoph. 

Dieser Glaube an die absolute und einzige Wahrheit offenbart auch den religiösen Charakter vieler Verschwörungstheorien. Sie kommen zwar oft scheinbar wissenschaftlich daher, erlauben aber keine Götter neben sich in Form von Zweifeln oder Gegenargumenten. In Kombination mit den Mechanismen der Echokammern, die wir Soziale Medien nennen, wirken viele Verschwörungstheorien auf das Gehirn wie Heroin. Der Philisoph sagt: „Diese Feedbackschleifen sind, anders als Algorithmen, nicht bewusst programmiert, sondern entstehen aus unserer evolutionär induzierten Denkfaulheit“. Resultat: ungesunde Abhängigkeit. Und alsbald dreht sich alles nur noch um die harte Droge Verschwörungstheorie. 

 

Asymmetrisches Argumentieren 

 

Hepfer weist auf eine stets typische Methode hin: asymmetrisches Argumentieren. Gegenargumente werden wahlweise weggelassen, herunter gespielt oder, wie auf den Demos üblich, niedergebrüllt. Wissenschaftlicher Diskurs wird in der Regel nicht zugelassen. Problem: Die Methode wird, wenn auch in weit weniger krasser Form, in der Politik, der Wirtschaft und sogar in der Wissenschaft angewendet. Dem widerspricht auch Karl Hepfer nicht. Lügen und Intrigen sind letztlich ein Standardmittel der Politik und auch der Wirtschaft, für die wir andere Worte benutzen, wie Staatskunst oder Marketing. Kein seriöser Journalist verbreitet absichtliche Lügen. Aber die asymmetrische Methode gibt es auch bei Bild, Bams und Welt. Das nennt sich framing. Zuletzt zu beobachten in der Debatte um den Dieselskandal, Lungenärzte und die Deutsche Umwelthilfe.  Aber bei aller Kritik an unserer Medienlandschaft gilt doch, dass oft genug solche Lügen früher oder später aufgedeckt werden. Ein Beispiel dafür ist der Fall Gustel Mollath. Der Mitarbeiter der Unicredit Bank deckte Schwarzgeldgeschäfte auf. Kaum jemand glaubte ihm und er landete in einer psychiatrischen Klinik. Dann recherchierten Journalist*innen und deckten zahlreiche Lügen auf.  Heute ist Mollath rehabilitiert und wir wissen: Er hatte im Großen und Ganzen Recht!

 

Schluss mit intellektuellen Snobismus 

 

Damit sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt. Wann wird überhaupt eine Intrige zur Verschwörung? Wie nebulös sind Geheimgesellschaften wie die Bilderberger überhaupt, wenn sogar die Tagesschau über sie berichtet? So hirnrissig viele Verschwörungstheorien auch sind, es kann sich durchaus lohnen, ohne „intellektuellen Snobismus“, wie Hepfer es nennt, genauer hinzuschauen. Soll man wirklich mit Verschwörungsschwurblern reden? 

 

Filter, Wahrscheinlichkeiten und Plausibilität

 

Der Philosoph empfiehlt: Filter verwenden. Werden Zweifel und Einwände an der Verschwörungstheorie zugelassen, kann sich das Gespräch lohnen. Klar wollen uns Konzerne und Regierung am liebsten total überwachen. Darüber muss man sogar reden. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stecken dahinter weder Georg Soros noch Reptiloiden oder das fliegende Spaghettimonster. Statt in absoluten Kategorien lässt es sich besser mit Wahrscheinlichkeit und Plausibilität arbeiten. Schließlich kann auch kein Wissenschaftler beweisen, dass es keinen Gott gibt, denn Nichtexistenz funktioniert nie. 

 

Wem nützt es? 

 

Versuchen wir Hepfers Methode auf die aktuellen Verschwörungstheorien anzuwenden. Eine der gängigen lautet ungefähr so: Bill Gates, Multimilliardär, Gründer und Ex-Chef des Softwaregiganten Microsoft, hat Corona erfunden, um RFID-Chips (Radio Frequenz Identifikation) flächendeckend in menschliche Körper einzupflanzen – wahlweise mit dem Corona-Test oder über die in Aussicht stehende Impfung gegen das Virus. 

Ja, RFID-Chips gibt es wirklich. Sender, Empfänger, elektromagnetische Wellen, simple Physik, kein Teufelswerk. Die Grundlagen wurden kurz nach dem 2. Weltkrieg erforscht. Und diese Chips sind von der Mülltonne bis zum Raumschiff so ziemlich überall eingebaut, seit 2011 auch im Personalausweis. Vor allem letzteres steht zu Recht in der Kritik. Die Schwurbler behaupten nun aber, mit den Chips ließen sich Soldaten in Bürgerkriegen kontrollieren oder Attentäter gezielt steuern. Theoretisch wäre das zwar möglich, aber weder die RFID-Technik noch unser Wissen über das menschliche Gehirn reichen auch nur annähernd aus, um das umzusetzen. Und warum auch? Hepfer empfiehlt stets zu fragen: cui bono, wem nützt es? Das bringt die meisten bei Bill Gates schon ins Schwimmen. „Die Plausibilität der Ziele der angeblichen Verschwörer sind ein gutes Kriterium dafür, ob man sich mit einer Theorie auseinandersetzen sollte.“ 

 

„Einfach mal vom Browserfenster verabschieden und draußen gucken“

 

Die noch überzeugendste zu Corona ist aus Hepfers Sicht, dass China hier nach Sunzis (544 v. Chr - 496 v. Chr.) Lehrbuch „Die Kunst des Krieges“ handelt mit dem Ziel, seine wirtschaftliche und politische Dominanz auszubauen und dafür im „geheimen Kämmerlein“ das Virus gebastelt hat. „Ziel wäre, einen Krieg gewinnen, ohne einen Schuss abzufeuern und so zu beweisen, dass Demokratien für solche Krisen nicht gerüstet sind. Dieser Verdacht lässt sich wenigstens im Ansatz erhärten“, fasst Hepfer zusammen.  Z.B kommen fast alle Masken aus China und die chinesische Volkswirtschaft scheint deutlich besser aus der Krise zu kommen als viele andere. Anders als bei Gates lässt sich das nicht so leicht entkräften. Deshalb auch Hepfers abschließende  Empfehlung: „Einfach mal vom Browserfenster verabschieden und draußen gucken, wie sich die Welt verändert hat, dann löst sich vieles.“ In Erfurt hätte man da im November eine stellenweise halb ausgetrocknete Gera sehen können. Das mag ein unbefriedigendes Fazit sein. Aber Wissenschaft ist nun mal kein Ponyhof. 

 

Thomas Holzmann