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Mit Thüringer Öko-Strom gegen Energieriesen

Marcel Schwalbach organisiert für Thüringer Landstrom die Zusammenarbeit der Genossenschaften.

Eine sichere Kapitalanlage, die fair ist und noch was Gutes tun kann, gibt’s nicht? Gibt’s doch!

Und zwar bei den Thüringer Energiegenossenschaften. Die könnten noch viel mehr, wenn Politik und Verwaltungen sie endlich wieder machen lassen würden.

Sauberer Strom und sauberes Geld

 

Für viele kommt der Strom aus der Steckdose und fertig. Ob Sonne oder Kohle und wer am Ende verdient, interessiert kaum. Dabei müssen es nicht die vier Energieriesen (eon, Vattenfall, RWE, EnBW) oder die Stadtwerke sein. Es gibt Alternativen, auch in Thüringen. 33 Energiegenossenschaften sind in Thüringen bereits entstanden. Warum ist das so bemerkenswert? Zum einem, weil dezentraler sauberer Strom „produziert“ wird. Und zum anderen, weil die Eigentumsfrage gestellt wird: Wem gehört eigentlich was und warum? In Weimar empfängt uns Marcel Schwalbach. Der Erneuerbare-Energien-Manager organisiert für Thüringer Landstrom die Zusammenarbeit der Genossenschaften. Unweit des Bahnhofs ist aus einer Krankenhausruine eine beeindruckende Anlage entstanden. Die „RO70“ ist ebenfalls genossenschaftlich organisiert. Das Modell ist hier etwas anders als bei den im Mietshaussyndikat organisierten Projekten wie „Wohnopia“ in Erfurt. Vor allem auch, weil es deutlich teurer ist. Zum großen Garten gehört wie selbstverständlich eine Mieterstrom-Solaranlage auf dem Dach, errichtet durch die Energiegenossenschaft Ilmtal, die ihren Sitz in Weimar hat. Mieterstrom bedeutet, dass der auf dem Dach erzeugte Strom in den Wohnungen direkt darunter verbraucht wird. Nach dem vor etwa 10 Jahren die Energiegenossenschaften, und mit ihr die Solaranlagen, wie Pilze aus dem Boden sprossen, ist es in letzter Zeit stiller geworden, nicht nur wegen Corona. 

 

Die Großen haben die Energiewende verpennt

 

„Das waren günstige Zeiten, was das Erneuerbare-Energien-Gesetz angeht. Es gab nicht so viele gesetzliche Regelungen, im Vergleich zu dem, was man heute an Unterlagen bringen muss. Außerdem müssen wir bei Ausschreibungen direkt mit RWE und Co. konkurrieren. Da heißt es immer, es geht um Kostenersparnis. Dabei geht es nur darum, dass die Großen die Energiewende verpennt haben und sie sich so nun Vorteile verschaffen wollen“, bemängelt Schwalbach. 

 

Ökostsromanteil droht erstmals zu sinken

 

In den letzten Jahren wurden deshalb von Genossenschaften weit weniger Anlagen errichtet. Beim Aufreger-Thema Wind droht sogar ein Rückbau in größerem Maßstab. Nach 20 Jahren läuft die Förderung der Anlagen aus. Es werden oftmals neue Anlagen auf die Standorte der Alten gesetzt, im Fachjargon Repowering genannt. Darunter sind in Thüringen aber einige Standorte, an denen nach aktueller Gesetzeslage keine Windräder mehr gebaut werden dürfen. „Ich gehe davon aus, dass deshalb der Ökostromanteil zum ersten Mal seit Beginn der Energiewende sinken wird.“ Deshalb hofft Schwalbach, dass es in Richtung Bundestagswahl noch mal einen Aufschrei geben wird. Der könnte auch den Genossenschaften Auftrieb geben. In Thüringen sind die jedenfalls „breit gefächert“, Die Energiegenossenschaft Jena kaufte sich sogar in die Stadtwerke ein, um als Mitgesellschafter die Unternehmenspolitik in Richtung Energiewende zu steuern. Bei den Effekten aber setzt Schwalbach ein Fragezeichen: „Das hat sicher Einfluss auf den Umgang mit Erneuerbaren, aber man kann es nicht an Projekten messen. In Jena wird aber auch immer empfohlen: beteiligt euch bei den Energiegenossenschaften Saale-Holzland oder Ilmtal, die aktiv sind.“ 

 

Eins unserer Probleme: Öffentlichkeitsarbeit und Marketing

 

Die Erfurter Energiegenossenschaft dagegen hat laut  Webseite seit 2012 keine Anlage mehr errichtet. Schwalbach widerspricht: „Es gibt gerade eine neue auf dem Gebäude des LKA. Da zeigt sich eins unserer Probleme: Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Jede Genossenschaft ist da etwas anders aufgestellt.“ Das gleiche gilt für die jeweiligen Stadtverwaltungen. „Und in Erfurt ist die Verwaltung sehr groß ...“, seufzt Schwalbach. Weil fast alles ehrenamtlich ist, lässt sich schon erahnen, wo es überall haken kann. 

 

Wir brauchen eine Professionalisierung

 

Deshalb will Schwalbach zukünftig noch mehr auf Unternehmen und Privatpersonen zugehen. Immerhin hat der BürgerEnergie Thüringen e.V. dafür, dank Förderung durch die rot-rot-grüne Landesregierung, eine halbe Stelle erkämpft. „Wir brauchen eine Professionalisierung, damit die Genossenschaften wieder richtig ins Rollen kommen. Das geht eigentlich nur über Hauptamtliche.“

 

Ab 500 Euro kann jede*r einsteigen

 

Thema Geld: In Zeiten, in denen für das klassische Sparbuch Strafzinsgen fällig werden, bieten die Energiegenossenschaften eine interessante und vor allem sichere und faire Kapitalanlage. Schließlich wird Strom immer gebraucht. Und jeder Investierende kann sich anschauen, was genau mit seinem Geld geschieht. Dazu das Genossenschaftsprinzip: Jede und jeder hat eine Stimme, egal wie viel Anteile. Mitmachen ist simpel: Einfach auf die Internetseite der jeweiligen Energiegenossenschaft gehen und anmelden. Schon ab 500 Euro ist mensch dabei. In Weimar mangelt es gerade nicht an Interessierten, – es gibt sogar eine Warteliste – sondern an Projekten. Jährliche Ausschüttungen sind üblich, in der Regel um die 3 Prozent. Außerdem sind alle Bilanzen 100-prozentig transparent. „Wir hantieren mit dem Geld unserer Nachbarn, da wird kein Schmuh betrieben“, verspricht Schwalbach. Bei Solarstrom gibt es für 20 Jahre eine feste Vergütung. Klar geht auch mal etwas kaputt, aber das fällt nicht weiter ins Gewicht. Projekte wie der große Solarpark bei Rittersdorf mit 17.000 Solarmodulen sind auch deshalb „eine sichere Bank“, wie Schwalbach meint. Gerade um aus der Corona-Krise zu kommen, dürfte es kaum Besseres geben, als massiv in die Energiewende zu investieren. Das schafft  Arbeitsplätze, hilft gegen die Klimakrise und, vielleicht kratzt es sogar an der Macht der Energieriesen im Spätkapitalismus.

 Thomas Holzmann