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Raus aus der Blase

Simone Post und Sascha Krüger machen schon lange Politik für DIE LINKE im Kreis Saalfeld-Rudolstadt. Anders als viele, ist bei ihnen alles rein ehrenamtlich. Entsprechend kritisch sehen sie die Lage auch im erfolgreichen Thüringer Landesverband. UNZ hat beide im quirligen Weltladen von Rudolstadt besucht und Wege diskutiert, die Partei wieder moderner zu machen – ohne die dabei die Älteren zu verlieren. Dazu braucht es vor allem einen Blick über den Tellerrand und eine Sprache, die auch jenseits von Hör- und Plenarsälen verstanden wird.

 

„In der zweiten Reihe, bis man nach vorn geschubst wird“ 

 

Schon am Tag vor Beginn des „TFF“ ist in Rudolstadt von provinzieller Verschlafenheit nichts zu spüren. Überall wird aufgebaut, geschmückt und Sound gecheckt. Auch im Weltladen, der mitten im Zentrum, direkt unterhalb Heidecksburg, liegt, ist Einiges los. Dort treffen wir Simone Post und Sascha Krüger. Thema ist aber nicht der Weltladen oder das Rudolstadt-Festival, wie das „TFF“ jetzt heißt, sondern die Lage der Linkspartei. Schließlich ist Simone schon 1989 in die SED eintreten, nur eine Woche bevor sie zur PDS wurde. Seit dem ist die Diplom-Chemikerin vor allem in der Kommunalpolitik aktiv. Mal als Stadträtin, mal als berufene Bürgerin. In der Partei sieht sich eher in der zweiten Reihe: „Bis man mal nach vorn geschubst wird, weil kein anderer will“. Auch für die Weltläden in Saalfeld und Rudolstadt arbeitet Simone ehrenamtlich, beruflich hat sie null mit Politik und arbeitet für einen Autozulieferer.

 

Bei Sascha Krüger, seit 2012 Vorsitzender der LINKEN in Kreis Saalfeld-Rudolstadt, sieht das ähnlich aus. Der Fernmeldeanlagen-Elektroniker abreitet für ein Unternehmen, das 3D-Animationen erstellt.

 

Für DIE LINKE Thüringen ging es in den letzten Jahren steil nach oben. Jedenfalls bei den Landtagswahlen. Trotzdem rumort es intern und hinter vorgehaltener Hand bemängeln nicht Wenige, dass der Landesverband zu sehr aus dem Landtag heraus geführt wurde und wird.

 

„Ein Scherbenhaufen“

 

„Auf dem Parteitag in Ilmenau (2017) habe ich den Antrag auf Trennung von Amt und Mandat gestellt. Das wurde angenommen aber nicht umgesetzt. Begründung: Es gibt niemand, der es machen will. Aus meiner Sicht ist der Landesverband derzeit ein Scherbenhaufen, auch wenn das viele anders sehen“, so Saschas schonungslose Analyse. Simone Post wünscht sich deshalb generell mehr Durchmischung im Personal der LINKEN. „Wenn die Leute zwischen durch mal was anderes als Politik machen würden, könnte sie eine ganze neue Perspektive gewinnen. Aber die meisten sind in ihrer Blase gefangen und deshalb kommt zu oft wenig Gutes dabei raus. Wer Politik als Beruf macht, hat nunmal wenig Ahnung von den Problemen der meisten Menschen“, sagt Simone.

 

„Wie sollen Abgeordnete, die noch nie außerhalb von Hörsaal oder Plenarsaal beschäftigt waren, die hart arbeitende Bevölkerung auch repräsentiere? Die verstehen gar nicht, warum ein Chef keine Überstanden bezahlt“, meint Sascha. Ein altes Dilemma linker Parteien und Bewegungen. Die, für die gekämpft wird, interessieren sich nicht die Bohne dafür.

 

Wer nicht schwafelt kommt an der Basis an

 

Dass offenbar ein Großteil der Parteibasis das ähnlich sieht, macht Sascha an der Wahl von Daniel Starost zum stellvertretenden Parteivorsitzender fest. „Der hat nur gesagt: Ich bin Koch und ist trotz Gegenkandidaten gewählt wurden. Ich denke, dadurch sind in Thüringen einige Leute wach geworden. Ich habe ihn zu einigen Gesamtmitglieder-Versammlungen begleitet. Dort ist er gerngesehen, denn er schwafelt nicht. Er hat bei allem immer ein authentisches Beispiel aus seinen Leben. Und vor allem weiß er, was es bedeutet, wenn am Ende des Monats kein Geld mehr im Portemonnaie ist“.

 

Im der Region Saalfeld-Rudolstadt gibt es durchaus links-alternative Kräfte, weiß Simone, weil sich viele im Weltladen treffen. „Aber mit der Partei haben die nichts zu tun“. Wenn ich auf dem Marktplatz Leute nach Simone Post frage, sagen alle: Die macht den Weltladen und Steffen Post ist beim BUND. Leute, die wissen, dass sie mal Bürgermeisterkandidaten für DIE LINKE war, muss man dagegen suchen“, berichtet Sascha.

 

Kaum Anerkennung aus Erfurt

 

Immerhin sieben Neueintritte gab es dieses Jahr, davon 5 unter 20 Jahren. „Dafür gibt es leider aus Erfurt keine Anerkennung, weil dort mehr eintreten. Die Austritte verschweigen die aber lieber“. Und wo trifft man diese Leute? Im Weltladen – zwei davon sind gerade da. Und mit Norbert Schneider ist auch noch ein Ex-Genosse dabei.

 

Die Partei moderner machen, ohne die Älteren zu verlieren

 

„Wir müssen den schwierigen Spagat hinkriegen, die Partei moderner zu machen, ohne dabei die Älteren zu verlieren“, ist sich Sascha sicher. Dieser Generationskonflikt lässt sich ganz gut auf die Gender-Frage zuspitzen. Als Gregor Gysi sich auf dem Erfurter Parteitag dagegen aussprach wurde er (von den jüngeren) ausgebuht. Simone meint: „Er hat das gut begründet. Das Gendern nützt doch nichts, wenn sich nur die Sprache, aber nicht Verhältnisse ändern. Aber vielleicht bin auch nur zu alt dafür“.

 

„linkemetoo“: Von nichts gewusst?

 

Mit Blick auf die Debatte um Sexismus und „linkemetoo“ nimmt Sascha die wiedergewählte Parteivorsitzende Janine Wissler in Schutz. „Was hätte es den geändert, wie sie ihren Exmann als Täter benannt hätte? Wahrscheinlich wäre ihr noch vorgeworfen wurden, sie würde nachtreten. Auf ihre wäre so oder so rumgehackt wurden, dabei sind andere auch nicht besser. Simone sagt, bis vor dem Parteitag wusste sie von nichts. „Beim Frauenplenum gab es Vorwürfe, die ich für sehr authentisch halte. Was mich erschrocken hat, ist dass das jahrelang bekannt gewesen sein soll und nichts passiert ist.“

 

Wer rettet uns bei der nächsten Wahl?

 

Von Janine Wissler erhofft sich Sascha trotzdem einiges: „Sie ist eine Macherin, die richtig loslegt, wenn sie es denn darf. Bei Martin Schirdewan, warte ich noch, ob er sein EU-Mandat behält. Wenn ja, und er ist ja auch Fraktionsvorsitzender, weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie er die ganzen Aufgaben als Parteivorsitzender bewältigen will. Simone wirft ein: „ Sören Pellmann (Schirdewans) Gegenkandidat) wären mir für den Vorsitz fast zu Schade gewesen, denn dann hätte er nicht mehr all die tollen Dinge in Leipziger Kommunalpolitik machen können“. Sascha ergänzt süffisant: „Und wer würde uns denn dann bei der nächsten Bundestagswahl retten“.

 

Parteiämter als Sprungbrett nach oben

 

Aus seiner Sicht wurden Parteiämter in letzter Zeit ohnehin zu sehr nur als Sprungbrett nach Oben benutzt. „Das nennt man Personalentwicklung“ wirft einer, der das Gespräch beim Feierbandbier verfolgt ein. „Ja, aber keine Gute“, entgegnet Sascha.m Die Lage ist sehr ernst, daran gibt es an der Saale keine Zweifel. Aber wie kann die Partei die 20 Studentin von Fridays for Future mit de, Genossen, der vor 1989 in die SED eingetreten ist zusammenbringen?

 

Mit dem richtigen Mix wird die Hütte wieder voll

 

„Der Mix macht es. Ich habe viel gemeckert, da muss ich den Stammtisch der Generationen (9. Juli, Bad Salzungen) mal loben. Es ist der Versuch, alle Altersschichten in der Partei zusammenbringen.“ Sascha hat da schon seine eigenen Erfahrungen gemach.“ Im Büro in Bad Blankenburg haben wir mal vier junge Menschen eingeladen, die den Älteren erklären wie Whatsapp funktioniert. Da war die Hütte voll. Es kamen sogar Leute extra aus Saalfeld und Rudolstadt.“

 

Im Gegensatz zu Debatten über komplexe und oft schwammige politische Themen wie die Identitätspolitik wird da auch nicht aneinander vorbei geredet. „Von Sharepic mit viel Text und Worten die erst seit diesem Jahrhundert im Duden stehen, fühlen sie nicht nur die älteren Genossen nicht angesprochen. Bei uns macht das Leon Schwalbe. Wir haben das für Bewerbung einer Wanderung mal getestet. Das Abgeordnetenbüro hat eine langen Text in sehr kleiner Schrift geschrieben. Leon Schwalbe dagegen hat eine schönes Foto aus Rudolstadt genommen und nur geschrieben wir gehen spazieren, es gibt Kaffe und Kuchen. Da kommen da auch ein paar Leute.“

 

Über den Tellerrand gucken 

 

Simone Post wirf ein, dass all das gesamtgesellschaftlich Probleme sind, die natürlich um die Partei keinen Bogen machen. „Es wäre schön, wenn DIE LINKE gute wäre. Aber ichsage es ehrlich: Parteien sind für mich ein absterbender Ast. Deshalb will ich mehr themengebundene basisdemokratische Entscheidungen. Dabei reicht es nicht, nur über die eigene Partei zu diskutieren. Wir müssen auch mal über den Tellerrand gucken“. Bei aller Kritik an der Partei und ihren Funktionären*inne findet Simone, das von „Selbstauflösung“ oder einem „krachen gehen“ der Partei nichts zu spüren war. Nur die Diskussionskultur und der Umgang mit Genoss*innen, die ein andere Meinung haben ist stark Verbesserung würdig, findet Sascha. Aber auch das ist eine Problem,, dass die nicht allein die Linkspartei hat. 

Thomas Holzmann