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Teilen ist Gold

Tim Borgmann lädt einen Kasten Bier in das Ella Lastenrad.
Auch Buchhändlerin Christiane Mock nutzt gerne das Rad, um Kund*innen mit frischem Lesestoff zu beliefern.

Das Lastenrad als Alternative zum Auto? UNZ sprach mit den Unternehmer*innen

Christiane Mock und Tim Borgmann über die Möglichkeiten und war auch selbst

auf Testfahrt mit dem Ella-Lastenrad.

 

Kein obskurer Konzern

Einfach unter: www.ella-lastenrad.de registrieren und schon kann Eines von derzeit vier Lastenrädern gebucht werden. Ella steht für „Erfurts langersehntes Lastenrad“ und ist ein seit April 2016 bestehendes, kostenfreies Leihangebot für Lastenräder. Und das soll wirklich kostenlos sein? Ja, denn dahinter steht kein obskurer Konzern  a la „Bird“ wie bei den blödsinnigen E-Scootern, sondern  der Verein S.P.u.K. e.V.

Verleihstationen in der Stadt verteilt

Kenner*innen der linken Szene wissen, dahinter steht die „L 50“. Das heißt: „Lassallestraße 50“ und bezeichnet den „Offenen Raum“ im Erdgeschoss des Hausprojekts  „wohnopolis“. Die haben seit 2013 eine Menge bemerkenswerter Projekte angeleiert, z.B. das „Food Projekt“ oder das „Repair Cafe“. S.P.u.K. e.V. fungiert als Trägerverein für das Projekt Ella. Die Verleihstationen sind in der Stadt verteilt. 

Deutlich leichter zu fahren als erwartet

Wir holen unser Rad im Clärchen in der  Meienbergstraße  ab. Auch das klappt reibungslos. Noch kurz checken ob alles funktioniert und los geht’s: Etwas ungewohnt, dafür aber deutlich leichter zu fahren als erwartet. Vielleicht lässt es sich am Ehesten mit dem Umstieg von einem Standard-PKW auf einen Van vergleichen. 

Mehr Radwege und Lastenräder heißt nicht, dass Autos verboten werden

Mit ordentlicher Beladung wird allerdings auch für geübte Radler*innen der Sprint bei „Grün-Gelb“ über die Kreuzung eine echte Herausforderung. Nach 10 Kilometern fängt man an, sich einen E-Antrieb vorzustellen. Das würde dem Projekt sicher weiteren Aufwind verschaffen. Die mangelhafte Erfurter Radinfrastruktur macht aus der  Ermattung eine leicht grummelige Grundstimmung. Nichtsdestotrotz kann das Lastenrad sehr wohl eine gute Alternative zum Auto sein. Dazu müsste sich aber die Radinfrastruktur deutlich verbessern. Wo ein Bordstein mit einem Mountainbike keine Hürde darstellt, wirkt die selbe Stelle mit einem voll beladenem Lastrad als würde man volles Rohr gegen die Eiger Nordwand brettern. Mehr Radwege und Lastenräder heißt nicht, dass Autos gänzlich verboten werden, wie irgendwelche Verschwörungsnazis im Internet phantasieren. Auch Buchhändlerin Christiane Mock ist manchmal froh, dass es die Erfindung Auto gibt. In ihrer Contineo-Buchhandlung nutzt sie aber, wenn es geht, ein Rad, um Bücher auszuliefern. 

Neue Netzwerke lokaler Unternehmen 

Da Ella auf Spenden basiert, kommt es bei dieser Art von Sharing Economy (Teil-Wirtschaft) auf neue Netzwerke lokaler Unternehmen an. Gut, dass auch das Clärchen mitmacht. Anders als Denns, Alnatura oder Organics ist das Clärchen keine gesichtslose  Kette, dafür aber umso fortschrittlicher:  Den Großteil seiner Waren bezieht der Laden direktvon 17 kleinbäuerlichen Biohöfen und Produzenten aus maximal 70 Kilometer Entfernung. Einmal in der Woche kommt das Gemüse von der „solidarischen Landwirtschaft aus Büßleben mit dem Lastenrad samt Elektro-Anhänger nach Erfurt“ um dort von den Ernteteiler*innen abgeholt zu werden, erläutert Clärchen-Inhaber Tim Borgmann. Samstags geht es außerdem per Lastenrad auf den Domplatz, wo auch Clärchen-Lieferanten zu finden sind. Braucht der Bioladen das Gefährt selbst gerade nicht, kann es – wie schon beschrieben – ganz easy kostenlos ausgeliehen werden.

„Alles, was wir selber machen, geht ohne Auto“

Ist aus Unternehmer-Perspektive in Erfurt ein autofreies Leben irgendwann möglich? „Auf jeden Fall“, meint Tim Borgmann. Wenn er mal ein Auto benötigt, heißt es auch hier: Teilen ist Gold, denn der Lebensmittelhändler setzt auf Car Sharing von Teil-Auto. Prinzipiell gilt aber: „Alles, was wir selber machen, geht ohne Auto“, so Borgmann. Problematisch sei es eigentlich nur beim Lieferantenverkehr. 

Mehr Wertschöpfung in der Region halten

Manche mögen solche Sichtweisen als realitätsfremd abtun. Angesichts der positiven Entwicklung des im Dezember 2015 gegründeten Ladens, der 2019 in größere Räumlichkeiten umziehen musste, dürfte das mehr als widerlegt sein. Über andere bemerkenswerte Aspekte wie Verpackungsreduzierung, das Wein-Taxi, die solidarische Landwirtschaft, Direktvermarktung und Tim Borgmanns Pläne, um mehr Wertschöpfung in der Region zu halten, wird UNZ demnächst noch ausführlich berichten. 

Direkt ist besser als digital

Die Belieferung mit Büchern durch die Radfahrer*Innen der Contineo Buchhandlung funktioniert ausgesprochen leicht: Per Telefon (0361 7314536), E-Mail (kontakt@contineo.de), WhatsApp oder Telegram die Wünsche übermitteln und im persönlichen Kontakt werden die Liefermodalitäten geklärt. Durch den direkten Kontakt ist das meist viel unkomplizierter möglich, als bei digitalen Versandoptionen. Die Buchhändler*innen freuen sich immer über ihre Fahrradfahrten und durch die Stadt und die Begegnungen mit den Leser*Innen. UNZ-Tipp deshalb: Ob Pizza, Sushi oder Bücher – persönlich anrufen und bloß nicht Lieferando nutzen!

Große Elektrofachmärkte haben immer noch keinen regionalen Lieferservice

Es ist erstaunlich, dass kleine Läden hier in die Zukunft starten, während große Elektrofachmärkte immer noch keinen regionalen Lieferservice anbieten. „Ich habe früher im Antiquariat „Am Waidspeicher“ am Domplatz gearbeitet. Dort haben wir bei einem größeren Bucheinkauf angeboten, die Bücher hinterherzuschicken, damit die Kunden die Bücher nicht beim weiteren Aufenthalt in der Stadt den ganzen Tag tragen müssen. Über solche Sachen muss sich lokaler Handel Gedanken machen, mit oder ohne Lastenrad. Nur jammern, dass alles den Bach runter geht, ist definitiv keine Lösung“, sagt Christiane Mock kämpferisch.  

Schon bald mehr Lastenräder?

Mehr Lastenräder  wird es mit Sicherheit bald geben: „Eine Privatperson hat die Landesförderung beantragt und sogar versprochen, den Eigenanteil zu spenden“, verrät Christiane Mock. Das wäre extrem wichtig, denn eines der Lastenräder wurde kürzlich geklaut: „Das haben wir in alle Einzelteile zerlegt in einem Graben wieder gefunden“.

Nicht jeder braucht ein eigenes Lastenrad 

Seit Rot-Rot-Grün letzten Sommer Lastenräder mit bis zu 3.000 Euro förderte, ist klar, dass die Nachfrage vor allem in den größeren Thüringer Städten sehr hoch ist. Vor dem Hintergrund braucht es dringend mehr Abstellflächen. Schließlich benötigt ein Lastenrad deutlich mehr Platz. Christiane Mock betont deshalb auch: „Wir sollten bei den Lastenrädern nicht den gleichen Fehler machen wie bei den Autos – es muss sich nicht jeder ein eigenes vor die Haustür stellen.“

Will heißen: „sharing“ ist „caring“ oder anders gesagt: Teilen ist Gold!

 

Thomas Holzmann