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„Mein Name ist Ausländer“ – Literatur für Heimaten

"Eure Heimat ist unser Albtraum" titelt ein 2019 als Sachbuch erschienenes Werk der Herausgeberinnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, das mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek und zahlreichen weiteren Schriftstellern aufwartet.

 

Von Christine Schirmer

 

Durch sein buntes, mit den Schlagworten spielendes Cover, sticht das Buch ebenso direkt ins Auge wie durch den provokanten Titel. Am 12. Juli fand im Erfurter Café Nerly eine Buchvorstellung mit anschließender Fragerunde statt. In Kooperation mit dem Kanakistan-Kollektiv, das „2016 die erste (post-)migratische Kunst- und Kulturreihe Thüringens“ initiierte, wurde so ein Einblick in die erstaunlich düstere Gedankenwelt Aydemirs und Yaghoobifarahs gegeben.

 

Nicht nur der Begriff „Heimat“, der es ohne Probleme ermöglicht, zahlreiche Fachbücher mit Analysen und kritischen Fragestellungen zu füllen, ist für die beiden Autorinnen von Belang. Auch Migration, Feminismus sowie diverse Überlegungen bezüglich Geschlechterrollen werden von ihnen abgearbeitet, wobei der Fokus auf der Verbindung mit dem Thema Rassismus liegt. Hierbei wäre es wünschenswert, wenn die Autorinnen ihre eigene Person und die damit verbundene Wut, die dem Sachbuch die Objektivität nimmt, etwas zurückgestellt hätten. So erwecken die Texte bisweilen den Eindruck, als wäre hier einfach der Spieß umgedreht worden: Rhetorik, die bisher eher mit gewissen „Wutbürgern“, die sich als Autoren probieren, in Verbindung gebracht werden könnte, wird in Teilen eins zu eins übernommen. 

 

So stellt sich doch ein gewisses Unwohlsein ein, wenn Aydemir von den immerzu Minigolf spielenden Deutschen der 1970er Jahre oder Yaghoobifarah von den „Annikas aus Wuppertal“ erzählt, die nur darauf aus seien, sie zu fotografieren. Die großen Themen der sehr vielfältigen und auch literarisch ansprechenden Texte leiden unter diesen (möglicherweise lediglich als Provokation gedachten) Verallgemeinerungen sehr.

 

Es stellt sich zudem die Frage, wie man Themen, die mit Migration verbunden sind, literarisch behandeln kann, ohne dabei bestimmte Begriffe und die damit verbundenen Denkmus-ter zu verwenden. Bezeichnungen wie „Gastarbeiterliteratur“, die früher gängig waren, wurden längst abgelöst von deutlich offeneren, weniger konnotierten Einordnungen. Verbleibt man bei dem Begriff der „interkulturellen Literatur“, lassen sich dennoch konkret einige prägende Schriftsteller nennen, zum Beispiel Feridun Zaimoğlu, Abbas Khider, Catalin Dorian Florescu, Emine Sevgi Özdamar oder auch Terézia Mora. Die Werke dieser Autoren beschäftigen sich mit Migration, auch mit Rassismus und Zugehörigkeits      (-gefühl) – dies scheint auch der zentrale Kern von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ zu sein. Jedoch sind die Texte der anderen Autoren eingebettet in Geschichten, Erzählungen und Lebensinhalte, die die wichtigen Themen in einen Kontext einbetten und dadurch auf sehr lebendige Art und Weise eine Suche nach Alternativen aufzeigen. In dem Sachbuch hingegen schließt ein Text mit: „Wir sind die Alternative für Deutschland.“ Auch die Widmung „für uns“ verweist trotz ihrer offenen Formulierung auf ein Denken in Dichotomien, das nicht unbedingt zu einem vielfältigen Diskurs beitragen wird. 

 

Auf die Frage, ob sich nicht auch Menschen rassistisch verhalten, die Rassismus ablehnen und bekämpfen, antworteten die Autorinnen mit Ja. Dann wäre es jedoch wünschenswert, wenn sie dies auch in ihre eigenen Überlegungen und Texte einbeziehen würden, anstatt darüber zu sinnieren, ob es eher Deutschen oder Migranten zusteht, unter Burnout zu leiden. Es hätte etwas mehr Selbstreflektion und deutlich weniger Pauschalisierung ausgereicht, um aus „Eure Heimat ist unser Albtraum“ eine Anthologie voller emotionaler, ehrlicher Appelle an mehr Menschlichkeit zu machen. „Ich glaube nicht an Heimat. Ich glaube an Heimaten.“ Dieses berührende und zutreffende Schlusswort eint höchstwahrscheinlich deutlich mehr Menschen, als Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah  annehmen.