Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Mit dem Rad ins Rathaus

Warum Erfurts neuer Bau- und Verkehrsdezernent, Matthias Bärwolff, ganz anders als die anderen ist.

Ob in der Fußball Bundesliga oder in der Politik: Oft hört mensch die Kritik, es gäbe gar keine echten Typen mehr. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Denn, ob Nachwuchsfußballer*in oder Politiker*in, alle müssen sich an den (Sozialen) Medien ausrichten und so stromlinienförmig und weichgespült wie möglich sein. Bloß nicht irgendwo anecken oder gar einen Shitstorm verursachen. 

 

 

Das absolute Gegenteil des glattgeleckten Berufspolitikers

 

Insofern ist die Wahl von Matthias Bärwolff zum neuen Erfurter Dezernenten für Bau und Verkehr durchaus überraschend. Der 35-Jährige ist in so ziemlich jeder Hinsicht das absolute Gegenteil des glattgeleckten Berufspolitikers der Generation „Kreissaal-Hörsaal-Plenarsaal“ wie es vor allem bei der CDU der konservative Idealstandard ist. Eine junge linke Kommunalpolitikerin ätzte mal in deren Richtung: „Die reden nicht nur alle den gleichen Mist, sie haben auch die gleichen Klamotten und den gleichen langweiligen Haarschnitt“. Matthias Bärwolff dagegen kommt auch gerne mal mit SFR-Jugoslawien-Sweater und selbstgemachtem Eistee beim Punk-Konzert vorbei. 

Und dass, obwohl er schon im zarten Alter von 18 Jahren ins Haifischbecken des Thüringer Landtags einzog und dort mit großer Freude die alten weißen Männer mit Schenkelklopfer-Polemik provozierte. Den früheren CDU-Ministerpräsidenten bezeichnete er in einer Rede als Kim-Il-Althaus, weil ihn eines seiner Wahlplakate an nordkoreanische Propaganda erinnerte. Als ihn Thomas Kemmerich (FDP) ob seines legeren Outfits kritisierte, konterte er: „Ich habe kurze Hosen und sie eine Fleischmütze.“ Aber auch mit den eigenen Leuten ging er nicht zimperlich um. Für die UNZ, liebevoll-spöttisch als „oberste Zensurbehörde“ bezeichnet, verfasste er eine „notwendige Polemik“ über „richtige und falsche Jugendliche“. Anschließend gab es in der Fraktion ein bisschen was zu besprechen ...  

 

„Damit DIE LINKE eine andere Partei bleibt“

 

Geplant war die Parlamentarier-Karriere (von 2004 bis 2014) nie. Die PDS suchte junge Leute und wählte Bärwolff auf Listenplatz 24. Dass es bei der Landtagswahl 2004 dann für 28 Mandate reichen würde, hatten vorher nur kühnste Optimisten gedacht. Bevor er zur PDS kam, war Bärwolff mit 13 Jahren auf seinen ersten Antifa-Demos, kämpfte gegen den Krieg in Jugoslawien und engagierte sich bei cuba si. „Ich bin ein durch und durch politischer Mensch,“ sagte er schon damals über sich selbst. Besonders wichtig war ihm dabei stets das Außerparlamentarische und, „dass DIE LINKE eine andere Partei bleibt und nicht eine wird, wie sie die anderen schon sind“. 

 

Keine hohle Floskel

 

Dass das keine hohle Floskel ist, zeigte er in seiner typischen Art auf dem Schleizer Landesparteitag 2009. Vor allem jüngere Genoss*innen waren, trotz guter Landtagswahlergebnisse, mit dem Vorsitzenden Knut Korschewsky nicht so ganz zufrieden und zogen mit Stanislav Sedlacik einen Gegenkandidaten aus dem Ärmel. Als seine Redezeit abgelaufen war, stellte Bärwolff die Frage: „Wenn du noch eine Minute mehr Redezeit gehabt hättest, was hättest du dann noch gesagt?“

 

 

Lieblingsthema: fahrscheinfreier ÖPNV 

 

Natürlich verändern 10 Jahre Landtag einen Menschen. Bärwolff, mittlerweile Familienvater ist ruhiger, vor allem aber sehr viel kompetenter geworden. Schon währen seiner Abgeordnetenzeit belegte er ein Jahr lang Geographie in Teilzeit und bildete sich zum Diplom-Betriebsverwaltungswirt weiter. Seit 2014 studiert Bärwolff Stadt- und Raumplanung an der Fachhochschule Erfurt. Gerade schreibt er seine Masterabreit. Thema: fahrscheinfreier ÖPNV – seit Jahren eines seiner Lieblingsthemen.

 

„Das autofreie Leben muss in Erfurt möglich sein“

 

Kein Wunder, dass nicht die Aktiven vom Radentscheid Erfurt jetzt extrem große Erwartungen an den neuen Verkehrsdezernenten haben. Der noch bis Februar amtierende Alexander Hilge (SPD) hatte für Nöte der Radler*innen wenig Gehör und noch weniger Gespür. Bärwolff dagegen findet: „Das autofreie Leben muss in Erfurt möglich sein“. Er ist sogar überzeugt, dass es für einen generellen sozialökologischen Umbau der Stadtgesellschaft eine Mehrheit im Stadtrat gibt. Ein Einstieg dafür wäre die kostenlose Beförderung von Schülerinnen und Schülern in Bus und Bahn.“

 

Verständnis für berechtigte Notwendigkeiten

 

Als Bärwolff noch Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Stadtrat war, hatte er schon ziemliche klare Vorstellungen:  „Es ist für alle besser und erhöht die Lebensqualität, wenn der Verkehr mehr auf Rad und ÖPNV basiert und wir ein Leben ohne eigenes Auto möglich machen. Für berechtigte Notwendigkeiten habe ich natürlich trotzdem Verständnis. Beim Handwerker, der Pflegekraft, Leuten die zur Schichtarbeit pendeln und deshalb auf das Auto angewiesen sind. Aber die meisten Autos in der Stadt stehen praktisch 23 Stunden am Tag nur rum. Deshalb muss das Ziel sein, einen ÖPNV zu schaffen, der es den Leuten überhaupt erst mal ermöglicht, auf das Auto zu verzichten.“

 

CDU heult:  ein Typ wie Bärwolff kann das nicht 

 

Aber Wahlkampf für eine Partei und das Führen einer Behörde mit hunderten Mitarbeiter*innen sind dann doch zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Die CDU glaubt natürlich, dass ein Typ wie Bärwolff so einen Laden gar nicht führen könne. Dabei hatte er zusammen mit Susanne Hennig-Wellsow das offene Jugendbüro RedRoXX aufgebaut. Und wer es schafft, diverse linke Strömungen unter einen Hut zu bringen, der sollte doch mit ein paar kleinbürgerlichen Verwaltungsspießern fertig werden. 

 

Die Kunst konstruktiver Kommunalpolitik 

 

Authentisch wie eh und je zuckt Bärwolff erstmal mit den Schultern und meint: „Man muss den Leuten auf jeden Fall klar machen, dass Verwaltung nicht so schnell läuft, und dass wir immer Mehrheiten und Beschlüsse im Stadtrat brauchen. Ich kann ja nicht einfach das machen, worauf ich Lust habe. Das wird eine Kunst werden mit Mehrwertstadt und den Grünen so zusammen zu arbeiten, dass sie sich konstruktiver verhalten.“ 

 

Thomas Holzmann