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Systemrelevant

Corona ändert alles. Nicht Banken sind systemrelevant. Endlich sind es die Menschen. Warum Radmilla aus Rumänien davon aber noch nicht viel merkt, was der DGB jetzt fordert und warum Klatschen wohlfeil ist.

Alle Jahre wieder, wenn Demos und Kundgebungen zum 1. Mai statt finden, rückt das Thema Arbeit zumindest vorübergehend in den Fokus. In diesem Jahr ist durch Corona natürlich alles anders. Auch auf dem so genannten Arbeitsmarkt. Nicht die Banken, sondern Pflegefachkräfte und die Beschäftigen im Einzelhandel gelten nun plötzlich als systemrelevant. Und weil ausgerechnet die Spargel- und Erdbeerernte auszufallen drohte, organisierten Thüringer Landwirte kurzerhand eigenhändig das Einfliegen ausländischer Erntehelfer. Wenn deren harte Arbeit getan ist, müssen Spargel und Erdbeeren aber auch an die Leute kommen.

Dafür sorgt Radmilla (ihren richtigen Namen möchte sie lieber nicht nennen). Seit neun Jahren steht sie bei Wind und Wetter mal in Erfurt, mal in Arnstadt an ihrem kleinen Verkaufsstand.

Als wir gerade mit unserem Gespräch beginnen, kommt eine ältere Dame. Nachdem sie ihren Spargel gekauft hat, bleibt sie stehen. Zuviel ist es für sie, die drei Stufen hinabzusteigen. Radmilla kennt das schon. Corona hin Corona her – sie steht auf, nimmt die Frau am Arm und stützt sie auf den Stufen. „In Rumänien hilft man sich immer gegenseitig, aber in Deutschland ist das anders. Hier achtet kaum jemand auf andere“, beklagt Radmilla.

In Rumänien lebt sie mit ihrem Mann, der auf dem Bau arbeitet, und zwei Kindern in einem kleinen Dorf. „Heimat ist Heimat“, sagt die 32-Jährige und man merkt ihr an, wie sehr sie ihre kleine Familie vermisst. Lieber würde sie in Rumänien als Verkäuferin arbeiten, aber die Löhne und Arbeitsbedingungen sind vielerorts in Südosteuropa ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der 1. Mai wird in Rumänien zwar auch gefeiert, aber mehr als Fest mit Freunden und Familie, so Radmilla. Mit Gewerkschaften oder gar Streiks kann sie wenig anfangen. Sie weiß auch gar nicht mehr genau, wer sie nach Deutschland gelockt hat. Irgendwann kam eine Frau ins Dorf und hat gefragt, wer Deutsch kann. Radmilla hatte die Sprache vier Jahre in der Schule gelernt.

Sandro Witt vom DGB Hessen-Thüringen, kennt das: „Das sind meistens private Arbeitsvermittler. Wenn man den Leuten von 9,35 Euro Stundenlohn vorschwärmt, sind sie begeistert. Aber in Rumänien sagt ihnen niemand, dass es um einen Bruttolohn geht und dass heftige Abzüge warten. Das böse Erwachen kommt bei der ersten Abrechnung, wenn dann auch noch Flugkosten und Unterbringung in Rechnung gestellt werden.“

Radmilla bekommt ihr Geld von der Erdbeergärtnerei, die auch Kosten für Anreise und Unterkunft übernimmt. Ihr Chef versucht sogar, die Sprachen seiner ausländischen Fachkräfte zu lernen. Aber was ist mit dem Spargel? Schulterzucken. Witt erklärt: „Da hat der Erdbeergärtner wohl noch einen Sub- oder Werkvertrag mit einem Spargelbauern gemacht, und die rechnen das untereinander ab. Für die Beschäftigten sind solche Deals nicht durchschaubar.“

So schön das für rumänische Verhältnisse hohe Gehalt ist, mit dem die Familie sich einen Urlaub leisten und vor allem den Kindern etwas bieten kann, macht sich Radmilla natürlich Sorgen wegen Corona. Der Shutdown bestimmt auch das Leben in Rumänien und ist dort noch viel härter: Dort gibt es kein Kurzarbeitergeld, keinen ausgebauten Sozialstaat und von Digitalisierung an Schulen ist überhaupt keine Rede. Trotz der großen Sorgen bleibt sie stets freundlich und hat immer ein kleines Lächeln zu verschenken, wenn sie für kurze Zeit den Mundschutz abnimmt. Radmilla fällt das nicht immer leicht, denn so richtig wohl fühlt sie sich in Deutschland nicht. Auch, wenn Rumänien Schlusslicht bei den Löhnen in Europa ist, findet sie vieles besser: „Wir kaufen nicht alles im Laden. Wir bauen fast alles, was wir brauchen – auch für den Winter – selber im Garten an.“

Menschen wie Radmilla sind für die Thüringer Wirtschaft systemrelevant. Aber wie kann es sein, dass wir Erntehelfer einfliegen und gleichzeitig Geflüchtete in der Hölle von Lesbos ihrem Schicksal überlassen? „Seebrücke statt Spargelbrücke“ ist auf einem Graffito in Erfurt zu lesen. „Ich würde beides nicht gegeneinander stellen“, meint Sandro Witt. „Wir brauchen nicht nur Fachkräfte, sondern wir müssen Menschen helfen, die aufgrund unserer Politik in menschenunwürdigen Situationen sind. In der Arbeitswelt müssen wir solidarisch im Kampf für menschenwürdige Bedingungen sorgen und dafür dürfen wir nicht danach schauen, ob jemand hier geboren wurde, geflüchtet ist oder aus Osteuropa kommt“, so der Gewerkschafter.

Das Einfliegen der Erntehelfer ist im Vergleich zu dem, was derzeit andernorts passiert, fast schon eine Lappalie. Witt warnt deshalb: Für die neoliberale Arbeitgeberlobby fällt Ostern und Weihnachten in dieser Krise zusammen. Da werden Milliarden an Steuergeldern demnächst auf deren Konten landen.“ Dabei haben die Gewerkschaften eigene Vorschläge: Pandemie-Elterngeld, 90 Prozent Entschädigung nach Infektionsschutzgesetz und Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent. Vieles lasse sich über Tarifverträge regeln. Aber: „Die Politik entscheidet letztlich für die Unorganisierten. Wir machen Druck. Der DGB kann politische Lobbyarbeit“, gibt sich Witt kämpferisch.

In Thüringen ist derweil auf Rot-Rot-Grün Verlass. „Die Landesregierung nimmt unsere Stimme sehr ernst und wägt Arbeitnehmerinteressen immer mit ab. Wo Arbeitgeber Rechte abbauen, braucht es Kontrolle, Widerstand aus den Belegschaften und harte Strafen“, fordert Witt.

Nach Corona wird in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr so sein, wie es mal war. Düstere Szenarien geistern durch die Medien. Könnte danach etwas besser werden – etwa weil nicht Banken, sondern Pflege, Handel oder Landwirtschaft als „systemrelevant“ angesehen und mit mehr als nur Balkonklatschen honoriert werden? Sanrdo Witt meint: „Klatschen ist wohlfeil und ähnlich dem Gefällt mir-Klick bei Facebook. Wir brauchen aber genau vier Dinge: Tarifbindung, Mitbestimmung und vor allem Tarifbindung und Mitbestimmung!“

 

Thomas Holzman