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„Wann lassen die uns wieder raus

Seit Kurzem darf wieder Besuch empfangen werden. UNZ musste aber vor dem Zaun bleiben.

Menschen in Pflegeheimen leiden extrem unter den Beschränkungen. Die begannen dort schon Anfang März. Und das Virus offenbart einmal mehr den Pflegenotstand. UNZ sprach mit Dr. Bärbel Leucht, die ihre Mutter im Heim sehr lange nicht besuchen konnte.

 

Hygiene-Demo in Gera: Ein verzweifelter Rentner versucht einem ARD-Reporter zu erklären, dass er wegen Corona seine Frau im Pflegeheim nicht besuchen kann. Doch er wird niedergebrüllt, von einem Typen, der vom „Merkelregime“ schwadroniert und, dass man bei ARD und ZDF die Kontrolle über sein Leben verliert. Im Gegensatz zu solchen Schreihälsen, hat der alte Mann allen Grund zu demonstrieren. Und er ist nicht der Einzige, für den die Corona-Beschränkungen „seelische Folter“ sind. Wie geht es Menschen, die ihre Angehörigen nicht treffen können?

 

Mal in die Stadt, das geht seit Wochen nicht 

 

UNZ traf die Informatikerin Dr. Bärbel Leucht. Sie arbeitet bei Schuler Pressen (ehemals Umformtechnik) in Erfurt. Ihre 91-jährige Mutter lebt seit 2016 im Heim: „Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen, aber geistig fit. Seit sie neue Hörgeräte hat, kann sie wieder voll am Leben teilnehmen.“ Und sie versteht durchaus die Notwendigkeit der Beschränkungen. Vor der Krise war ihre Tochter jedes Wochenende da. Mal mit dem Rollstuhl in die Umgebung oder mit der Bahn in die Stadt fahren, einen Kaffee trinken, das alles geht seit Corona nicht. „Das vermisst sie am meisten. Gerade erst hat sie gefragt: Wann lassen die uns mal wieder raus?“

 

„Nach vier Wochen konnten wir uns das erste Mal wieder über den Zaun sehen“

 

Was viele nicht wissen: Die Einschränkungen in den Heimen begannen schon Anfang März, vor dem Shutdown. Eine viel zu lange Zeit blieb nur das tägliche Telefonat. Niemand durfte kommen, keiner konnte mehr raus. Hier ist der inflationär verwendete Begriff „Lockdown“ tatsächlich eine Ausgangs- sperre. Immerhin: Das Heim von Mutter Leucht verfügt über einen Garten, sodass die Bewohner zumindest mal frische Luft schnappen können. Das geht aber nicht überall. „Nach vier Wochen konnten wir uns das erste Mal wieder über den Zaun sehen“, so Bärbel Leucht erleichtert. „Als das mit Corona losging, hatte ich große Sorgen, denn ich wusste, wie eng die Personaldecke ist. Stichwort: Pflegenotstand!“ 

 

Von Dank allein können Pflegefachkräfte nicht leben

 

In jedem Wohnbereich müssten eigentlich vier Pflegefachkräfte sein. Es sind aber nur drei. „Was ich mit meiner Mutti sonst unternommen habe, kann heute keiner machen.“ Aber das ist kein Vorwurf an das Personal, im Gegenteil: „Ich sage den Leuten bei jeder Gelegenheit, wie dankbar ich für ihre Arbeit bin.“  Davon können Pflegefachkräfte freilich nicht leben, das ist ihr mehr als bewusst.  

 

Pflegenotstand; „Das ist für die Älteren verheerend“

 

Als aktives Mitglied der Linkspartei engagiert sich Bärbel Leucht seit zwei Jahren bei der Pflege-kampagne. „Meine Eltern waren Genossen und haben mir das vorgelebt. Der Traum, die Vision von einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, leitet mich bis heute.“ Die Realität ist aber eine andere. Gerade in der Pflege herrscht eine Zweiklassengesellschaft, sowohl bei den Patienten als auch beim Personal. Die Grundausbildung für Kranken- und Altenpflege wurde zusammengelegt. Das sollte den Pflegenotstand lindern. Tatsächlich geht dadurch aber immer mehr Personal in die Krankenhäuser. Dort kriegen sie mehr Geld und haben bessere Arbeitsbedingungen. „Das ist für die Älteren verheerend“, sagt die engagierte Frau und setzt sich für die LINKE-Forderung nach einer Pflegefachquote ein, auch wenn die während der Corona-Krise noch nicht kommen kann. 

 

Mit einer Bundesratsinitiative zur Pflegevollversicherung?

 

Natürlich findet sie eine höhere Entlohnung mindestens ebenso wichtig. Problem: Diese Kosten werden 1 zu 1 auf die Bewohner abgewälzt. „Viele Angehörige haben mir voller Verzweiflung gesagt, sie wissen überhaupt nicht, wie sie das bezahlen sollen.“ Deswegen unterstützt sie auch die Idee einer Pflegevollversicherung, statt der jetzigen „idiotischen Teilkasko“. Heißt: Wenn die Löhne der Angestellten steigen, werden diese Kosten nicht mehr auf die Patienten umgelegt. Einfach wird das nicht. Deshalb wünscht sich Bärbel Leucht von der rot-rot-grünen Landesregierung eine Bundesratsinitiative, am besten zusammen mit Bremen und Berlin, wo Rot-Grün bzw. Rot-Rot-Grün regiert. Die Erfolgsaussichten sind keineswegs aussichtslos. Öffentlicher Druck ist durchaus vorhanden. Und die Geschichte der staatlichen Pflegeversicherung in Deutschland belegt, dass deren Ursprung ebenfalls auf einer Bundesratsinitiative fußte.

 

Thomas Holzmann