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Regentänze in Artern

Von wegen Mongolei: Bürgermeister Torsten Blümel (LINKE) präsentiert den neuen Arterner Kräutergarten.

Der trockenste Ort Deutschlands liegt in Thüringen!

UNZ traf den Arterner Bürgermeister Torsten Blümel zum Gespräch über die Klimakrise. Die hat aber nicht ausschließlich katastrophale Seiten für die Kleinstadt.

 

Artern – Stadt der Träume

 

Es ist schon eine Weile her, dass die Kleinstadt Artern im Kyffhäuserkreis bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Ende der 90er Jahre, als die Arbeitslosigkeit bei über 30 Prozent lag und die Doku-Soap „Artern – Stadt der Träume“ das harte Leben der Arbeitslosen in Szene setzte, stand Artern sinnbildlich für Krise und Niedergang. 

Die Arbeitslosigkeit steht heute unter 7 Prozent. Aber auch, weil viele junge Leute der Arbeit hinterher gezogen sind.  „Vor allem junge, gebildet Frauen sind weggezogen“, stöhnt Bürgermeister Torsten Blümel. Aber: „Immer mehr junge Leute sagen mir, dass sie lieber hier bleiben wollen“. 

 

80 Prozent aller Nadelbäume

 

Auch, wenn es in Artern trockener als in Ulaanbaatar wird und es bald kein fließendes Wasser mehr gibt? In keiner anderen der 2000 Messstationen des Wetterdienstes wird so wenig Niederschlag gemessen. Auf dem Friedhof sind 80 Prozent aller Nadelbäume vertrocknet. Angler finden in der Unstrut kaum noch Fische und Landwirte müssen andere Sorten anbauen, die besser mit der Dauer-Dürre klarkommen. 

 

Trockenheit heit auch Sonnengarantie 

 

Angesichts der Berichterstattung über die „Mongolei in Thüringen“ selbst seriöser Medien wie der Tagesschau muss Blümel schmunzeln. „Die haben sogar behauptet, Artern sei nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen.“ Das stimmt so natürlich nicht, auch, wenn in dem 6.000-Einwohner-Ort viel kostbares Nass aus Brunnen kommt.“ 

Der Vergleich mit der Mongolei ist ebenfalls ziemlicher Mumpitz. Trotz der Dürre sieht Artern noch ziemlich grün aus. Auf dem Weinberg wachsen Bäume und kein Riesling oder Kakteen. Auch im neuen Kräutergarten blüht es an allen Ecken und Enden. Die selten blaue Holzbiene summt umher und im nahegelegenen Oldislebener Rieth soll es sogar Wiedehopfe geben. Also intakte Natur und von Katastrophe keine Spur? Trockenheit heißt in anderem Licht betrachtet Sonnengarantie wie am Mittelmeer. Ist das am Ende sogar eine Chance für den Tourismus in der Kyffhäuseregion. Und kommen bald Oliven aus Nord-Thüringen?

 

Aufschwung für den Radtourimus 

 

Zumindest Letzteres glaubt Blümel, dem das Problem Klimakrise sehr bewusst ist, nicht. Anders beim Tourismus. „Schon seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es eine spürbare Zunahme des Radtourismus“, freut sich Blümel. Kein Wunder, die Region ist relativ flach und vor allem der Unstrut-Radweg gut ausgebaut. „In der Nähe unserer Ortschaft Schönfeldgibt es einen Punkt, wo sich sogar drei Radwege“ kreuzen“, frohlockt Blümel.

 

Eine Region der ungeahnten Attraktionen 

 

Leider bleiben die Rad-Touristen meistens nur 2-3 Tage. Dabei hat die Region einiges zu bieten. Der Kyffhäuser ist nicht weit. Auf der hohen Schrecke lädt ein Urwald zum Wandern ein. Das Panorama Museum in Bad Frankenhausen ist ein europäisches Highlight, ebenso wie der Nachbau der Terrakotta-Armee in Wiehe. Und wer an der Unstrut entlang über die Landesgrenze nach Nebra radelt, kann sich mit der Himmelscheibe die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung (etwa 4.000 Jahre alt!) reinziehen. Dazu kommen Attraktionen wie die Wasserburg Heldrungen oder das Schloss Kannawurf. Wem das zu viel „Hochkultur“ ist, fühlt sich beim Arterner Gothic-Festival „dark im Park“ sicher besser aufgehoben.

 

Linke Hochburg Artern

 

Dass Artern nach den schwierigen Nachwendejahren heute deutlich besser dasteht, ist auch ein Erfolg linker Kommunalpolitik. Torsten Blümel ist zwar erst seit Mai 2019 Bürgermeister, aber mit Wolfgang Koenen saß bereits 18 Jahre lang ein Linker im Rathaus. Zu seiner Zeit schrammte die PDS sogar einmal nur knapp an der absoluten Mehrheit im Stadtrat vorbei. 

 

Im Vergleich zu den 90ern hat sich einiges getan

 

Politik funktioniert hier anders als in Erfurt und Berlin. Ein Kleinstadtbürgermeister muss effektiv Probleme lösen. Ideologische  Hartärschigkeit ist dabei fehl am Platz. Dafür gibt es auch was zurück. „Die CDU-Bürgermeisterin (Sabine Michalek) unserer Partnerstadt Einbeck wollte zum 8. Mai einen Kranz mit der Beschriftung Tag der Befreiung niederlegen und fragte mich nach meiner Zustimmung“, erinnert sich Blümel und findet: „Da hat sich im Vergleich zu den 90ern einiges getan.“ 

 

„Wenn wir erst reagieren, wenn das Problem akut wird, dann ist es zu spät“

 

Nützt das auch im kommunalen Kampf gegen die Klimakrise? „Das Problem ist überregional. Eigentlich kannst du gar nichts machen“, gibt Blümel zu.  Und noch gibt es genug Wasser, aber: „Wenn wir erst reagieren, wenn das Problem akut wird, dann ist es zu spät“. 

 

Für Regen tanzen ist bestimmt lustig, wird aber das Problem eher nicht lösen

 

Langfristig hilft wohl doch nur der Anschluss an das Fernwassernetz der Talsperren. Der liegt im 30 Kilometer entfernten Kölleda  und wäre entsprechend teuer und langwierig. „Das muss langfristig geplant werden. Ministerpräsident Bodo Ramelow hat bereits Unterstützung signalisiert.“ Ein bisschen ärgert sich Blümel über die Schattenseiten des Förderalismus im thüringisch-sachsen-anhaltinischem Grenzgebiet. Besonders blöd: Fördermittel über Ländergrenzen gibt es nicht. Ansonsten bleibt wohl nur, den Optimismus und vor allem den Humor nicht zu verlieren: „In den Himmel gucken und für Regen tanzen ist bestimmt lustig, wird aber das Problem eher nicht lösen“, scherzt Torsten Blümel zum Abschluss.  

 

Thomas Holzmann