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Unverpackt im Paradies

Die Inhaberin des Jenaer Unverpackt-Ladens, Dr. Kati Fröhlich, muss 7 Tage die Woche 12 bis 14 Stunden ran, aber das macht sie gerne: „Für mich ist das kein Job“.
Ein leeres Gefäß mitbringen oder im Laden ausleihen und schon kommen Grundnahrungsmittel, Kaffee, Gewürze und sogar Waschmittel ohne dabei Müll zu produzieren in die heimische Vorratskammer.

Versuche, das Null-Müll-Prinzip in einer Art Mini-Supermarkt zu etablieren, gibt es einige in Thüringen. Anders als in Erfurt, scheint es in Jena seit mehr als vier Jahren sogar bestens zu laufen. Aber der tägliche Kampf ist ein hartes Brot und die Konkurrenz spielt auch im „Grünen Kapitalismus“ nicht immer mit fairen Mitteln.

Das Zero-Waste, das Null-Müll-Prinzip ist seit 20 Jahren weltweit auf dem Vormarsch. Auch in Thüringen interessieren sich immer mehr Menschen für diesen Aspekt des Umweltschutzes. Problem nur, egal ob online oder im Supermarkt – alles ist in Plastik verpackt, eingeschweißt und mit Hochglanz-Bildern bedruckt, damit es sich besser verkauft. Ein ganz anderer Weg wird in Unverpackt-Läden eingeschlagen. UNZ wollte wissen, wie die Geschäfte laufen und besuchte den erfolgreichsten Thüringer Shop dieser Art. Der befindet sich, wenig überraschend, im Jenaer Damenviertel. „Die ersten zwei Jahre ging es bei uns überproportional gut. Wir haben Plus gemacht und hatten genug Puffer, um die letzte Zeit zu überstehen. Aber der Puffer ist aufgebraucht. Gewinn haben wir nur gemacht, weil ich jeden Tag 12 bis 14 Stunden, 7 Tage die Woche da bin“, erklärt Inhaberin Dr. Kati Fröhlich. 

 

„Es gibt in Jena eine super Community und aus Stammkunden wurden Freunde“

 

Klingt nach Hardcore-Selbstausbeutung. Das weist sie weit von sich. „Für mich ist das kein Job, ich mache was Gutes und das mache ich super gerne“. Als promovierte Lebensmittelchemikerin könnte sie in dieser Branche problemlos eine gut bezahlte Arbeit ergattern. Aber: „Es gibt in Jena eine super Community. Aus Stammkunden wurden Freunde. Das baut einen immer wieder auf, wenn es mal schlecht läuft. Man sieht, dass man was erreichen, Leute motivieren kann, auch in anderen Bereichen ökologisch zu leben“. Im „Kiez“ Damenviertel ist das Jeninchen kein reiner Verkaufsladen. Vor allem durch regelmäßige Workshops zur Müllvermeidung sowie durch tägliche frische Essensangebote kommen hier die Leute zusammen.

 

Zu Beginn der Pandemie standen die Kund*innen vor der Tür Schlange

 

Aber auch, wenn die Arbeit Spaß macht: „Man muss es aus Überzeugung machen. Seit Corona denken alle: Ihr habt offen und euch sogar erweitert. Aber wir können immer nur zwei Leute reinlassen“, stöhnt Fröhlich. Die Erweiterung war schon länger geplant und dann bot sich während Corona die einmalige Chance, direkt einem Raum nebenan zu bekommen. Da muss im Jenaer Damenviertel, wo die Mieten stärker wuchern als das Unkraut im Botanischen Garten, natürlich zugegriffen werden. Vor allem zu Beginn der Pandemie standen die Kund*innen vor der Tür Schlange. Fröhlich mussten extra Leute einstellen. Die haben drinnen abgefüllt und draußen wurde bezahlt. 

 

Corona ist das Hauptthema und die Umwelt fällt hinten runter

 

Die Kundschaft hat dafür zum Glück Verständnis. Größtes Corona-Problem: Die Studierenden fehlen. Und davon gibt es an Fachhochschule und Uni immerhin weit über 20.000. „Jetzt kommen sie langsam wieder zurück. Aber wir können keine Werbung bei Veranstaltungen machen und schlimmer noch: Die Leute sind bequemer, umweltfauler geworden. Corona ist das Hauptthema und die Umwelt fällt hinten runter. Das sagen sogar Stammkunden“, so Fröhlichs Einschätzung. Corona-Hilfen gibt es auch keine, denn der Laden war immer offen.

 

Nach außen viel grün, aber so richtig viel kommt da nicht

 

Von der Politik erhofft sich Kati Fröhlich schon länger keine große Hilfe mehr. „Das ist nach außen hin viel grün, aber so richtig viel kommt da nicht.“ Das ist nicht nur in Jena so. In Erfurt gab es vor ein paar Jahren eine Debatte, Einwegbecher für den To-Go-Kaffee zu verbieten. Es folgte der übliche Standard-Shitstorm, der die Debatte bis heute begraben hält. 

 

Einwegplastik seit 10 Jahren verboten, aber keine hält sich dran

 

Und in Jena? „In der Marktordnung steht seit 10 Jahren, dass kein Einwegplastik verwendet darf. Aber es hält sich keiner dran und kontrolliert wird nicht. Wie bei Corona. 2G ist ja schön und gut, aber wenn es nicht kontrolliert wird ... Und so ist das auch bei den Verboten: Es traut sich einfach keiner“, so Fröhlichs nüchterner Blick auf die Kommunal- und Landespolitik. 

 

Das Klischee vom Öko-Hipster 

 

In Erfurt gab es eine Reihe von Gründen, warum der Unverpackt-Laden „Luise genießt“, nach nur zwei Jahren dicht machen musste. Nur einer davon war, dass so mancher klischeehafter Öko-Hipster nicht mit seinem SUV davor parken konnte. Dieses Klientel gibt es in Jena ebenso, etwa in Form von wichtigen Leuten aus der Politik, die drinnen schöne Bilder knipsen und draußen den Chauffeur bei laufendem Motor im Dienstwagen sitzen lassen. „Aus Sicherheitsgründen“, lautete die Antwort als das auf Kritik stieß. „Da sind alle gleich, aber trotzdem sind wir ja froh, wenn wir Leute erreichen und die Politik mit aufspringt“, sagt Fröhlich. 

 

Konkurrenz und „Grüner“ Kapitalismus 

 

Dass ein Unverpackt-Laden in Jena besser als in Erfurt funktioniert, wird alle, die beide Städte kennen, kaum überraschen. „Wir haben Glück und leben in einer ‘Grünen Blase’. Wenn wir es in Jena nicht schaffen, wo dann“, meint Fröhlich. Allerdings sind Tegut und Edeka in Jena mit einer „Unverpackt-Strecke“ quasi in den „grünen Kapitalismus“ eingestiegen. „Ich denke, dass haben wir mit voran getrieben. Aber die nennen das unverpackt und das ist es nicht wirklich! Die kaufen in 5-Kilo-Paketen ein. Wir dagegen in 25-Kilo-Paketen. Das, was an Verpackungen anfällt, ist meist aus Papier und kann wiederverwendet werden. Und, wenn doch mal was weg muss, dann geben wir die als Beutel für eine Müllsammelaktion mit. Wir schmeißen wirklich so gut wie nichts weg“, fasst Fröhlich zusammen.

 

„Spione“ im Jeninchen

 

Vor nicht allzu langer Zeit waren in Plastik eingeschweißte Biogurken in den Supermärten Standard. Das ist ebenso verschwunden wie ein „Rewe2Go“, der auf dem Erfurter Anger geschälte, in Plastik eingeschweißte Zwiebeln, und anderen Irrsinn im Sortiment hatte. „Das Umdenken ist da, aber Greenwashing ist ein Ärgernis. Die Großen können ganz andere Preise nehmen und das macht vieles kaputt. Anderseits Lernen mit den Großen mehr Leute das Unverpackt-Prinzip kennen“, so Fröhlichs zwiespältiger Blick auf die Konzern-Konkurrenz. Die gibt es aber auch ohne Börsenhintergrund. Mehr als einmal tauchten „Spione“ im Jenichen auf, die andernorts einen Unverpackt-Laden auf machen wollten. Dabei ist Kati Fröhlich gern bereit, andere zu beraten. Aber im „Grünen Kapitalismus“ wird mit harten Mitteln gekämpft und für manch kleine Bioläden in Jena ist das Jenichen offenbar in erster Linie nur ein Konkurrent. 

 

 

Müllvermeidung im Alltag

 

Wer keinen Unverpackt-Laden in der Nähe hat kann übrigens auch so etwas zur Müllvermeidung tun. „Es muss ja nicht gleich jeder perfekt sein. Ein erster ganz leichter Schritt: Obst und Gemüse ohne Beutel kaufen und zu Hause gründlich abwaschen“, schlägt Kati Fröhlich vor. Nächster Schritt: Essen und Coffee 2 go – das geht alles ohne Probleme mit Mehrweggeschirr. Beim Bäcker einen Beutel für die Brötchen von zu Hause mitbringen. Beim Waschmittel eine möglichst größere Packung kaufen. Das sind alles Maßnahmen, die nicht gleich das ganze Leben auf den Kopf stellen. Aber wenn die Mehrheit darauf achten würde, wäre schon einiges erreicht. 

 

Thomas Holzmann