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Pommes, statt Bohemé

Wie die Thüringer Kulturszene mit dem Lockdown umgeht und warum nur ein Krisen-Grundeinkommen das große Sterben verhindern kann.

 

Droht das große Sterben?

 

Alarmstufe Rot, ohne Kunst und  Kultur wird’s still, sang und klanglos oder Kulturkoma – solche schrillen Hilferufe aus der Kulturszene sind seit Inkrafttreten der neuen Corona-Beschränkungen Anfang November, auf allen Kanälen zu vernehmen. Das ist kein übertriebenes Gejammer! Derzeit weiß niemand sicher, wie sich die Pandemie über den Winter entwickeln wird. Möglicherweise wird es bis ins Frühjahr keine Kulturveranstaltungen geben. Wie sollen die Akteure jetzt damit umgehen? Droht gar das große Sterben und das Ende der Vielfalt?

 

Mittem im „Flow“ der 2. Lockdown

 

Im Erfurter Kultur Cafe Franz Mehlhose erklärten uns Ralf und Philip Neues schon beim Besuch im Juli, dass sie mit etwas Geld verdienen wollen, von dem man eigentlich nicht leben kann. Trotz der Absage aller Veranstaltungen scheint – abgesehen von den Masken – alles wie immer zu sein. Doch das hat nur den Anschein. Um über die Runden zu kommen, gibt es in der Mehlhose jetzt Burger und Pommes „to go“. Mittags wird gebackene Ente oder Bratbirne an Ziegenkäse mit gebratenen Kloßscheiben und Rotkraut kredenzt.  Von solch frischer Spitzenqualität können so mache Erfurter Großrestaurants mit ihrem Mikrowellenfraß aus dem Tiefkühler nur träumen. 

„Wir waren gerade wieder im Flow für Veranstaltungen und dachten uns, das ist erstmal die beste Lösung. Essen gab es ja schon vorher, aber nur an einem Tag und wir wurden oft gefragt, ob es das nicht öfter geben kann“, berichtet Philip Neues. „Wir wollten den Leuten, die uns beim ersten Lockdown so großartig geholfen haben, auch etwas zurückgeben. Insgesamt wird das gut angenommen. Trotzdem ist es ermüdend, sich ständig neu erfinden zu müssen“.  

Aber kann man damit über eine längere Zeit überleben? „Schwer zu sagen. Wir wollen ja auch unser Team halten und müssen unsere Räumlichkeiten bezahlen. Aber andere, wie „Speicher“ oder „Kalif Storch“, wo es jeden Monat um viel größere Summen geht, haben es noch schwerer als wir“, so Philips Analyse.  Zumal viele andere Kultureinrichtungen gar nicht die Möglichkeit haben, mit etwas anderem Geld zu verdienen.

 

„Es wird riesige Verwerfungen geben“

 

So wie das Suhler Soziokultur-Zentrum „Kulturbaustelle“. „Diese Möglichkeiten haben wir nicht und wir hätten in Suhl auch keine Laufkundschaft“, meint Boris Dittrich. „Durch den ersten Lockdown sind wir noch relativ gut gekommen, aber schon der Restart im Sommer war nicht leicht. Als sich gerade andeutete, dass die Gästezahlen  steigen, kam der zweite Lockdown. Der hat richtig reingehauen und keiner weiß wie lange das gehen wird. Es wird mit Sicherheit riesige Verwerfungen in der Kultur geben“, so die  Prognose aus Südthüringen.

 

Das Dilemma mit der Bürokratie

 

Und wie helfen die Förderungen? Immerhin soll es 70 Prozent vom Umsatz des Vorjahres geben. Philip ist unsicher, was wie und wo angerechnet wir. „Ich hoffe, wir verdienen am Ende nicht weniger mit Essen, als wenn wir komplett dicht machen würden. „Theoretisch wird das nicht angerechnet, aber es gibt 1.000 Fragen und Nachbesserungen“, schätzt auch Ralf Neues ein.  Die Bürokratie ist wie üblich viel zu kompliziert. „Viele Selbständige verlieren die Nerven. Die wollen was tun und nicht  Fallstricken ausgeliefert sein, weil sie einen kleinen Haken übersehen haben“, erläutert Ralf.  

 

Befristetes Krisengrundeinkommen als Rettung

 

Kurzum: Die Hilfen sind zu bürokratisch und keiner kann sicher sein, was wem zusteht. Wäre da ein Krisen-Grundeinkommen die bessere, effektivere Lösung? „Das würde auf jeden Fall der ganzen Infrastruktur – kleine Booking-Agenturen und Technikfirmen – helfen“, mein Philip“. Ralf hat beim Grundeinkommen zwar so seine Vorbehalte. Als Mittel die Krise hält er es dagegen für eine gute Idee, denn: „Kunst und Kultur leben von Vielfältigkeit, die ist jetzt massiv bedroht“.

 

Besser als Hartz IV

 

Ähnlich sieht es Boris Dittrich:  „Ein befristetes Grundeinkommen wäre für viele Betroffene, ob Künstler oder Bühnen- und Messebauer, eine echte Hilfe. Auf jeden Fall besser als Menschen, die noch nie etwas damit zu tun hatten, in Hartz IV zu schicken.“  Was staatliche Hilfen angeht, hat auch Boris durchwachsene Erfahrungen „Unbürokratische Fördertöpfe sind oft schnell ausgeschöpft. Bei anderen sind die Hürden so hoch, dass fast gar nichts ausgeschöpft werden kann. Kleine Sozio-Kultur-Akteure, haben gar nicht die Leute, um sich durch den Antragsjungel zu kämpfen“, fasst Boris zusammen. „Rot-Rot-Grün könnte noch einen weiteren Fördertopf aufmachen, aber das allein würde das Problem auch nicht lösen“.

 

Mit einheitlicher Stimme: Der Verein Netzwerk für kulturelles Leben e.V 

 

 

So hilft erstmal nur Kreativität und vor allem Solidarität. Beides ist zumindest in Erfurt durchaus vorhanden. „In den letzten 10 Jahren haben wir schon eine bessere Vernetzung in der Kulturszene hinbekommen. Das müssen wir noch ausbauen, ohne uns dabei als Konkurrenten zu verstehen“, sagt Ralf. Mit dem Erfurter Netzwerk für kulturelles Leben e.V. wurde just ein Verein gegründet, der mit lauter, einheitlicher Stimme für die Bedarfe der Kultur einstehen will. Viele Akteure sind schon an Bord.  Erste Maßnahme: fünf gemeinsame Forderungen (siehe unten) an Politik und Verwaltungen. 

 

Mehr Verständnis für die Kultur

 

Auch in Suhl versuchen sich Akteure, untereinander zu vernetzen. „Aber es gibt im ländlichen Raum nicht die gut vernetzte Kulturszene wie in Erfurt, Jena oder Weimar.“  Eines ist aber überall gleich, fehlendes Verständnis für Kultur  in den Verwaltungen – mit oder ohne Corona.                   

Thomas Holzmann

 

„Lasst uns nicht untergehen!“

5 Forderungen der Erfurter Kulturszene

 

1. Wir fordern differenzierte Betrachtung der Hygienekonzepte und kein allgemeines Arbeitsverbot. Das Pauschalisieren mehrerer Wirtschaftsgebiete ist nicht zielführend und unangemessen.

2. Wir fordern den Schutz und Erhalt bestehender Kulturräume und Unternehmen. Kein Kulturbetrieb sollte aufgrund der Pandemie schließen müssen. Das Arbeitsverbot verpflichtet die Politik, Existenzen zu schützen.

3. Wir fordern, dass das Budget für soziokulturelle und kulturelle Projektförderung im Kommunalhaushalt beibehalten wird. Nach der Krise wird es einen Mehrbedarf an Unterstützung brauchen. Den Kulturakteuren sollte nicht das Wasser abgegraben werden.

4. Wir fordern zudem, dass investive Förderungen im Bereich Kultur verankert werden. Auch die Infrastruktur in den Vereinen und bei den Raumgeber*innen muss erhalten bleiben. Deshalb braucht es zweckungebundene Mittel, um der Kulturszene unter die Arme zu greifen. 5. Wir fordern die baurechtliche Anerkennung von Klubs als Kulturorte. Klubs sind kulturell geführte Betriebe, die bei der Kuratierung ihres Programms auch junge Künstler und soziokulturelle sowie gemeinnützige Kulturakteure mit einbeziehen und somit die Vielfalt im gesamten Kulturbereich als Raumgeber*innen steigern.

Teilt Beiträge mit dem Hashtag #kulturkoma in den sozialen Medien und solidarisiert euch mit der Erfurter Kultur.  Kulturkoma-Plakate  (A1/A3) können per Mail an: kontakt@staendigekulturvertretung.de). bestellt werden.  

 

Mehr: http://www.enkl.in/