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Erst mal müssen wir Zeit schinden

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner im UNZ-Gespräch über Corona und Wege aus der Krise. DIE LINKEN-Politikerin sagt: „Auf Kosten des medizinischen Personals wird gespart und dadurch wird es bei Epidemien schwieriger.“

 

 

 

„Wer mit 50 Kilo Nudeln vorm niesenden Nachbarn flüchtet, sollte nicht anderen Menschen vorschreiben, mit ihrer Familie im Bürgerkrieg zu bleiben“. Dieser Satz wird in den sozialen Medien zunehmend verbreitet. Hamsterkäufe sind in Thüringen eher die Ausnahme – doch das Virus Sars-CoV-2, so die offizielle Bezeichnung, ist längst im Freistaat angekommen: Bis jetzt gibt es sechs bestätigten Fälle: im Saale-Orla-Kreis und in Erfurt.  

 

Erst wurde das große Eisenacher Frühlingsfest „Sommergewinn“abgesagt, jetzt alle Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmenden. Die Wirtschaft könnte in eine Krise rutschen. Und sogar die Ministerpräsidentenwahl im Landtag stand auf der Kippe, weil ein CDU-Abgeordneter unter Verdacht stand, sich bei einem Ski-Urlaub im Risikogebiet Norditalien angesteckt zu haben. 

 

Thüringer Kleinteiligkeit könnte Problem werden 

 

„Das kann doch nicht wahr sein. Wir haben so auf die Wahl hingearbeitet und dann das“, dachte Thüringens neue und alte Gesundheitsministerin Heike Werner. Die LINKEN-Politikerin war wie ihre rot-rot-grünen Kollegen einen Monat lang nicht im Amt. Ein Problem mitten in der Corona-Krise? „Eine Regierung ist gerade ins Krisen wichtig, aber es gibt Abläufe, die auf jeden Fall funktionieren. Die Staatssekretäre haben gut zusammengearbeitet“, beruhigt Werner. Problematischer ist da schon eher die Kleinteiligkeit Thüringens: 23 verschiedene Gesundheitsämter gibt es. Sie müssen Kontaktpersonen ermitteln und Quarantäne-Stationen einrichten. „Dafür überall das entsprechende Fachpersonal zu haben, ist in dieser Struktur schwierig“, weiß Heike Werner. Auch, um in solchen Krisen schlagkräftiger zu werden, seien andere Strukturen im Gesundheitswesen – wie sie R2G anstrebt – „absolut wichtig.“

 

Krankenhäuser auch ohne Corona oft am Limit

 

Gesundheit ist im Zuge neoliberaler Profitgier längst zur Ware geworden. Insbesondere im ländlichen Raum wurde das Gesundheitswesen regelrecht kaputt gespart. Dass Epidemien oder Pandemien allein deswegen schlimmer werden, glaubt Heike Werner aber nicht. Aber: „Krankenhäuser, die immer am Limit arbeiten, weil sie wirtschaftlichen Kriterien genügen müssen, haben dann nicht die Kapazitäten, zusätzliche Isolierstationen aufzubauen und Personal für eine besondere Betreuung bereit zu stellen.“ Ergebnis der Privatisierungen im Gesundheitssystem:  „Auf Kosten des medizinischen Personals wird gespart und dadurch wird es bei Epidemien schwieriger, gute Behandlungsmöglichkeiten aufrecht zu erhalten“, so die Ministerin.  

 

 

Über die Wirkungen des Virus ist noch wenig bekannt

 

Sterben am Ende mehr Menschen, weil das ganze medizinische Personal nur noch gegen Corona kämpft und für andere Kranke keine Zeit bleibt? „Genau deshalb dürfen wir Corona nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Unpopuläre Maßnahmen wie Quarantäne oder das Absagen von Veranstaltungen müssen sein, um Zeit zu gewinnen – gerade weil derzeit auch die Grippewelle durch Thüringen rollt. Außerdem gäbe es weder Medikamente noch Impfungen. „Auch über die Wirkungen des Virus ist noch wenig bekannt. Deswegen müssen wir versuchen, Zeit zu schinden“, so die Ministerin.  

 

Aus Schwester Agnes wird „VeraH“ und „AgaThe“

 

Der Pflegenotstand ist nicht erst durch Corona ein Riesenproblem geworden. Bodo Ramelow würde aus der Krise nur zu gerne eine Chance werden lassen. Nur zu gern bemüht er das Bild aus dem DDR-Kultfilm „Schwester Agnes“, die als unermüdliche medizinische Fachkraft mit ihrer Schwalbe über die Dörfer knatterte.  In Leipzig und Brandenburg gibt es bereits erste Modellversuche, diese Besonderheit des früheren DDR-Gesundheitssystems in die heutige Zeit zu übertragen.  „Das ist eine Idee, die ich auch habe. Wir haben mit den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen, die man dafür mit im Boot haben müsste, darüber schon diskutiert. Da gibt es eine Offenheit für das Thema“, so Werner .  sie verweist auf das Thüringer Modell „Schwester Verah“. Das sind medizinische Angestellte bei Allgemeinpraxen, die Hausbesuche machen, Blutdruck messen, Blut abnehmen oder andere Dinge tun, für die sonst der Hausarzt kommen müsste. „Das geht aber nur bei großen Praxen, wo es sich wirtschaftlich trägt. Bei kleineren geht es noch nicht. Deshalb wünsche ich mir, dass Gemeindeschwestern – ich würde sie gerne Agnes nennen wollen – auf der kommunalen Ebene installiert werden. Das Ganze muss nur finanzierbar sein.“ 

Werner ist froh, als Ministerin endlich wieder loslegen zu können, denn als nächstes soll das Modellprojekt „AgaThe“ starten.  „Im ländlichen Raum sind ältere Menschen zunehmend isoliert und wissen oft gar nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. AgaThe soll im vorpflegerischen Bereich auf Menschen zugehen, die allein sind und Unterstützung organisieren.“ Für das Modell seien 1,9 Millionen Euro im aktuellen Haushalt vorgesehen.  

 

Ausländische Fachkräfte helfen, aber nicht auf „Teufel komm raus“ 

 

Sinnvolle Ansätze. Dennoch ist der Mangel an Pflegekräften eklatant, weil trotz steigender Zahlen zu wenige junge Menschen diesen Beruf ergreifen. Werner sieht noch ein anderes Problem: „In Thüringen steigt fast ein Viertel innerhalb der ersten zwei Jahre wieder aus, weil die Bedingungen nicht zum Aushalten sind und der Beruf mit der Familie nicht vereinbar ist“. Auch deshalb komme Thüringen um das Anwerben von Fachkräften und Auszubildenden aus dem Ausland nicht herum, sagt Werner. Die Ministerin warnt aber davor „auf Teufel komm raus“ im Ausland zu werben. Es gebe auch eine Verantwortung, dass andere Länder nicht selbst ausbluten.  

Außerdem gibt es in Thüringen Praktika für Geflüchtete, die so in die Lage versetzt werden, eine Pflegeausbildung zu beginnen. Das würde auch langfristig Bleibeperspektiven eröffnen. 

 

„Wir sind klug genug“: Die Krise als Chance 

 

Auch so kann eine Krise als Chance verstanden werden: Seien es Geflüchtete, die Rückkehr der Gemeindeschwester oder die offensichtliche Erkenntnis, dass nationale Grenzen keine Probleme lösen. „Reden, kooperieren und aufeinander einstellen. So können wir aus Krisen lernen. Wir sind klug genug“, so die weiterhin optimistische Heike Werner.  

 

Thomas Holzmann