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Party, Politik und Solidarität

So groß wie in diesem Jahr wurde der Tag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai noch nie gefeiert. Dabei expandierte nicht nur die Aktion „Gold statt Braun“ von Erfurt nach Gera und Weimar, im Zuge der Debatten um die Klimakrise wird offensichtlich das Fahrrad als Demonstrationsmittel ganz neu entdeckt.

Früher war mehr Lametta! Diesen legendären Loriot-Satz aus „Weihnachten bei Hoppenstedts“ hatte am 8. Mai in Erfurt sicher kein Mensch auf den Lippen. Schließlich präsentierte sich die Landeshauptstadt zum Tag der Befreiung vom Faschismus schon zum zweiten Mal glänzend und glitzernd in „Gold statt Braun“. Da wollten sich auch Gera und Weimar nicht lumpen lassen und sprangen kurzfristig noch auf den „Goldenen Zug“ auf. 

 

Für viele, vor allem junge Menschen, heißt es am 8. Mai schon länger: Wer nicht feiert, hat verloren! Unter dem Motto hatte u.a. die Linksjugend in den letzten Jahren Tanzdemos organisiert, die hunderte gemeinsam zelebrierten. 

Dazu kommen thüringenweit „klassische“ Veranstaltungen an Denkmälern oder auf Friedhöfen. Hier geht es vor allem um Mahnung, Erinnerung und gemeinsames Gedenken. 

 

Neben dem vielen Gold, das von zahlreichen Kunst- und Kulturstätten, Cafes, aber auch Wohnungen blitzte, war auf dem Domplatz eigentlich eine große Schirmaktion geplant, die auf Grund heftiger Windböen aber etwas kleiner als geplant ausfallen musste. 

Ziemlich spontaner Höhepunkt der Feierlichkeiten war ohnehin eine antifaschistische Raddemo des Bündnisses „Alles muss man selber machen“.

 

Für Raddemos ist in Erfurt eigentlich der Verein Radentscheid bekannt, der im letzten Jahr 12.700 Unterschriften für besseren Radverkehr gesammelt hat. Das sorgte zunächst für kleinere Irritationen. Schlussendlich beteiligten sich aber nicht nur viele Aktive vom Radentscheid. Es dürfte die wohl größte Rad-Demo-Party dieser Art in der Stadtgeschichte gewesen sein. „Ich finde es immer wieder beeindruckend wie viele Menschen ihr Fahrrad als Mittel zur Umsetzung von Forderungen oder zur Benennung von Meinungen entdecken. Das zeigt, dass Radfahren beliebter denn je ist. Dabei sorgt so eine Demo nicht nur für Aufsehen, sie auch noch klimaneutral und gut für die Gesundheit“, frohlockt der Radaktivist Christop Liebig. 

 

Während manche der etwa 500 Teilnehmenden riesige Boxen für die entsprechende musikalische Untermalung mitführten, hatten andere Megafone dabei und waren inhaltlich hervorragend vorbereitet.  Schließlich sollen alle die netten Leute auf der Straße ja auch wissen, worum es geht.

 

Einige wiesen mit markigen Worten darauf hin, dass auch 76 Jahre nach dem Untergang des Hitlerfaschismus das Nazi-Problem immer noch extrem akut ist.

Auf antifaschistischen Demos tritt die Thüringer Polizei des öfteren nicht gerade freundlich auf. Bei der Raddemo gab es dieses Mal keine negativen Vorfälle, sei es wegen der kurzfristigen  Anmeldung oder auf Grund der Tatsache, dass kein größerer „schwarzer Block“ mit am Start war. 

Dafür kam es vor dem Atelier Reservoir in der Michaelisstraße zu einem Vorfall. Dort sollte ein Film gezeigt werden, in dem ein Syrer seine ganz persönliche Geschichte erzählt. Doch dazu kam es nicht. Aus Sicht der Künstlerin Julia Sophia Neundorf gestaltete sich der skandalöse Vorfall so: „Während ich die Vorbereitung für diese Aktion in meinem Raum organisierte und den Beamer aufstellte, trafen drei Busse der Polizei ein! Sie kamen von jeder Straßenseite und umzingelten das Atelier, kurz darauf stiegen ca. 10 Polizei-Beamte aus den Bussen und bauten eine Mauer vor dem Atelier auf. Drei syrische Freunde wurden in die Mangel genommen, während andere Personen für die Polizei als ungefährlich erschienen. Sie mussten sofort ihre Personalien herausgeben  und wurden zur Rede gestellt. Nachdem ich den Ordnungsbeamten hereinbat, folgten ihm vier Polizisten. Auf die Frage was sie in meinem Atelier suchen, antworteten sie mit dem Argument, sie wären die Schutzbegleitung des Herren. Nach der Klärung meiner Aktion, ein Film von innen zu zeigen, den man außen betrachten kann, wurde alles aufgelöst. Ich selbst erhielt eine Anzeige! Ich durfte diesen Film an diesem wichtigen Tag nicht ausstrahlen“.

 

Trotz dieses mehr als faden Beigeschmacks fällt das Fazit äußerst positiv aus. Das findet auch Ministerpräsident Bodo Ramelow: „Die Initiative macht deutlich, dass wir gesellschaftlich zusammenhalten müssen und die Geschichte nicht umdeuten lassen dürfen. Wir wollen eine Zukunft ohne gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit!“

Positives ist auch aus Ostthüringen zu vernehmen: „Es war eine wahrlich würdige Versammlung zum Gedenken an den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und stand im Geiste von Solidarität, Miteinander, Gemeinschaftssinn und der Kunstfreiheit. Es hatte etwas so Gutes, Verbindendes für unsere Stadt“, so der Tenor von „Gold statt Braun“ Gera. Ähnliches  ist aus Weimar zu hören, verbunden mit der Hoffnung, dass sich „Gold statt Braun“ auch in allen anderen Orten in Thüringen durchsetzt und sich vielleicht bald ein goldenes Band durch ganz Deutschland zieht. Und wie wird das transportiert? Mit dem Rad natürlich!               

 

Thomas Holzmann