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Duett, statt Duell

Mit Ulrike Grosse-Röthig und Christian Schaft könnte DIE LINKE. Thüringen erstmals von einem Duo geführt werden. Beide sind ausgewiesene Bildungsexperten und wollen, dass Parteiarbeit nicht nur als Arbeit verstanden wird.

 

Nur vier Vorsitzende hatte DIE LINKE bzw. die PDS Thüringen seit 1990: Gabi Zimmer, Dieter Hausold, Knut Korschewsky und Susanne Hennig-Wellsow – Markenzeichen eines skandalfreien Landesverbandes. Die SPD hatte im selben Zeitraum zehn Vorsitzende, die CDU sieben. Seit Susanne Hennig-Wellsow im März zur Bundesvorsitzenden gewählt wurde, wird der Landesverband von den beiden Stellvertreter*innen Heike Werner und Steffen Dittes geführt. Am 20. und 21. November wird DIE LINKE auf dem Landesparteitag in Bad Blankenburg einen neuen Vorstand wählen. Schon Ende September hatten Rechtsanwältin Ulrike Grosse-Röthig und der Landtagsabgeordnete Christian Schaft ihre Kandidatur angekündigt. Somit könnte die Partei erstmals von einer Doppelspitze geführt werden, wie es der Landesparteitag in Sömmerda beschlossen hat.

 

Extra zum Weltkindertag in die Partei eingetreten 

 

UNZ traf die Beiden zum Gespräch. Thüringen ist manchmal ein Dorf. „Kleinteilig“ heißt das in der Sprache der Politik und die hat so ihre Vorteile: Man kennt sich, und weiß sich zu schätzen. Während Christian Schaft linke Politik quasi schon mit der Schulmilch aufgesogen hat und auch seine Eltern politisch für DIE LINKE aktiv sind, begleiten auch Ulrike Grosse-Röthig die Inhalte linker Politik schon lange. Sei es als Elternsprecherin oder beim Kampf gegen zu hohe Kindergartengebühren im Altensteiner Oberland. Am Ende der letzten Veranstaltung als Landeselternsprecherin hat sie den Antrag auf Aufnahme in die Partei unterschrieben und extra nach Berlin geschickt, damit im Ausweis als Aufnahmedatum der 20.9.2019 steht – der erste Weltkindertag in Thüringen, der als gesetzlicher Feiertag zelebriert wurde. „Davon profitieren alle, aber es ist vor allem ein ganz konkretes Projekt für mehr Zeit in Familien für Kinder“, sagt Grosse-Röthig mit spürbarer Begeisterung. 

 

Geballte Kompetenz in der Bildungspolitik 

 

Eigentlich sollte der Text ein Porträt über die beiden werden. Aber weil sie vor politischem Arbeitseifer nur so sprühen, kommen Grosse-Röthigs Arbeit als Weimarer Kirchenälteste in der Kreissynode oder Schafts Fahrten auf den Betzenberg zum einst ruhmreichen 1.FC Kaiserslautern zu kurz. Dafür spielen sich die beiden die politischen Bälle umso eingespielter zu. Die Einhelligkeit verwundert nicht. Das große Thema Bildungspolitik schweißt das designierte neue Spitzenduo zusammen. Grosse-Röthig als Expertin für Schule und Kindergärten, Schaft als Spezialist für Hochschule und Wissenschaft. Das könnte gerade mit Blick auf die Zukunft von Rot-Rot-Grün noch hilfreich sein. Schließlich ist „Bildungspolitik eines der Themen, die landesseitig noch sehr gestaltbar sind: längeres gemeinsames Lernen, beitragsfreie Kindergärten, die Gestaltung der Hochschulautonomie“, zählt Grosse-Röthig auf. Aber das ist leicht gesagt und schwer umsetzbar. Schaft fordert deshalb: „Sich ehrlich machen! Wir haben ein Bild als Partei, wie Schule sein muss, auch während der Pandemie, aber das muss vor Ort mit Leben gefüllt werden. Was von der Landespolitik kommt, muss auch im Kindergarten oder der Schule ankommen.“ Auf dem Weg dahin liegen aber noch ein paar Behörden und Ämter dazwischen. Und die Auseinandersetzung mit denen bezeichnen so manche Schulleiter als „Affentanz mit der Verwaltung“, die zu oft Steine in den Weg lege.

 

Unterschiedliche Blickwinkel als Bereicherung 

 

Für engagierte Eltern und Lehrkräfte ist das oft deprimierend. Aber Resignation will Grosse-Röthig gar nicht erst aufkommen lassen: „Dafür ist das Thema zu spannend, zu wichtig und zu gestaltbar.“ Trotzdem macht sich, nicht nur im Bereich Bildung, eine gefühlte Tyrannei der Verwaltung breit. Grosse-Röthig nimmt die Behörden in Schutz: „Ich glaube, dass Politik nur mit Verwaltung funktionieren kann. Da darf es kein Gegeneinander geben. Ich habe oft erlebt, wie engagiert die Verwaltung sein kann. Klar ist jeder gefangen in seiner Rolle. Wenn alle zusammenarbeiten, kann daraus aber trotzdem etwas werden.“ Schaft ergänzt: „Der Moment der Überforderung von Verwaltung darf nicht vergessen werden. Wie in der Wirtschaft ist das Problem des Fachkräftemangels enorm.“ Über 400 Stellen seien allein in der Erfurter Stadtverwaltung unbesetzt. Pauschale Verwaltungsschelte will Schaft deshalb so nicht stehen lassen und lieber über die Frage reden, wie auch Leute mit anderen Professionen als nur Jura und Verwaltungswissenschaft in die Behörden kommen, um die Blickwinkel zu erweitern. Die Chemie stimmt. „Aber ich glaube nicht, dass wir die Bildungspolitik brauchen, um uns gut zu verstehen. Wir haben unterschiedliche Blickwinkel, das ist eher eine Bereicherung“, ist sich Grosse-Röthig sicher. 

 

Kultur des Vertrauens im neuen Landesvorstand

 

„Als die Überlegung reifte, kandieren zu wollen, haben wir uns auch mal was ersönliches geschrieben, dass man nur mit wenigen teilt, und ich denke, das passt ganz gut.“ Was das genau ist, behalten die beiden dann doch lieber für sich, denn für Grosse-Röthig kommt es vor allem auf gegenseitiges Vertrauen an. „Das ist entscheidend für die Frage, wie Konflikte gelöst werden können, wie unterschiedliche Meinungen diskutiert werden.“ Auch Schaft setzt auf eine Kultur des Vertrauens im neuen Landesvorstand und will statt der kleinen Reibereien lieber die großen Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen. „Wir müssen nicht alle den gleichen Kuchen mögen, aber wir sollten uns alle an einen Tisch setzen können“, sagt Grosse-Röthig. Konflikte hatte die Partei in der letzten Zeit genug. Auch wenn Thüringen, zumindest bei Landtagswahlen, stets Spitzenergebnisse eingefahren hat, geht die Krise nicht spurlos am Freistaat vorüber. Eine Abrechnung wird es auf dem Parteitag keinesfalls geben. Aber: „Parteiarbeit muss wieder mehr Spaß machen“, so Schaft’s Wunsch. Seine Devise: „Kommt zu uns, um über gesellschaftliche Themen zu diskutieren und zu gestalten. Dafür müssen wir neue Formate finden, gerade auch für die mittlere Generation, die uns im Moment so ein bisschen fehlt.“ 

 

„Wir müssen raus aus dem Modus Parteiarbeit nur als Arbeit zu verstehen“

 

Niedrigschwellige Angebote, wie der gute alte Stammtisch, sollen wiederbelebt und gleichzeitig neue, digitale Formate entwickelt werden. „Wir müssen raus aus dem Modus Parteiarbeit nur als Arbeit zu verstehen, mit Sitzungen und Tagesordnungen. Das Bierchen nach der Kreisvorstandssitzung und andere Formate ohne Tagesordnung müssen wir entwickeln, um mehr Kommunikationsräume in der Partei zu schaffen, gerade weil – je nach Alter – unterschiedlich kommuniziert wird“, fasst Schaft zusammen. Einen Stammtisch hat der Abgeordnete in seinem Ilmenauer Büro „Zinxx“, benannt nach dem Widerstandskämpfer Karl Zink, bereits etabliert: „Da merken die Leute wieder, die Partei ist mehr als nur ein Sitzungsmarathon.“ In der Universitätsstadt Ilmenau, in Erfurt, Weimar oder Jena ist das die eine Sache, aber im ländlichen Raum sind die Strukturen schon weggebrochen. Schafts nüchterne Einschätzung: „Es ist utopisch in nur zwei Jahren flächendeckend in jedem Ortsteil präsent zu sein.“ Deshalb werden die Wahlen für die ehrenamtlichen Bürgermeister*innen 2022 eine echte Herausforderung für DIE LINKE. Mehr als nur eine handvoll Kandidat*innen wie beim letzten Mal wären da schon ein Schritt in Richtung mehr Sichtbarkeit. 

 

DIE LINKE muss sich vor Ort mehr kümmern 

 

Genauso wichtig ist für Grosse-Röthig die Frage: „Welchen Gebrauchswert hat DIE LINKE für die Menschen auf dem Land? Öffentlich kolportiert wird ja oft, DIE LINKE sei nur noch die Partei für Menschen in der Stadt und mit relativ hoher Bildung.“ „Die Oma im Dorf interessiert aber weniger, was im Bundestag passiert, als der kaputte Weg zum Supermarkt, der mit Rollator zum Hindernis wird, oder wann die Bäume vor dem Haus geschnitten werden. Hier muss die DIE LINKE sich vor Ort mehr kümmern. Dann würden Kommune, Land und Bundestag vielleicht nicht mehr als drei getrennte Raumschiffe wahrgenommen“, fasst Schaft zusammen. Die eine Aktion, die immer funktioniert gibt es nicht, weiß Grosse-Röthig. Der Haustürwahlkampf habe genauso seine Berechtigung wie der klassische Infostand. Nur dürfe man sich nicht dahinter festkrallen, sondern müsse noch mehr auf die Leute zu gehen. Und vor allem dürfen sich solche Aktionen nicht allein auf Wahlkämpfe beschränken, damit das Signal gesendet wird: DIE LINKE kommt jetzt regelmäßig! Und wer sich dann engagieren will, müsse auch nicht alle Inhalte des Wahlprogramms teilen. „Ihr könnt auch für DIE LINKE sein, wenn ihr gegen die Abschaffung Schaumweinsteuer seid“, sagt Grosse-Röthig mit einem Augenzwinkern. 

 

Thomas Holzmann