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Immer noch die gleichen Tränen im Auge

Foto: Dominik Butzmann

José Paca lebt seit über 30 Jahren in Erfurt. Rassismus gab es damals wie heute, aber die Struktur hat sich verändert. Trotz der Ängste gibt es auch Hoffnung, vor allem dank der Fridays-for-Future-Generation, die auch gegen Rassismus kämpft.

Die AFD lädt ein zur Buchlesung von „Mein Kampf“. Klingt gruselig, ist aber ein Schenkelklopfer. Denn, die AFD ist hier der von José Paca gegründete Verein „Angolanische Fachkräfte in Deutschland“  und der vollständige Titel lautet: „Mein Kampf gegen Rechts“. Das Buch aus dem Europaverlag, dessen Titelbild auch diese UNZ ziert, erschien 2016. Grund:  Am 31.12.15 erlosch der Urheberrechtsschutz für Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. 

„Mein Kampf – gegen Rechts“ hält der Neuauflage von Hitlers Hetzschrift neben José Paca noch 10 weitere starke Menschen entgegen.

 

Jeden Tag rassistische Beleidigungen 

 

Auch, wenn man es ihm auf den ersten Blick gar nicht ansieht, er ist eine echte Kämpfernatur. Kleinbeigegeben kommt für den Sprecher des Erfurter Ausländerbeirates nicht infrage. Dabei war und ist der alltägliche Rassismus gerade auch in Erfurt trauriger Standard. Täglich 6–7 –mal auf der Straße rassistisch beleidigt zu werden, ist gruseliger Alltag. 

 

„Es gibt auch Menschen, die gut sind

 

Wie hält man das überhaupt aus? „Kein gutes Gefühl, keine gute Gesundheit, keine gute Hoffnung“, gibt Paca zu. „Wem kann ich vertrauen? Wo bin ich sicher“, sind Fragen, die  ihm häufig durch den Kopf gehen. Aber: „Es gibt auch Menschen, die gut sind. Die sind für uns wie Rettungsschwimmer.“ 

 

In der DDR gab es keine strukturierte rassistische Menschenverachtung

 

Paca kam 1989 in die DDR und findet: „Es gibt große Veränderungen, aber keine positiven. In der DDR gab es keine strukturierte rassistische Menschenverachtung“. 

Vor allem durch die AfD hat sich das massiv verändert, auch, weil sie den Rassismus in alle Parlamente, auf allen Ebenen, getragen hat. 

 

Der vergessene Pogrom 1975

 

Trotzdem gab es natürlich Rassismus in der DDR. Aber was nicht sein durfte, wurde wie so oft totgeschwiegen. So wie der Pogrom vom August 1975, als ein Mob algerische Gastarbeiter durch die Erfurter Innenstadt jagte. José Paca erinnert sich aber auch an Alltagsrassismus gebildeter Leute: Eine Professorin wollte ihm partout nicht glauben, dass es in Angola einen modernen Flughafen gibt. 

Noch schlimmer, ein extrem gewaltbereiter Neonazi, an den sich selbst die Volkspolizei nicht ran traute. Für Paca „ein Monster“, bei dem man immer aus Angst die Straßenseite wechselte oder lieber auf die nächste Bahn wartete. Dazu mehrmals täglich, Affenlaute und alle möglichen Pöbeleien. 

„Wann kriege ich die Freiheit, von der ich träume“, dachte er sich nach den ersten Erfahrungen im „Arbeiter- und Bauernstaat“.  

 

90er: Baseballschlägerjahre

 

In den „Baseballschlägerjahren“ nach der Wende jedenfalls nicht. Der Begriff ist erst kürzlich im Diskus um Antifa und Nazis in Ostdeutschland entstanden. In den 90er Jahren explodierte die NaziGewalt regelrecht – nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen alle, die links, grün oder sonst irgendwie anders waren.

 

Kein Rassismus in Angola erlebt

 

In Angola dagegen kannte Paca gar keinen Rassismus: „In 25 Jahren habe ich nie gesehen, dass Weiße bespuckt, beleidigt oder bedrängt wurden – und dass trotz der Erniedrigungen aus der Kolonialzeit.“ Das ist besonders bemerkenswert, weil Angola erst 1975 von der Kolonialmacht Portugal unabhängig wurde.  Die Herkunft, ob Russland oder Kuba, interessierte in Angola aber kaum jemanden, meint Paca.

 

„Das hat meinen Kopf durcheinander gebracht“.

 

Vernunft, Brüderlichkeit, Aufklärung als europäische Werte  wurden auch in Afrika angepriesen. Dagegen muss der Erfurter Alltag in den 90ern für Paca der reinste Horror gewesen sein, als er „die schreckliche Wahrheit“ erlebte – wie viele Menschen an die Überlegenheit der weißen Rasse glauben: „Das hat meinen Kopf durcheinander gebracht“.    

 

Polizei macht Opfer zu Tätern

 

In den 90ern fühlten sich Menschen wie Paca geradezu rechtlos: „Auf der Straße Ausländer malträtieren, war normal. Zu DDR-Zeiten war das eher eine Art Freizeitbeschäftigung. Dann wurde es strukturierter.“ Besonders schlimm, wenn die Opfer in den „Baseballschlägerjahren“ die Polizei riefen, wurden oft sie, statt der Nazi-Täter verhaftet. Auch Paca erging es so: „Die Polizei hat meinen Kopf auf den Streifenwagen gedrückt, während der ‘Springerstiefel’ mich weiter rassistisch beleidigte. Unglaublich, aber alles andere als ein Einzelfall, sondern die Struktur des Rassismus –  von Racial Profiling bis hin zu brutalen Morden.

 

"Amtlicher" Rassismus

 

Keine sichtbaren Schäden, aber nicht minder unangenehm ist der Rassismus in den Verwaltungen: „Wenn ich mit Leuten hellerer Hautfarbe auf’s Amt gehe, um zu helfen, haben sich manche deshalb geschämt und mich vom Betreuer zum Betreuten gemacht. Manchmal wurde sogar gesagt, ich solle draußen warten“, schildert Paca den "amtlichen" Rassismus. 

 

"Warum nennt man Jugendliche, die hier geboren wurden, afro-deutsch? Die kennen Bratatwurst"

 

José Paca ist ein gebildeter, intelligenter Mensch, aber richtig begreifen kann er das alles nicht. „Warum nennt man Jugendliche, die hier geboren wurden, afro-deutsch? Die kennen nur Erfurt und die Thüringer Bratwurst, aber kein Couscous.“

 

"Ich leide für die nächste Generation"

 

Die Nazis sind auch nach den „Baseballschlägerjahren“ nie verschwunden. Mit Pegida und der AfD bekamen sie seit 2015 wieder vielerorts deutlich Oberwasser. Jüngstes Beispiel: Der Co-Trainer vom FC Rot-Weiß Erfurt, Manuel Rost, wurde beim Oberliga-Spiel in Rudolstadt rassisch beleidigt: „Das ist deprimierend“, findet Paca. „In den 90ern habe ich oft nur drei Stunden geschlafen. Ich sagte mir: Ich leide für die nächste Generation. Aber die begegnet mir mit den gleichen Tränen in den Augen, die ich früher hatte. Ich habe das Bundesverdienstkreuz und viele andere Auszeichnungen, aber noch nicht meine wichtigste Aufgabe erledigt: Das Menschen, egal welcher Hautfarbe, angstfrei leben können.“ 

 

Diese neue Generation meint es ernst mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde

 

So schlimm vieles ist, die Hoffnung hat Paca längst nicht aufgegeben. Vor allem dank Fridays for Future, die sich in Erfurt und anderen Thüringer Städten ganz klar auch gegen Rassismus positionieren. 

„Diese neue Generation meint es ernst mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Die wollen nicht nur Klimaschutz, sondern eine gerechte Welt“, freut sich Paca, der auch schon auf Klima-Kundgebungen gesprochen hat. 

Gerne erinnert er sich an die große Unteilbar-Demo in Berlin im Oktober 2018 mit über 250.000 Menschen. „Nach drei Stunden war ich nicht müde, weil ich getragen wurde von einem Ozean junger Leute“. 

Oft wird Paca gefragt: Wenn sie so unzufrieden sind, warum gehen sie dann nicht wieder zurück? „Diese Generation wird die Antwort darauf geben, die ich eigentlich geben sollte. Das ist meine große Motivation.“

Dass das auch in Erfurt kein Hirngespinst ist, zeigte sich zuletzt bei der  Black-Lives-Matter-Demo (13.6). „Total spontan, Beginn erst 21:00 Uhr und dazu noch Corona. Ich dachte, wir stehen mit zehn Leuten da. Dann waren es Tausende. Das war ein Energieschub für mich zu sehen, wie viele Rassismus nicht mehr tolerieren wollen.“       

Thomas Holzmann