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Autofahren ist das neue Rauchen

Parking Day in Erfurt.
VMT Geschäftsführer Christoph Heuing

Warum Autofahren in der Stadt eine schlechte Angewohnheit ist und wie wir davon loskommen.

Ein Rückblick auf die Erfurter Mobilitätswoche.

Alle, die ihre Autos lieben und das Rasen auf der Autobahn als höchste Form der Freiheit verstehen, müssen jetzt stark sein. Denn das Ende des motorisierten Individualverkehrs ist näher als viele denken. Da hilft weder Geschrei noch ein „Fuck-you-Greta“-Aufkleber am Heck des Protz-SUV. Auch in Thüringen, zumindest in den Städten wie Jena oder Erfurt, gibt es durchaus Alternativen. Das wurde im Rahmen der europäischen Mobilitätswoche bei zahlreichen Veranstaltungen deutlich. 

 

Die Politik muss handeln und erklären

 

Bei einer Diskussionsrunde im Café Nerly brachte es der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Mittelthüringen besonders treffend auf den Punkt. Aus Sicht von Christoph Heuing ist Autofahren wie rauchen – eine schlechte Angewohnheit, die andere mit Lärm, Dreck und Gestank schädigt. Dabei ist Heuing keineswegs ein Traumtänzer im Wolkenkuckucksheim. Dass Maßnahmen, die sich gegen den Autoverkehr richten, auf wenig Akzeptanz stoßen, ist klar. Seine Empfehlung deshalb: Die Politik muss handeln, aber immer wieder erklären warum. Dann würden Maßnahmen auch Wirkung zeigen. 

 

„Es darf keinen Spaß machen, Auto zu fahren!“

 

Perfektes Beispiel dafür: Die Einführung des Rauchverbotes. Was wurde da gezetert über das Sterben der Kneipen und der allherbstlichen Saufgelage in Bierzelten. Nichts davon ist eingetreten und heute wünscht sich im Prinzip niemand, wieder in einer Räucherhöhle zu hocken. Ähnlich könnte es beim Autofahren werden. Hat man sich die schlechte Angewohnheit einmal abgewöhnt, will man sie nicht wieder zurück. Heuing findet: „Es darf keinen Spaß machen, Auto zu fahren!“ So wie in Kopenhagen, wo die Autos oft lange an Kreuzungen stehen müssen, während Radler eine „grüne Welle“ genießen. Wo in Erfurt Autos parken, gibt es in Kopenhagen Radwege. In Wien ist es unmöglich, sein Auto einen ganzen Tag in der Stadt zu parken, weil die Zeiten eng begrenzt sind. „Das wird auch Widerspruch erzeugen“, weiß Heuing. Deshalb müssen gleichzeitig Bus und Bahn, aber auch der Radverkehr, sehr viel attraktiver sein. Und alles muss zusammen gedacht werden. 

 

Auch eine Frage der Kultur

 

Leichter gesagt als getan, denn in Erfurt darf tagsüber das Rad nicht mit in die Straßenbahn. Dafür sind die Wagen einfach zu voll. Kopenhagen hat deshalb extra Fahrradwagen für die S-Bahnen eingeführt. Das ist aber auch ein Frage der Kultur. In der dänischen Hauptstadt kann ein Kind einfach auf die Straße rennen und es passiert nichts, in Erfurt undenkbar.

 

Mit dem Porsche immer schön im Kreis 

 

Auch deshalb sind solche Aktionswochen so wichtig, um einfach mal zu zeigen, dass es auch anders gehen könnte. Die Stadt Erfurt scheint daran aber offenbar wenig Interesse zu haben. Ein „Autofreier Sonntag“ auf dem Stadtring musste wegen absurder Auflagen abgesagt werden. Unter anderem hätten die Veranstaltenden 50 Ordner*innen benötigt. Warum so viele, versteht kein Mensch. Bis man an einem Samstag im Zentrum unterwegs ist, wo alte und auch junge weiße Männer ihre Porsches immer schön am Wenigemarkt im Kreis spazieren fahren. 

 

Eis schlecken, wo sonst Autos parken 

 

Wie schön es ohne, oder zumindest mit weniger Autos in der Stadt sein könnte, wurde dafür beim Parking Day vorgeführt. Eis schlecken und Käffchen schlürfen (obwohl von der Stadtverwaltung verboten), wo sonst Autos parken. Ein bisschen im Liegestuhl chillen und knetschen, wie es in Erfurt so schön heißt, gefällt vielen. Das sollte es öfter als nur einmal im Jahr geben. 

 

Das Ende der Autoindustrie 

 

„Irgendwann fällt der Groschen in der Gesellschaft“, meint auch Christop Heuing. Zumal sich bereits das Ende der Autoindustrie wie wir sie kennen andeutet. Das selbstfahrende Auto wird kommen und zwar von Google, Apple oder Microsoft. Die Dieselfetischisten von Volkswagen, Mercedes und Co. haben erst die Digitalisierung und dann die Künstliche Intelligenz verpennt.  

 

„Der Preis ist nicht entscheidend“ 

 

Das selbstfahrende Auto wirft freilich neue Fragen auf. Aber bis dahin müssen gerade auch in Thüringen mehr Maßnahmen ergriffen werden. Vielleicht ein kostenloser Nahverkehr? Heunig ist skeptisch. Denn: „Der Preis ist nicht entscheidend“. Schließlich ist bei genauem Hinsehen Autofahren auch jetzt schon deutlich teurer. Wenig attraktiv, vor allem für alle jene, die wenig Bahn fahren, ist dagegen das Ticketsystem. Das Hopperticket (50 Kilometer hin und zurück für 9,50 Euro) nutzen viele gerne. Aber es treibt absurde Stilblüten. Zum Beispiel auf der Strecke von Erfurt nach Ilmenau. Es reicht nämlich nur bis zum Bahnhof Pörlitzer Höhe, aber nicht eine Station weiter bis zum Hauptbahnhof. Auch  die Fahrkartenautomaten sind für viele unnötig kompliziert. Ein einheitlicher Thüringer Verkehrsverbund, wie ihn Ministerpräsident Bodo Ramelow gerne hätte, ist noch nicht in Sicht. 

 

Dafür gibt es gute Nachrichten für den Radverkehr. Der Verein Radentscheid Erfurt hat schon über 2.000 Unterschriften für sein Bürgerbegehren gesammelt. Da dürfte es bis Dezember auch mit den benötigten 7.000 klappen. 

 

Thomas Holzmann