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Kinderspaß, Solidarität und Selbstverwaltung

Fürs Foto durften die Kinder im Kidsclub Jonas, Jonathan und Janika (v.l.n.r) kostümieren. Dabei hatten sie wohl eine britische Zauberschule im Hinterkopf. Die kämpfen auch gegen finstere Mächte und die Frisur von Harry Potters Hauptgegner Voldemort ist auch die gleiche wie die von Thomas Kemmerich von der FPD.

Die Falken meinen das mit Marx & Engels ernst. Ihre Aktivitäten sind aber nicht auf den „Elfenbeinturm“ beschränkt. Klar, dass Bild und FDP das gar nicht gefällt.

 

Über das Organ der Niedertracht sollte jede seriöse Zeitung eigentlich den Mantel des Schweigens hüllen. Der geistige Erguss von Jan Schumann in der „Bild“ vom 8.2. hat uns dann aber doch zur Solidarität mit den „Opfern“ des FDP-Springer-Duos ermuntert. „Warum kriegen die Falken 31.177 Euro Steuergeld, jaulte das Blatt, das offiziell nicht Zeitung heißen darf. Anlass war die Anfrage der FDP Landtagsfraktion. Der frühere Kurzministerpräsident Thomas Kemmerich wollte wissen: Warum Rot-Rot-Grün „Die Falken“ als gemeinnützig anerkennt, obwohl für diese „die Gesellschaft auf den Müllhaufen der Geschichte gehört“ und sie Schulen, Unis und Arbeit für eine Zumutung halten? Die Falken, die Sozialistische Jugend Deutschlands, hatte verständlicherweise so gar keine Lust mit der „Bild“ zu reden. Und so brillierte Redakteur Schumann am Ende mit dem folgenden Satz aus einem Spiegel-Artikel. „Hintergrund: 1969 geriet die über 90 Jahre alte Bewegung wegen 'Sex-Kommunismus' in die Kritik, weil in Zeltlagern 1.700 Kindern und Jugendlichen Pornos gezeigt worden sein sollen.“

 

Kinder- und Jugendarbeit mit Geld gar nicht aufzuwiegen

 

Nicht erwähnt wird, dass das Zeltlager in Schweden statt fand, die Falken in der DDR verboten waren und es ihnen schon immer um Aufklärung geht, gerade auch bei Tabu-Themen. Dabei ist vor allem das Engagement in Kinder- und Jugendarbeit mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Aber was genau machen die Falken eigentlich? UNZ traf im Kidsklub „Purpur“ Janika und Jonathan.

 

Kritik an der Uni basiert auf Analyse  der Erfahrungen

 

Janika  hält in der Tat, vieles von dem, was an der Uni passiert für eine Zumutung: „Wir finden es wichtig, die Uni, die Organisation der Lehre und Wissenschaft aber auch die dort vermittelten Inhalte, zu kritisieren.“  „Die Kritik an der Uni basiert auf Analyse der  Erfahrungen und deren gesellschaftlichen Bedingungen“, meint Jonathan. Der Kapitalismus wird an der Uni als „soziale Marktwirtschaft“ verniedlicht und Kritik daran lächerlich gemacht oder verteufelt. „Gerade die Staatswissenschaft der Uni Erfurt ist legendär für ihre konservative Ausrichtung“, so Jonathan.  Dabei sind die Falken keineswegs auf Kritik des akademischen Kontexts  beschränkt .

 

Vom Kidsclub bis zum Studi-Lesekreis 

 

Janika holt aus: „In Nordhausen wird in der Villa Kunterbunt wie hier in Erfurt mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. In Jena sind es vor allem Studierende, die Lesekreise und Veranstaltungen organisieren. Als es in einem Kaffee in Jena  2020 eine antisemitische Ausstellung gab, haben sie interveniert. Ähnlich läuft es in Weimar. Den Kidsklub Purpur  gibt es  seit 3 Jahren ...“ „Eigenlicht erst 2 Jahre“, wirft ein Kind, das während des Interviews“ neben uns Fußball spielt, ein. „Stimmt“, entgegnet Janika, denn erst im Sommer werden es drei Jahre „und dann gibt’s ne große Party“.

 

Angebote für strukturell benachteiligte Kinder 

 

Da wird der progressiv pädagogische Ansatz deutlich. Kinder werden ermuntert, ihre Meinung offen zu sagen und kritisch mitzudenken. Das gilt auch für Themen, bei den jemand wie Kemmerich wohl sagen würde: „Dazu bist du noch zu klein!“

Die Angebote richten sich an Kinder aus Ilversgehofen, die strukturell benachteiligt sind. 10 ehrenamtliche Helfer*innen sind dabei. Dreimal in der Woche ist geöffnet: Zweimal als offene Tür und an einem Nachmittag trifft sich eine feste Gruppe. Minecraft zocken, Musik machen oder medienpädagogisch begleitet selbst einen Film drehen, die Kinder sollen Spaß haben, aber mit pädagogischer Begleitung. Das kostet natürlich viel Zeit. 

Dazu kommen noch Ferienfreizeiten: mit Ausflügen z.B. in den Zoo und die großen Zeltlager. Ein Vergnügen, das viele der Kinder sonst nicht hätten. Die Chance, dass sie dabei mehr lernen, als im oft stinklangweiligen Biounterricht, stehen angesichts der engagierten Helfer*-innen  äußerst günstig. 

 

„Wir nehmen die Kinder ernst und diskutieren mit ihnen“

 

Aber auch ernste Themen müssen besprochen werden. „Letztes Jahr haben die Kids sich geweigert, Maske zu tragen und haben das mit Verschwörungsmythen begründet. Wir haben dann mit ihnen drüber diskutiert und auch aufgezeigt, warum die Verschwörungsideologien keinen Sinn machen und ihnen in der Situation auch nicht weiterhelfen“, sagt Janika. Ihr Ansatz: „Wir nehmen die Kinder ernst und diskutieren mit ihnen.“ Dafür müssen Inhalte natürlich pädagogisch aufgearbeitet werden und das ist nicht wenig Arbeit, die neben Studium und Lohnarbeit anfällt. „Aber wir wollen das. Und das Gute an unseren Strukturen ist, dass wir selbst bestimmen, was wir wann und wie machen wollen – wir machen das quasi für uns und unsere Ziele.“ 

So kräftezehrend das sein kann, es scheint sich zu lohnen. „Der Kidsklub ist ein Ort, an dem sich alle entfalten können sollen. Unabhängig von den Diskriminierungserfahrungen, die sie sonst in der Gesellschaft machen“, erläutert Jonathan.   Die Helfer*innen versuchen den Kindern zu vermitteln, dass jedes Einzelne auch ein Interesse daran haben könnte, dass im Kidsklub nicht gemobbt wird. Kein Rassismus, keine Homophobie und kein Klauen. Lippenbekenntnisse reichen dafür nicht. Die Kinder müssen selber zusammen dafür sorgen müssen, dass so was im Kidsklub nicht passiert. Oder, wenn es passiert, ein vernünftiger Umgang damit gefunden werden kann. 

 

Die Kinder bestimmen selbst

 

Ein Kind hat sie hat mal gefragt, wie Rassismus entstanden ist und schon wurde über die Geschichte des Kolonialismus gesprochen. Um solche Denkprozesse zu fördern, wird vieles an die Lebensrealität der Kinder angepasst. Z.B. durch die Erfahrungen, dass man mit wenig Geld nicht wirklich an der Gesellschaft teilhaben kann, erklärt Jonathan. Zum Glück organisieren die Schwesterorganisationen der Falken Kinder- und Jugendzeltlager in vielen Teilen der Welt.  Für Konservative unvorstellbar: „Die Kinder bestimmen selbst wie sie die zwei Wochen gestalten. Aufräumen, kochen und putzen gehört da natürlich für alle  dazu und auch, dass man miteinander aushandelt, wie diese Sachen organisiert werden“,  erklärt Janika.   

 

Kemmerich als ehrenamtlicher Grillmeister 

 

Auf die Frage, ob die Falken auch Kemmerichs Kinder mit auf’s Zeltlager nehmen würden, reagieren Janika und Jonathan belustigt: „Kinder können nichts für ihre Eltern – na klar können sie mitkommen. Als Geschäftsmann basiert Kemmerichs Profit aber darauf, Leute auszubeuten. Die Falken adressieren mit ihrer Pädagogik in erster Linie die Kinder dieser Leute, um sie gegen diese Ausbeutung fit zu machen: Ein Fan unserer Arbeit wird er also nicht sein, aber wenn er mal ehrenamtlich den Grillmeister spielen will, würden wir vielleicht auf dieses Angebot zurückkommen.“          

 

Thomas Holzmann