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Castor-Transport 2010 – So viel Widerstand war nie

Dannenberg wurde zum Symbol für den Protest gegen die Atompolitik der Regierung, die statt Argumenten den Polizeiknüppel sprechen ließ

Tausende Menschen im Wendland haben von 6. bis 8. November einmütig und entschlossen den Castor-Transport 2010 zum politischen Fiasko von Schwarz-Gelb und der Atomindustrie gemacht. Die Durchsetzung der Interessen der Mehrheit der Bevölkerung wurde in die eigenen Hände genommen. Die Enttäuschung über die Arroganz der Mächtigen, die sich von vier Stromkonzernen die Energiepolitik diktieren lassen, führt zu einer neuen Selbstermächtigung der Menschen. Mit der Überzeugung, dass es nicht auf Koalitionsbeschlüsse ankommt, sondern die Frage des Ausstiegs aus der Atomenergie in der niedersächsischen Provinz entschieden wird, konnten der Castor-Transport nur unter dem massivsten und teuersten Polizeieinsatz, der je im Wendland stattgefunden hat, durchgesetzt werden.

Ein Erfolg ist es auch, dass nach der größten Kundgebung, die das Wendland mit 50.000 TeilnehmerInnen je gesehen hat, die meisten Menschen in der Region blieben und sich in den folgenden Tagen an den Aktionen gegen den Transport beteiligten. Der Widerstand war bei aller Vielfalt immer solidarisch. Die Polizei griff angesichts der Tausenden Menschen, die nach den Schienen und Schottersteinen griffen, zu blanker Gewalt. Schlagstöcke, Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer wurden ohne Vorwarnung eingesetzt. Pressevertreter wie Sanitäter wurden ebenso verprügelt wie Aktivisten. Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen, Platzwunden und Augenverletzungen waren zu beklagen. 

Auch bei der Räumung der Sitzblockaden kam es zu Ausschreitungen und Gesetzesverstößen seitens der Polizei. Die Bilder der Gefangenensammelstelle unter freiem Himmel bei Minusgraden in Harlingen gingen durch die europäische Presse. Übernächtigte und schlecht versorgte Polizisten wurden von der Politik zum Büttel der Atomlobby gemacht. Sie steht im Wendland auf verlorenem Posten und weiß das auch. So viel Ablehnung seitens der Bevölkerung vor Ort und das Gefühl, durch die Politik missbraucht zu werden, machte offenbar aggressiv. Kaum jemand außerhalb der Region kann es sich vorstellen, was es heißt als Polizist auf Schritt und Tritt mit Widerstand konfrontiert zu sein. Dutzende Trecker der wendländischen Bauern versperrten die Nachschublinien, Anwohner errichteten Barrikaden aus Stämmen und Erdwällen. Als aus der Kundgebung heraus die Transportstrecke massiv durch Grabarbeiten beschädigt wurde und die Polizei das Loch sicherte, standen zwei ältere Anwohnerinnen neben den Beamten und sagten, die jungen Leute, die dort zugange waren, hätten das „tüchtig“ gemacht. Die Beamten verstanden die Welt nicht mehr.

Das Wendland lässt sich nicht einfach polizeilich besetzen. Auch weil die Menschen dort so unbeugsam sind, wie an keinem anderen Ort, und weil sie Unterstützung haben. Eben kein parteipolitischer Aufgalopp wie bei den Grünen, die sich noch 2001 von ihrem damaligen Bundesumweltminister Trittin den Protest verbieten ließen und jetzt quasi unter skeptischen Blicken der Wendländer „auf Bewährung“ sind. Die LINKE hat dort viele Sympathien, sie gilt als glaubwürdig und konsequent im Vergleich zu SPD und Grünen. Und sie hat an diesem Wochenende gezeigt, dass es nicht darum geht „nur dabei zu sein“, sondern sie ist in der Bewegung „mitten drin“. Sie braucht keine mediale Inszenierung, das Thema muss nicht „besetzt“ werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele LINKE vor Ort aktiv waren, macht Mut. Auch in der Frage, wo und wie sich die Partei gesellschaftliche Veränderung vorstellt, denn an diesem Wochenende haben wir die Republik verändert. Merkels „Herbst der Entscheidungen“ hat eine schwere Niederlage kassiert und die Anti-Atom-Bewegung hat eine Renaissance erfahren, die vor noch einem halben Jahr undenkbar war.                  


Martina Renner

Foto: Peter Lahn