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Sie hielten die Macht in den Händen

Vor 100 Jahren beendete ein Generalstreik den Kapp-Putsch. Auch in Thüringen folgten Aufstände revolutionärer Arbeiter. Die wurden blutig niedergeschlagen. UNZ fragte den Soziologen Professor Bruno W. Reimann nach Parallelen zur heutigen Zeit.

Am 13. März 1920 putschte der Verwaltungsbeamte Wolfgang Kapp mit ultrarechten Militärs gegen die noch junge Republik. Praktisch ohne einen Schuss abzugeben, übernahmen die Putschisten in Berlin die Macht. Die Reichswehr hatte sich geweigert, zu schießen: „Truppe schießt nicht auf Truppe“. Die SPD-geführte Regierung floh nach Süddeutschland. Der Generalstreik wurde ausgerufen und beendete so den Putsch nach nur 100 Stunden. Anschließend folgten Aufstände revolutionärer Arbeiter vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in Thüringen. Ziele: Räterepublik und Weltrevolution. Wie schon 1919 beim Januaraufstand schlugen Reichswehr und Freikorps brutal zurück. Fast 100 Tote gab es allein in Gotha. Blutiger Endpunkt: Das Massaker von Mechterstädt, wo 15 Arbeiter vom Studentenkorps Marburg gemeuchelt wurden.  

UNZ sprach mit Bruno W. Reimann, emeritierter Soziologie-Professor an der Uni Gießen, über die Ereignisse vor 100 Jahren in Thüringen und über Parallelen zur Gegenwart.  

 

Gotha: Zentrum der Revolution

 

„In Gotha wurde am 14. März 1920 von den Mitgliedern eines Aktionsausschusses – quasi ein revolutionäres Vollzugsorgan – der Generalstreik beschlossen“, erklärt Reimann. Heute kaum noch vorstellbar: Gotha war das Zentrum der revolutionären Arbeiterbewegung in Thüringen. Reimann geht davon aus, dass damals Post, Verkehr und weite Teile des öffentlichen Lebens stillstanden.  

 

 

Arbeiter wussten nichts mit der Macht anzufangen

 

Zwar rückten das weltkriegserfahrene Reichswehrbataillon „Naumburger Jäger“ in Thüringen ein, aber die Arbeiter behielten die Oberhand, so Reimann: „Sie hielten die Macht in den Händen, aber sie wussten nicht, wie es weiter geht. Die Vorstellung war, dass möglichst viele andere Länder ebenfalls die sozialistische Republik ausrufen – der große linke Traum von der Gleichzeitigkeit. In Gotha hatten die Arbeiter das Heft in der Hand“.  

Neben Gotha gab es auch andernorts Streiks und gewaltsame Auseinandersetzungen, so etwa in Suhl. Reimann: „Die Reichswehr hatte das Rathaus besetzt. 1.000 Arbeiter aus dem Thüringer Wald haben es wieder befreit. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben.“ Noch heute erinnert die allseits bekannte Inschrift: „Im grünen Wald die rote Stadt, die ein zerschossen Rathaus hat“, an die dramatischen Ereignisse. 

 

„Kommunisten wollten weiter machen, Sozialdemokraten waren dagegen“

 

Nachdem der Kapp-Putsch am Generalstreik scheiterte, sahen die meisten Arbeiter keine Perspektive mehr. „Kommunisten wollten weiter machen, Sozialdemokraten waren dagegen. Dann ist das Bündnis langsam zerbröckelt“. Der bei Linken verhasste „Bluthund“, Reichswehrminister Gustav Noske (SPD), trat in Folge des Kapp-Putsches zurück. Aber was wusste Reichspräsident Ebert, fragt sich Prof. Reimann. Sicher ist nur, dass sich die Spaltung der Arbeiterbewegung noch weiter verschärfte, wenngleich Kommunisten und Sozialdemokraten in Thüringen einen rot-roten Sonderweg gingen und von 1921 bis 1923 gemeinsam regierten, bis das Militär einmarschierte. 

 

Die alte Rechte kam aus der Mitte der Gesellschaft, die heutige Rechte ist ein parasitäres Produkt

 

Putsch, Streik, Links gegen Rechts – in vielerlei Hinsicht fallen Vergleiche mit der heutigen Zeit ins Auge. Wäre ein Szenario denkbar, dass ein Faschist wie Björn Höcke (AfD) Bundeskanzler wird und mit einem Generalstreik wieder gestürzt wird? „So weit kommt es nicht“, ist sich Prof. Reimann sicher, denn: „Die Rechte der Weimarer Zeit war eine völlig andere. Heute sind das schwache Reprisen. Diese alte Rechte kam aus der Mitte der Gesellschaft. Die heutige Rechte kommt aus der Peripherie oder sie ist ein parasitäres Produkt, aus dem schlechten Funktionieren unserer demokratischen Parteien.“ Aber was ist mit den vielen Rechtsextremen bei Polizei und Bundeswehr und tausenden bewaffneter „Reichsbürger“? Durchaus ein Problem, so der Soziologe, aber nicht vergleichbar mit den marodierenden Freikorps, die durch die Niederlage im Weltkrieg geprägt waren. „Da bin ich bei Hegel: Geschichte wiederholt sich nicht“, so Reimann.  

 

 

Fridays for Future und Extinction Rebellion: „Taktik der begrenzten Regelverletzung"

 

Und gibt es Lehren aus dem Generalstreik, der den Kapp-Putsch stoppte? Schließlich propagieren Fridays for Future oder Extinction Rebellion politische Streiks, um das Klima zu retten und die Welt zu verbessern. Eine „Taktik der begrenzten Regelverletzung“, nennt Reimann deren Ansätze. Aber auch soziale Bewegungen wiederholen sich nicht: „Je nach den relevanten Begebenheiten entwickeln sich neue Bewegungen“.  

Generalstreiks wie beim Kapp-Putsch hat es in der Geschichte seit dem nur 1948 in den Westzonen im Zuge der Währungsreform gegeben und – wenn man so will – 1953 in der DDR. Themen, über die im allgemeinen Diskurs nur selten geredet wird. Genauso wie über das Massaker von Mechterstedt.

Thomas Holzmann