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Wenn die Natur krepiert

Bioland-Imker Max Reschke erklärt, warum beim Bienensterben Betroffenheit oft nur geheuchelt wird und warum wir nicht auf Leute hören sollten, die ihrem englischen Rasen hinterher trauern.

 

 

Bienen muss mensch einfach lieben. Anders als die besonders im September meistens extrem nervigen (aber trotzdem unverzichtbaren) Wespen, klauen die auch nicht das Essen vom Teller. Albert Einstein prophezeite, vier Jahre nach dem Aussterben der Biene, das Ende der Menschheit. In Teilen Chinas müssen Blüten seit Jahrzehnten von Menschenhand bestäubt werden. Sonst würde es keine Nashi-Birnen mehr geben. 

Und in Thüringen? An den Windschutzscheiben der Autos kann jede und jeder erkennen wie dramatisch das Insektensterben ist: Wo einst im Sommer eine hartnäckige Patina zermatschter Fliegen klebte, herrscht heute klare Sicht. Drohen uns etwa chinesische Verhältnisse, wollte UNZ wissen. Dazu trafen wir in Apolda den Bioland-Imker Max Reschke.

 

Max Reschke: preisgekrönter Bio Immer aus Apolda 

 

Als Teenager fasziniert von Opas Kindheitsgeschichten auf dem Bauernhof mit Bienenhaus ist Max Reschke schon in seiner 14. Bienensaison. „Es ist ein entspanntes Arbeiten mit den Tieren. Die haben, genau wie ich, auch mal einen schlechten Tag. Wenn ich das merke, mache ich den Kasten wieder zu.“ Für seinen Honig-Essig hat Reschke sogar schon einen Preis gewonnen. „Du kannst aus allen Sachen der Biene tolles Zeug herstellen, man muss nur mit ihr zusammenarbeiten. Ich will, dass meine Produkte eine Geschichte erzählen und nicht alles in einen großen Eimer kippen und zu einer Verkaufsstelle fahren.“ 

 

„Die Bienen brauchen jetzt den Menschen“

 

Für den Laien klingt das alles super positiv und die Bienenstöcke ganz in der Nähe des Eiermannbaus in Apolda  machen einen kerngesunden Eindruck. Aber: Die Varroamilbe macht den Bienen vor allem im Winter zu schaffen. „Vor 40 Jahren wurde die europäische mit der asiatischen Biene gekreuzt und seit dem breitet sich der Parasit aus.“ Die Ausbreitung der Milbe verläuft rasant und kann für die Völker zu Bedrohung werden. „Wir haben es geschafft, dass Bienen in freier Wildbahn nicht mehr ohne Imker überleben. Die Bienen brauchen jetzt den Menschen“, lautet Reschkes bitteres Fazit. Und das ist nur eins der Probleme. 

 

Trotz Verbot wird gespitzt 

 

Reschke kennt die nur zu gut. Ob als Grünen-Politiker im Kreistag und Stadtrat oder manchmal in der Kirche, diskutiert er mit den alten weißen Männern der CDU.  Sein Standpunk dabei: „Es ist keine Ideologie, die Probleme anzusprechen, die da sind!“ 

Beispiel Raps: Eigentlich dürfte tagsüber nicht gegen den Rapsglanzkäfer gespritzt werden. Es wird trotzdem getan, weil sonst ein großer Verlust droht. Für Bienen sollen die eingesetzten Mittel ungefährlich sein. Aber Reschke hat da seine eigenen Erfahrungswerte: „Die Wächterinnen schauen, dass nur die Bienen in den Stock fliegen, die auch dahin gehören und und den ‚Stockeigenen Geruch‘ haben. Da kann das Mittel so ungefährlich sein wie es will. Wenn die Biene anders riecht, wird sie nicht reingelassen. Pro Bienenvolk kann das schnell einige tausend Bienen treffen.“ 

 

Politik muss standhafter werden 

 

Nicht direkt sichtbar sind die Umweltschäden auch am Eiermannbau. Wo seit der internationalen Bauaustellung im letzten Jahr Kultur in die „Open Factory“ Einzug hält, wurden bei den Nazis Flammenwerfer und zu DDR-Zeiten Feuerlöscher für die Feuerwehr produziert. Der Boden ist mit giftigen Weichmachern verseucht. Für die Bienen ist das zwar keine direkte Gefahr wie Glyphosat und Co., zeigt aber generell wie wir mit der Natur bisher umgegangen sind:  „Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es zu spät!“  Von der Thüringer Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) und Landwirtschaftsminister Benjamin Hoff (LINKE) wünscht sich der Imker deshalb mehr Standhaftigkeit.  

 

Tiefer Graben zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz

 

„Leider gibt es zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz einen tiefen Graben, und auf beiden Seiten wird viel geschrien. Eigentlich müssten beide einen Schritt zurück machen. Aber wie soll man einen Schritt zurück machen, wenn die Natur überall am Krepieren ist?“ 

 

Qualität, statt Quantität belohnen

 

Eine Kultur des Zuhörens würde aus Sicht des Imkers helfen. Nur dann könnten endlich die großen Fragen bis hin zur europäischen Förderpolitik angegangen werden. Die bisherige EU-Subventionspraxis ist für Reschke eine Förderung mit der Gießkanne. Deshalb sollten nicht die Betriebe, die viel haben gefördert werden, sondern jene, die viel Aufwand betreiben. Heißt: Qualität, statt Quantität belohnen. Wenn es für Hecken oder Obstbäume am Wegesrand keine Förderungen gibt, dann pflegen viele Landwirte sie auch nicht oder roden sie ganz, wie es vor Jahren passiert ist“, so Reschkes nüchterne Analyse. 

 

Es wird für Spekulation produziert 

 

„Als ich Tierwirt gelernt habe, hieß es beim Bauernverband: Ihr müsst die Welt ernähren! Doch damals wie heute bin ich der Überzeugung das ist Quatsch. Es wird dafür produziert, dass im globalen Maßstab mit Lebensmitteln spekuliert wird.“ Das sind große Fragen, die eigentlich nur global gelöst werden können.

 

Zurück zum „Jäger und Sammler“ 

 

Aber kann auch der einzelne Mensch etwas tun – zum Beispiel beim Kauf von Honig? „Der Imker gibt sich fast immer Mühe, aber was aus seinem Produkt gemacht wird, ist eine andere Frage“. Für Reschke stellt die Quetschflasche mit Flüssighonig eher ein negatives Beispiel für „Honiggenuss“ dar.„Wir haben die Vorstellung, dass die Politik alles regelt, aber das macht sie bei Lebensmitteln leider nicht. Deswegen müssen wir als Verbraucher zurück zum 'Jäger und Sammler'. Das heißt genau auf die Verpackung zu schauen, wo etwas herkommt  und nicht hinterher darüber aufregen, dass man beim Apfel die Schale vor lauter spritzen nicht mitessen kann.“ 

 

Nicht dem englischen Rasen hinterher trauern 

 

Max Reschke will nicht „mit dem alten Strom schwimmen“. Es nervt ihn, dass kurz Betroffenheit geheuchelt wird, wenn es ums Bienensterben geht. Und dann ändert sich wieder nichts. Kleine Maßnahmen wie mehr Blühstreifen sind für ihn nur „Naturschutz auf Sparflamme“. Überhaupt erscheinen dem Imker 80 Prozent des Naturschutzes nur Schaufensterpolitik zu sein. „Wir brauchen endlich einen ernst gemeinten Naturschutz.“ Das heißt auch, den Leuten zu trotzen, die ihrem englischen Rasen hinterher trauern.  Insekten gibt es dort nämlich nicht.

 

Thomas Holzmann