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Eine Stimmung wie auf der Titanic

Vor 30 Jahren kam die D-Mark mit der Wirtschafts- und Währungsunion auch nach Thüringen. Jubel und Konsumrausch wichen bei vielen Ernüchterung und

Zukunftsängsten. UNZ sprach mit Zeitzeugen über den Sommer 1990.

Wenn über die so genannte Wende geredet wird, dreht sich meist alles um den Mauerfall am 9. November und die Einheit am 3. Oktober. Die am 1. Juli 1990 vollzogene Wirtschafts- und Währungsunion steht seltener im Fokus. Und wenn, dann in Form irrwitziger Szenen vor Banken, wo sich die Leute fast tottrampelten, um als Erste an das heiß begehrte Westgeld zu kommen. „Geschichtsverknoppung“, nennen das manche Historiker spöttisch mit Blick auf die einseitige Darstellung des ZDF-Manns Guido Knopp. Wie blicken Menschen aus Thüringen heute auf den Sommer 1990? 

 

„Wir haben die Kneipe leer gesoffen“

 

Die Pädagogin Christel Pohlitz, damals stellvertretende Direktorin in Erfurt, erlebten die letzte Nacht der Aluchips und der Geldscheine mit dem Marx- und Engels-Konterfei auf einem Campingplatz in Hohenfelden. „Wir haben die Kneipe leer gesoffen. Es gab eine große Schale, da haben alle ihr Geld reingeworfen. Es war eine Stimmung wie auf der Titanic. Am nächsten Tag hatten wir die D-Mark und einen gewaltigen Kater“, erinnert sich die Lehrerin. Mit der Feierstimmung war es bei vielen schnell vorbei. Denn, mit der harten D-Mark kam der noch härtere Wettbewerb. Ergebnis: Über Nacht waren viele DDR-Betriebe nicht mehr profitabel. War in der DDR Arbeitslosigkeit nicht sichtbar, gingen allein bis 1991 etwa zwei Millionen Jobs verloren.  

 

Im Intershop am Westen geschnuppert 

 

Erste Erfahrungen, noch ohne die negativen volkswirtschaftlichen Konsequenzen, konnten DDR-Bürger mit Westgeld und Konsumismus schon im Herbst 1989 sammeln:  Begrüßungsgeld hieß das Zauberwort. Auch André Blechschmidt, damals als junger SED-Funktionär beim Rat des Bezirkes in Erfurt tätig im Bereich Kirchenfragen, fuhr mit seiner Frau zu Besuch in den Westen.  „Winterjacken für Tochter und Sohn, ein paar Winterschuhe und schon waren drei Viertel der 100 D-Mark Begrüßungsgeld weg“, erinnert sich Blechschmidt. Dank dreier Westonkel hatte er aber schon „ökonomische Erfahrungen mit Westgeld“. Genau dafür gab es in der DDR die Intershops, in die viele Leute manchmal auch nur gingen, um einmal im wahrsten Sinne des Wortes am Westen zu schnuppern.

 

Mit der D-Mark kam die Ernüchterung 

 

„1989 gab es die große Euphorie, einen anderen Sozialismus zu schaffen. Nach Weihnachten wurde aus wir sind das Volk, wir sind ein Volk“, sagt Blechschmidt. Spätestens mit Ablehnung des Regierungsprogramms von Hans Modrow (letzter SED-Staatschef) war ihm klar, dass es mit der DDR zu Ende gehen würde. Auch in Erfurt glaubten die begeisterten Massen Helmut Kohls Versprechen von blühenden Landschaften. Am 20. Februar 1990 jubelten ihm über 100.000 auf dem Erfurter Domplatz zu. Nur wenigen war damals nicht zum Feiern zu Mute.  Aber bei so manchen, die Anfang 1990 noch gejubelt hatten, dürfte schon im Sommer große Ernüchterung eingesetzt haben, als es die ersten Entlassungen gab. 

 

Ein „Roter“ in der „schwarzen“ Staatskanzlei“ 

 

Blechschmidt, heute Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, erging es besser als vielen anderen mit einer gewissen Staatsnähe. Denn: „Damals wechselte nicht gleich die ganze Entourage“. So half er zunächst, bis Ende Dezember 1990, beim Aufbau der Staatskanzlei unter Josef Duchač (CDU, 1990 erster Ministerpräsident Thüringens). „Erst nachdem sich alles stabilisierte, wurde bei der Mitarbeiterschaft aufgeräumt“. Blechschmidt kam im Landtag bei Chef  Linke Liste/PDS-Fraktion, Klaus Höpcke, unter. Darüber ist Blechschmidt froh: „Heute bin ich fester Bestandteil LINKER Politik in Thüringen. Wer weiß, was als ‘Roter’ in einer ‘Schwarzen’ Staatskanzlei aus mir geworden wäre“, so seine Retrospektive. 

 

„Wir sind für den Kapitalismus nicht geeignet.“

 

Und wie erlebte der Berufspolitiker das mit dem Westgeld? Als „gebildete Leute“ sagten sich Blechschmidt und seine Frau beim Angebot einer Weinverkostung: „Das machen wir, lassen uns aber zu nichts überreden. Dann gab es 4, 5 Weine zum Kosten und der Typ, der die Flaschen im Stoffbeutel transportierte und aussah als wäre er gerade aufgestanden, hat uns zwei Kisten aufgeschwatzt. Wir haben uns gesagt: Wir sind für den Kapitalismus nicht geeignet.“ 

 

Ein bisschen tricksen konnten DDR-Bürger auch

 

 

Ein eher harmloses Beispiel, andere erlebten schlimmere Abzocke. Viele ließen sich Schrottkisten andrehen, während an immer mehr Straßen Trabbis und Wartburgs zum Ausschlachten abgestellt wurden. Ein bisschen tricksen konnten DDR-Bürger aber auch: Bis zu 4.000 Mark konnten 1:1 umgetauscht werden. Der Rest 1:2. „Da hat man natürlich in der Familie ein bisschen rumgebunkert“, gibt Christel Pohlitz zu. Aber: „Wer sich kurz davor noch einen Trabbi gekauft hat, hat sich ganz schön in den Hintern gebissen“. 

 

„Manche sind vor Verzweiflung aus dem Fenster gesprungen"

 

„Es gab eine große Verunsicherung und wir waren restlos pleite“, erinnert sich Uwe Pohlitz, damals bei der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft, einem SED-Monopolbetrieb, als Abteilungsleiter.  „Manche sind vor Verzweiflung aus dem Fenster gesprungen oder sind dem Alkohol verfallen“, so seine wenig euphorische Sicht. Christel ergänzt: „Es war keine schöne Zeit. Ich habe das für mich abgehakt und vielleicht auch innerlich zugemacht. Die meisten sind doch sowieso nicht an echter Aufarbeitung interessiert“. 

 

Kein Ende des großen Traumas in Sicht 

 

Das gilt für die Wirtschafts- und Währungsunion, aber noch mehr für das Treuhandtrauma und so manch anderes Thema mit Blick auf die DDR und ihren rasanten Untergang. Blöd nur: viele, die dazu einiges sagen könnten, haben einfach keine Lust, weil sie – wohl nicht ganz zu Unrecht – befürchten, dass ihre Erinnerungen verfälscht würden. 

 

Thomas Holzmann