Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Dann halt noch lauter!

Proteste vor dem Erfurter Siemenswerk
Malu Ayana Uhlig, Erfurter Schülerin,engagiert sich bei Fridays for Future.

Wie geht’s weiter mit Fridays for Future?

Schülerinnen und Schüler im Streik, Greta Thunberg im Kreuzfeuer und eine Ladung Kohlestaub vor der Erfurter Siemens-Zentrale: Die jungen Umweltaktivisten haben unsere Gesellschaft verändert. Alle reden übers Klima, Regierungen legen global hektisch Gesetze auf – oder sie tun zumindest so. Doch reicht das, um die Welt zu retten? Die UNZ im Gespräch mit zwei Thüringer Fridays for Future-Vertretern. 

 

Lasst uns über die Kohle reden

 

Als erste globale Bewegung wirkt Fridays for Future nicht allein in der westlichen Welt, sondern auch in Asien und Afrika.  Und überall geraten die Klimaleugner, die Energiekonzerne, die Hersteller großmotoriger Dreckschleudern in die Defensive. Fridays for Future haben einen Nerv getroffen, doch entsprechend wütend ist auch die Reaktion: Das spürt Greta Thunberg, die zum Ziel immer neuen Spotts und immer neuer Hasskampagnen wird. Und das spüren die Schüler auf den Straßen. Viele prophezeien den meist jugendlichen Demonstrierenden das baldige Ende ihrer Aktionen. Von „Die ändern eh nichts“ bis zum „Grünen Kapitalismus“ erstrecken sich die Unkenrufe. Und natürlich wird auch von rechts scharf geschossen, mit Lügen, Hass und Hetze. Klimaschutz ist nach der Migration das neue heiße Eisen von AfD & Co., die hier zahlreiche Menschen mit Angst vor Veränderungen mobilisieren können.

 

Von Resignation keine Spur 

 

Doch von Resignation oder Frustration spricht in der Erfurter Fridays-for-Future-Gruppe niemand. Malu und Dirk waren schon politisch aktiv, bevor es um CO2 und Klimagerechtigkeit ging. Malu, Schülerin der 12. Klasse, versteht sich als antifaschistisch und feministisch. Auch Dirk, Student, früher mal bei den Grünen, sieht sich als Antifaschist. Kein Wunder also, dass Neonazis  mit viel Schwung daran gehindert wurden, die Erfurter Demos zu infiltrieren. Im Dezember 2018 streikte Fridays for Future in Erfurt erstmals. Dann wuchs die Bewegung rasant. Im März waren es schon Hunderte, im September Tausende, die bei den Streiks auf die Straße gingen.  Dass die Zahlen mittlerweile leicht zurückgehen, beunruhigt Malu und Dirk dennoch nicht. Im Gegenteil. Weil die Politik nicht noch schneller und noch umfassender reagiert, macht sich eine Jetzt-erst-Recht-Stimmung breit. „Wir sind nicht frustriert. Wir werden nicht nur weitermachen, wir werden sogar noch lauter werden“, so Dirk kämpferisch. 

 

Klimagesetzt ist den Aktiven noch viel zu wenig 

 

Dass der Bund überhaupt ein Klimapaket verabschiedet – und Thüringen sogar ein Klimagesetz – wäre ohne den Druck der Bewegung wohl nicht zu Stande gekommen. Trotzdem ist das den Erfurter Aktivisten noch immer viel zu wenig. Gestreikt wird ab sofort einmal im Monat. Außerdem wird es neue Aktionen geben. Der 1. Mai, findet Dirk, ist dafür „ein unglaublich wichtiger Tag“. Schließlich, da sind sich beide mit Blick auf die Debatten um eine CO2-Steuer einig: Es geht um Klima-Gerechtigkeit, so dass eben nicht die Ärmeren dafür bluten müssen und die Reichen einfach so weiter machen.

Auch inhaltliche Workshops sind in der Planung. Mit den „Parents for Future“ wird einmal im Monat an einem Ort in Erfurt aufgeräumt: Müll weg. Entgegen so mancher Vorwürfe packen die Aktiven auch an und reden nicht nur von einer besseren Welt. „Solche Aktionen sollen nicht nur das Stadtbild verbessern, sondern auch das Signal senden: Wir meinen es ernst!“, erklärt Dirk.  

 

Die Bedeutung des demokratischen

 

Neben den „Parents for Future“ stehen die Aktiven im Kontakt mit weiteren Umweltschutz-Gruppen, die sich an den Aktionen beteiligen wollen. So leiste Ende Gelände in Erfurt „einen guten Beitrag“, finden Malu und Dirk. Extinction Rebellion (XR) hat in Thüringen drei Gruppen sowie eine Landesgruppe. Was die Methoden von XR angeht, z.B. Blockaden von Straßen während der Rushhour oder von Flughäfen mit Drohnen, sind beide sehr vorsichtig. Vor allem Dirk betont an dieser Stelle immer wieder die Bedeutung des Demokratischen in der Bewegung. Außerdem litt der Ruf von XR massiv unter der unsäglichen Relativierung des Holocaust durch XR-Mitbegründer Roger Hallam. Nicht nur Fridays for Future, sondern auch XR Deutschland, haben sich deshalb von Hallam klar distanziert.  Innerhalb der Fridays-for-Future-Bewegung gibt es auch international gute Kontakte. Die Erfurter Gruppe traf sich im Sommer in Brüssel mit anderen Aktivisten aus ganz Europa. „Man gibt viel Freizeit auf, aber man gewinnt auch sehr viel dazu, sammelt neue Erfahrungen und lernt neue Leute kennen “, meint Malu. 

 

„Etwas nur grün anstreichen, macht es nicht besser“

 

Dazu gehört aber auch, dass die regionalen Gruppen unterschiedliche Vorstellungen haben. In Frankreich wird die Systemfrage deutlich offener gestellt. Auch in Deutschland gibt es regional durchaus kontroverse Ansätze. Dabei gilt aber: Fridays for Future ist kaum revolutionär oder gar auf Krawall gebürstet. „Die bürgerliche Hoffnung, dass Ziele umgesetzt werden, die längst versprochen wurden“, nennt Dirk das. Fridays for Future sieht er vor allem als „Warner und Forderer“: „Wir sind und bleiben eine demokratische Bewegung und wollen die Erfüllung unserer Ziele mit demokratischen Mitteln“.  Über den Begriff „grüner Kapitalismus“ schütteln beide den Kopf. „Etwas nur grün anstreichen, macht es nicht besser“, sagt Malu. Für Dirk ist die Entwicklung der „Grünen“ in den vergangenen zwei Jahrzehnten beispielhaft dafür. Wenn sie an der Regierung sind, machen sie das Gleiche wie die anderen auch. 

 

Vorsichtige Kapitalismuskritik

 

Auch, wenn Malu und Dirk mit Systemkritik vorsichtig sind, gibt es auf vielen Demos lautstarke antikapitalistische Parolen zu hören. So auch bei der Januar-Protestaktion vor dem Erfurter Siemenswerk. Während in Australien die schlimmsten Buschbrände seit Menschengedenken wüten, plant der Konzern eine Beteiligung an einer Kohlegrube in „Down Under“.  „Ob Kohle aus der Mine, ob Kohle aus der Bank, beiden fehlt die Liebe, beides macht uns krank“, hieß die lautstarke Botschaft, mit der die Bewegung in ihr zweites Jahr startet.  

 

Thomas Holzmann