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Wir sind vergessen worden

Menschen mit Behinderung hat die Pandemie hart getroffen. Auch danach scheinen sich viele nicht für ihre Probleme zu interessieren. UNZ traf zwei Leute, die das ändern wollen: Nancy Frind aus Erfurt und Jürgen Reinhardt aus Kölleda.

Menschen mit Behinderung: Oft wird über, aber viel zu wenig mit ihnen gesprochen. Das führt nicht selten zu abstrusen Debatten. So behauptete kürzlich ein CDU Bundestagshinterbänkler, die Menschen in den Werkstätten würden 1.600 Euro im Monat verdienen. Das ist von der Realität so weit entfernt wie Thüringen von Timbuktu. Wie es wirklich um deren Alltag bestellt ist, wollte UNZ ganz genau wissen. Dazu trafen wir in Kölleda Jürgen Reinhardt und in Erfurt Nancy Frind.

 

"Wir erarbeiten unser Geld"

 

Nancy leidet seit ihrer Kindheit an einer psychischen Erkrankung samt Depression, ausgelöst durch die Flucht in den Westen 1989 und den frühen Tod ihrer Mutter. Sie schuftet für einen Hungerlohn in einer Werkstatt. Gewürze einpacken oder Akten schreddern gehören dort zu den vielfältigen Aufgaben der Beschäftigten: „Das ist ein Wirtschaftsbetrieb. Wir erarbeiten unser Geld“. 

 

"Ich will davon leben können, nicht von der Grundsicherung abhängig sein" 

 

Im Prinzip werden Menschen mit Behinderung hier schamlos ausgebeutet. Deswegen kämpft Nancy als Werkstatträtin und Frauenbeauftragte auch verbissen für den Mindestlohn. „Ich will davon leben können, nicht von der Grundsicherung abhängig sein und meine Miete selber zahlen.“ Nicht alle verstehen das. Wegen ihres Engagements wurde Nancy auch schon bespuckt. Einmal hat ihr sogar jemand ein Hakenkreuz in den Spind geritzt. 

 

Viele Menschen mit Behinderung wählen AfD

 

Schlimmer noch: „Viele Menschen mit Behinderung wählen AfD und gehen auch zu deren Demos. Ich beobachte das sehr oft“, so Nancy. Grund dafür ist so was wie der RTL-Effekt. Es wird immer nach unten, auf vermeintlich noch Schwächere getreten. Und, weil Geflüchtete Hilfe brauchen – und zum Teil auch bekommen – gesellten sich noch Verlustängste und der Neidfaktor dazu. 

 

Mehr als acht Stunden die Woche in der Werkstatt arbeiten, lohnt sich nicht, weil dieses Geld auf die Sozialleistungen angerechnet wird

 

Auch von der Pandemie waren Menschen mit Behinderungen besonders betroffen, denn am 17. März 2020 mussten die Werkstätten für drei Monate schließen. Immerhin: „Jetzt sind viele geimpft und froh, dass sie wieder arbeiten dürfen“. Aber die vielen Probleme, die es vorher schon gab, sind nicht besser geworden. „Wir, die Behinderten, sind vergessen worden“, schimpft Nancy. Besonders ärgerlich: Mehr als acht Stunden die Woche in der Werkstatt arbeiten, lohnt sich nicht, weil dieses Geld auf die Sozialleistungen angerechnet wird“, stöhnt Nancy. 

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Dank der rot-rot-grünen Landesregierung konnte 2018 die „Liga der Selbstvertretung“ gegründet werden. Die versteht sich als Ansprechpartnerin für alle Menschen mit Behinderungen sowie von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit und fungiert als  Interessenvertretung in verschiedenen Gremien zur Umsetzung des Thüringer Maßnahmenplanes zur UN-Behindertenrechts-konvention. Klar, dass Nancy auch hier im Vorstand am Start ist.

 

Eine Behinderung ist fast immer auch der direkte Weg in die Armut?

 

Das ist auch dringend nötig. Denn seit dem Ausscheiden des LINKEN Abgeordneten Maik Nothnagel 2014 war überhaupt kein Mensch mit Behinderung mehr im Landtag vertreten. Im Erfurter Stadtrat sitzt zwar die frühere Rad-Olympiasiegerin Kristina Vogel (CDU), die nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber Nancy findet, sie ist etwas zu weit weg von den Alltagsproblemen. Deshalb will sie demnächst noch mal in Ruhe das Gespräch mit ihr suchen. Vor allem darüber, dass eine Behinderung fast immer auch der direkte Weg in die Armut ist. 

Solche Probleme kennt auch Jürgen Reinhardt aus Kölleda. Dass das Kaffee, in dem wir uns treffen wollten, neuerdings nachmittags geschlossen hat, ist dagegen keine große Sache. Also geht es zur nächsten Dönerbude, wo es zwar keinen Kaffee, aber dafür kaltes Bier gibt. Als Frührentner kann auch Jürgen sich keinen teuren Rollstuhl – wie ihn Kristina Vogel besitzt – leisten und muss kräftig in die Räder greifen. Helfen lassen möchte er sich dabei nicht. 

Wie auch bei Nancy Frind dürften die meisten Genoss*innen der Thüringer LINKEN schon von Jürgen gehört haben. Nicht nur, weil er den Facebook-Account der Sömmerdarer LINKEN managed, sondern auch, weil er sich gerne einmischt,  und den Großkopferten der Partei widerspricht:  „Das ist das Idea dealmaß, wenn man 70 bis 80 Prozent mit der Parteilinie übereinstimmt“, lautet dabei sein Motto. Über so manche aktuelle Debatten denkt er kritisch. 

 

Warum muss ich bei jemanden, der behindert ist, nochmal besonders betonen, dass es ein Mensch ist

 

Beispiel gendern: „Ich bin mir nicht sicher, ob das der beste Weg gegen Diskriminierung ist. Das Binnen-I verstehe ich ja noch, aber das Gendersternchen funktioniert für mich nicht.“ In der rauen Gegend im Nordosten Thüringens, zwischen Sömmerda und Bad Frankenhausen, steht statt Diplomatie und Staatskunst wie in Erfurt oder Jena  eher das klare Wort, ohne Rücksicht auf Verluste auf der Tagesordnung. „Früher war ich behindert. Jetzt bin ich Mensch mit Behinderung. Aber sonst hat sich nicht viel geändert“, poltert Jürgen mit Blick auf die Debatten um politisch korrekte Sprache. „Warum muss ich bei jemanden, der behindert ist, nochmal besonders betonen, dass es ein Mensch ist“. 

 

Im zwischenmenschlichen Bereich ist es durch Armut und Minijobs einsamer geworden

 

Internet, Soziale Medien und mehr noch die neoliberale Armutspolitik haben Jürgens Alltag verändert: „Im zwischenmenschlichen Bereich ist es durch Armut und Minijobs einsamer geworden. Aber im technischen Bereich, durch Niederflurbusse zum Beispiel, ist heute vieles besser.“ Früher hatte Jürgen in Gera mal eine Lehre als Bürokaufmann angefangen, musste krankheitsbedingt aber auf Bürokraft umsatteln. Heute ärgert er sich, dass er nicht damals schon in DIE LINKE eingetreten ist. Weil er zu der Zeit noch in einer kirchlichen Werkstatt tätig war, hatte er Angst vor den Reaktionen. 

 

Wenn es uns nicht gelingt, Stadt und Land wieder besser zu verbinden wird das noch schlimmer werden

 

„Ich war schon immer links und unbequem, aber die Akzeptanzschwelle für andere Meinungen hat durch Facebook sehr stark abgenommen“, meint Jürgen. In der Wissenschaft sprechen manche sogar schon von einem „kulturellen Bürgerkrieg“: Städte gegen ländliche Räume. Jürgen, der sich hervorragend mit Verkehrspolitik und Geschichte auskennt, ist sich dieser zunehmenden Spaltung sehr bewusst und prophezeit: „Wenn es uns nicht gelingt, Stadt und Land wieder besser zu verbinden wird das noch schlimmer werden. Und wie schon in den zwanziger Jahren, werden dann frühzeitig rechte Parteien im ländlichen Raum an die Macht kommen. In den Kommunen erleben wir ja schon häufiger informelle Koalition von CDU, AfD und FDP“. 

 

"Ich wünsche mir mehr Haupt- und Realschüler, die auch mal Scheiße gefressen haben" 

 

Und was könnte noch dagegen helfen? „Ich wünsche mir mehr Haupt- und Realschüler, die auch mal Scheiße gefressen haben in den verantwortlichen Gremien bis hin zum Bundestag.“

Er selber würde gerne wieder in den Kreistag und den Stadtrat für DIE LINKE. Gerade auch, um in der Verkehrspolitik etwas voran zu bringen. Ein Landtagsmandat könnte er sich ebenso vorstellen, wenn es die Gesundheit zulässt. Aber da würde er Nancy für einen sicheren Listenplatz gerne den Vortritt überlassen. 

Für Nancy beginnt jetzt erst mal ein Praktikum bei der LINKEN Sozialpolitikerin Karola Stange. Im Werkstattrat stehen demnächst Wahlen an. Vermutlich wird sie wieder kandidieren, auch wenn die Aufgabe oft hart und undankbar ist. Aber wenn sich niemand kümmert, die Finger in die Wunden legt, dann werden Menschen mit Behinderung weiter ständig vergessen. 

 

 

 

 

Thomas Holzmann