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„Wir nehmen uns das jetzt“

Das AJZ in der Vollbrachtstraße
Vom alten AJZ im „Bananenkeller“ ist heute nur noch das massive Tor übrig. Das Gebäude ist ein Wohnhaus. Die alten Plakate sind aber zeitlos, denn Kulturkoma heißt auch die aktuelle Kampagne der Erfurter Kreativ-Szene und Rad-Demos gibt es in Erfurt an jedem letzten Freitag eines Monats als „critical mass“.

Die Erfurter Historiker Max Zarnojanczyk und Steven Lange haben die Geschichte des Autonomen Jugendzentrums zur Wendezeit aufgearbeitet. Die alte Festung „Bananenkeller“ nahe der Krämerbücke wurde erst von Nazis angegriffen und dann von der Stadtpolitik aus der Innenstadt verdrängt.

Unbehelligt von staatlichen oder kommunalen Stellen gestalten

 

Das Autonome Jugendzentrum, kurz AJZ war gewollt, aber nicht geplant. Bereits vor der Wende, Mitte 1989, besetzten alternative Jugendliche und junge Erwachsene das „Bananenkeller“ genannte Objekt und betrieben es zunächst als illegale Kellerbar. Zu Beginn war es eine äußerst bunte Truppe: Alternative, Punks, kirchliche Umweltaktivist*innen, Künstler*innen, Linke und nach eigenen Angaben auch „Spinner“. Gemeinsames Ziel: Ein Raum, in dem sie auch nach dem Ende der DDR unbehelligt von staatlichen oder kommunalen Stellen gestalten können, möglichst ohne die Gesetzmäßigkeiten der zunächst sozialistischen und später bürgerlichen Gesellschaft.

Das Objekt gegenüber der Krämerbrücke in der Gotthardstraße/Ecke Hütergasse war nicht das Einzige dieser Art. Weitere Versuche gab es u.a. in der Oststraße, Johannesstraße, am Mainzerhopfplatz und in der Lassallestraße. Letzter existiert noch heute als selbstverwaltetes Haus und als alternatives Zentrum „L50“ samt „food project“ und „Repair Cafe“.  

 

Wendezeit: überall neue Perspektiven, aber keine Orte, um sie umsetzen zu können

 

Die Wendezeit war für viele Menschen im Alter zwischen 15 und 25 einfach nur absurd.  Auf der Ebene von Ideen, Gedanken, Wünschen und Träumen befand sich alles im Auf- und Umbruch – überall neue Perspektiven, aber keine Orte, um sie im eigenen Alltag umsetzen zu können. 1990 gab es in der Innenstadt zwar einen enormen Leerstand, zeitgleich war es für Jugend- liche und junge Erwachsene ungeheuer schwer, eine eigene Wohnung zu finden,  geschweige denn eigene Räumlichkeiten für Projekte. Es blieb quasi nichts anderes übrig als sich immer wieder zu sagen: „Wir nehmen uns das jetzt!“ Das hieß nichts anderes, als ein verfallenes Haus wie den „Banennkeller“ zu besetzen. Neben der zentralen Lage war vor allem der Festungscharakter, mit massivem Tor und im Erdgeschoss zugemauerten Fenstern, enorm wichtig. Hauptgrund dafür: Die extreme Zunahme von brutaler Nazigewalt, in der Zeit die heute treffend als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet wird. 

 

Baseballschlägerjahre: Nazimob am Tag der Einheit

 

Die Gewalt erreichte Anfang der 90er Jahre einen neuen Höhepunkt. Ein Beispiel hierfür sind die bundesweiten Übergriffe auf Linke- und Migrantische Strukturen am Vorabend des 3. Oktober 1990. Kurz nach Mitternacht in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 rückten ungefähr 50 Nazis auf das autonome Jugendzentrum vor. Die Angreifer waren schon lange Parolen grölend zu hören. Als sie das AJZ erreichten, begannen sie es mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörper zu bewerfen und zu beschießen. Die Besonderheit des Angriffes in dieser Nacht: Alle wussten im Vorfeld Bescheid. Die zahlreich anwesenden Vereinsmitglieder und Sympathisanten des AJZ haben sich deshalb vorbereitet und ihrerseits Steine und Flaschen in großer Zahl gesammelt und diese minutenlang auf die Angreifer herabregnen lassen. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Wir hatten da oben ja hunderttausende Flaschen und sonst was und das flog alles aus den Fenstern raus“. Es gibt auch Berichte darüber, dass es eine Sicherheitspartnerschaft von Polizei und AJZ an jenem Abend gegeben haben soll: Die Polizei war in der Nähe präsent, betrat das AJZ aber nicht und die Nutzer des Hauses sollten bei Bedarf selbst heraus kommen und Bescheid geben, wenn sie Hilfe brauchten. 

 

Nazis randalieren, die Polizei schaut zu 

 

In der Realität war es natürlich nur schwer möglich, das Haus zu verlassen, wenn gerade eine 50-köpfige Nazi-Bob „Deutschland erwache“ rufend und Brandsätze werfend vor dem Haus randalierten. Einer der damals Anwesenden beschreibt das Verhalten der Polizei so: „Die standen 100 Meter weiter weg und haben sich das angeguckt, das Theater.“ Das AJZ selbst blieb unbeschadet, aber ein Nachbarhaus fing Feuer, was zu einem zeitweisen Stromausfall in der Gotthardtstraße führte. Eine Zeitzeugin erinnert sich weiter: „Das Haus brennt neben an, die Feuerwehr, Polizei stehen alle hinten, du guckst aus dem Fenster oben raus, du siehst, die stehen in der Seitenstraße. Es interessiert keinen, da wird nichts gelöscht. Die Polizei greift nicht ein, obwohl die sehen, dass da keine Ahnung wieviele Nazis davorstehen und ernsthaft angreifen.“ 

Angriffe von Neonazis blieben auch in den Folge-Jahren keine Seltenheit. Zuletzt gab es 2016 einen Angriff auf das AJZ am neuen Standort in der Magdeburger Allee, samt skandalösen Freispruch für zwei Angreifer im November 2020.

 

Innere Konflikte und Verdrängung aus dem Zentrum

 

Nazis waren aber nicht das einzige Problem. Zeitzeugen berichten, dass es bereits zur Wendezeit, etwa in der Frage des Umgangs mit Rauschmitteln, zu den ersten Konflikten zwischen den verschiedenen Strömungen kam. Eine Zeitzeugin, die sich selbst eher zu den kirchlichen Umweltaktivistinnen zählt, formuliert es so: „Ich gehörte zur so geschimpften Müslifraktion – und die hatte den Hang, eine gewisse Ordnung zu bringen. Die Punks wollten einfach nur abhängen und waren weniger politisch. Die meisten wollten einfach trinken. Aber wir wollten eher politische Veranstaltungen machen.“ 

Deswegen habe sich dann auch eine Gruppe herausgebildet, die ein Wohnprojekt auf den Weg bringen, politische Veranstaltungen, „Volx-küche“, Antifa-Spaziergänge und Ähnliches anbieten wollten. Der Konflikt um die Linie des Vereins war so tiefgreifend, dass der am 21. Juni 1990 gegründete Verein „Autonomes Jugendzentrum e.V.“ bereits am 8. Januar 1991 wieder aufgelöst  wurde und unter dem Namen „Multikulturelles Jugendzentrum und alternative Werkstätten e.V.“ neu gegründet wurde. 

Dessen Selbstverständnis wird in einem Offenen Brief bezüglich des drohenden Verlustes des „Bananenkellers“ aus dem März 1991 greifbar.

 

Für alle außer Rechtsradikale 

 

„Weiterhin wollen wir eine Alternative zu herkömmlichen Vorstellungen von staatlich doktrinierten Jugendclubs etc. und zum jetzigen Kommerz bieten. Wir, [...] sind für alle Gruppierungen ausser der rechtsradikalen Szene offen. Das heißt nicht, daß wir grundsätzlich gegen RECHTS sind. Nicht das man sage, und das ist auch ein Klischee; Wir sind LINKS, weil wir gegen RECHTS sind. Wir wollen alternative Jugendarbeit zum Mitmachen, Selbergestalten, anbieten.“ Das legt nahe, dass sich der politik-affine Teil der Gründungsgruppe bereits aus dem Verein zurückgezogen hatte. Die verbliebenen Gruppen war eher an Jugend- und Sozialarbeit als an explizit politischer Arbeit interessiert. 

 

 

Politische Dimension der Nazigewalt wird ignoriert, um AJZ zu verdrängen 

 

Das Projekt stand vor 30 Jahren aus vielen Richtungen unter Druck. Auch bei seinen Nachbarn war es nicht besonders beliebt. Bereits am 5. Juni 1990 beantragten 80 Anwohner die Verlegung. Das Protokoll einer Aussprache vom Mai 1991  fasste die Hauptkritikpunkte so zusammen: Unerträgliche Lärmbelästigung durch ca. 20 Live- Veranstaltungen im Monat, enorme Verschmutzung der, die Nähe zu einer kunsthistorischen Institution wie dem Augustinerkloster wird als nicht tragbar erachtet, es werden durch Vereinsmitglieder auch leerstehende Nachbarhäuser genutzt und das zerstört die äußere und innere Ruhe des Wohngebietes.“ Perfiderweise wird als Beleg für diese Behauptung, der Naziangriff vom 2/3. Oktober 1990 bemüht. Im Protokoll der Aussprache zwischen dem Verein, Stadtrat und den Anwohner wurde dieser nur noch lapidar als Schlägerei bezeichnet und die politische Dimension einfach ignoriert. 

 

Kampf bis zum Hungerstreik 

 

Die Vereinsmitglieder nahmen die Drohung, verdrängt zu werden aber nicht einfach hin und drohten in einem Offenen Brief aus dem März 1991 ihrerseits: 

„Sollte der Magistrat der Stadt Erfurt bis zum 7.4.1991 keine eindeutige Stellung im Hinblick auf die Forderungen des AJZs nehmen. Werden einige Jugendliche des Hauses am 7.4. um, 24:00 Uhr, in einen unbefristeten Hungerstreik treten. Wir sind keine Märtyrer, wir verlangen nur, was uns zusteht, mehr nicht.“ Sie forderten außerdem einen langfristigen Mietvertrag, eine Sanierung des Daches sowie mindestens 8 ABM-Stellen stellen, die durch eigene Leute besetzt werden sollen. Ob tatsächlich Leute in den Hungerstreik traten lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren. 

Jedenfalls half alles nichts. Der Stadtrat beschloss den Umzug des AJZ am 29.5.1991 mit dem Versprechen, ein Ersatzobjekt in der Innenstadt zu suchen und dieses voll zu sanieren. In der echten Welt befindet sich der neue Standort bis heute in der Vollbrachtstraße 1, am Ende der Magdeburger Allee. Das ist zwar nicht Stadtrand, aber auch nicht Innenstadt. 

 

Am neuen Ort war alles doof

 

Der neue Standort war bei den Vereinsmitgliedern nicht besonders beliebt. Durch die weniger zentrale Lage und den nicht mehr vorhandenen Festungscharakter wurde das neue Haus nur langsam angenommen, von manchen gar nicht. Eine Zeitzeugin: „Da war alles doof. Bar war doof. Wie es gebaut war, war es doof. Das Haus war doof. Der Hof war doof, das war ja nicht geschützt. Der Ort war doof da biste ja immer da runter, alles doof.“ 

 

Punkerputsch und Isolation 

 

Der Umzug veränderte auch Kräfteverhältnisse im Verein. Politikaffine wurden 1991 raus gedrängt und die Kunstaffinen kamen nicht mit, weil es für sie keine ausreichenden Räumlichkeiten gab. Die geforderten ABM-Stellen wurden zwar bewilligt, führten bei der Frage der Besetzung Ende 1993 zu einem größeren Konflikt in dem sich die Punks endgültig als dominante Gruppe im Verein durchsetzen. Dadurch war das AJZ innerhalb der linken Szene relativ lange isoliert. 

 

Die neue Offenheit  

 

Das hat sich in den letzten rund 10 Jahren wieder verändert. Das AJZ ist heute deutlich offener und es gibt eine spürbare Solidarität unter den Sozio-Kulturakteuren im  Erfurter Norden.  So fand im Sommer 2020 das Proforma-Festival sowohl im AJZ als auch im auf der anderen Straßenseite gelegenen links-liberalen Klanggerüst statt.