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Hurra das ganze Dorf ist da

Jubel über das 1:0 im Pokalfinale gegen Jena.
Dirk Keller, Sportlicher Leiter und Geschäftsführer
Martinrodaer Waldstadion mit Blick auf den Veronikaberg

Jena sportlich abgestiegen, Erfurt und Nordhausen pleite – noch nie lag der Thüringer Fußball so am Boden. Nur beim Thüringer Meister von 2019 im 1.000-Einwohner-Dorf Martinroda geht es seit Jahren steil bergauf.

 

Thüringer Fußball am Boden?

 

Wie ein Boxer nach einem K.O.-Treffer liegt der Thüringer Fußball am Boden. Rot-Weiß Erfurt war zu Beginn des Jahres so pleite, dass sogar der Spielbetrieb eingestellt werden musste. Der FC Carl Zeiss Jena hält sich finanziell nur dank dem umstrittenen belgischen Investor Roland Duchâtelet über Wasser, kickt aber nach dem sang- und klanglosen Abstieg nur in der viertklassigen Regionalliga. Wacker Nordhausen wollte sich hinter FCC und RWE etablieren, häufte unfassbare neun Millionen Euro Schulden an und musste Insolvenz anmelden. Im Sommer macht der Abstieg der Frauen des USV Jena aus der 1. Bundesliga das Debakel vollends perfekt. Nur beim ZFC Meuselwitz (Regionalliga) und Einheit Rudolstadt (Oberliga) wird offenbar seriös gearbeitet. Und dann ist da der FSV Martinroda. Der Verein aus dem 1.000-Einwohner im Ilm-Kreis hatte einen steilen Aufstieg hinter sich und stand im Sommer gegen Jena erstmals im Thüringer Pokalfinale. RB Leipzig im Thüringer Wald?

 

RB Leipzig? Eher SC Freiburg

 

Der sportliche Leiter und Geschäftsführer, Dirk Keller, muss schmunzeln: „Wenn wir uns schon mit Erstligisten vergleichen lassen müssen, dann mit dem SC Freiburg.“ Von mit Größenwahn gepaarter Inkompetenz ,die schon so machen Traditionsverein im Fußball-Osten zum Verhängnis wurden, kann bei den „Sandhasen“ in „Martrude“ keine Rede sein. 

 

„Sandhasen“ gegen den Trend 

 

Aber wie kam es dazu, dass der Dorfverein andere Städte, wie das nahe Ilmenau, Weimar oder Gera, sportlich so weit hinter sich lässt? „Dieser Lauf ist untrennbar mit Wolf und Fabig verbunden. Nicht allein nur wegen des Sponsorings, sondern vor allem, weil sie unglaublich viele tolle Leute mitgezogen haben.“  Unter anderem Normen Fabig und Norbert Wolf haben über ihre Immobilienfirma nicht nur finanziell den Verein unterstützt, sie waren und sind auch als Spieler, Trainer oder im Vorstand aktiv. 

 

Alle Nachwuchsmannschaften besetzt.

 

Das Martinroda ebenso wie die Universitätsstadt Ilmenau, zu der es seit 2018 gehört, gegen den Thüringer Trend wächst, hilft natürlich genau wie Kindergarten und Grundschule. Die zu halten, ist in kleinen Thüringer Ortschaften nicht gerade die Regel. Davon profitiert auch der Club. „Wir sind ein Ausbildungsverein und haben alle Nachwuchsmannschaften besetzt. Das gibt es im Ilm-Kreis nach sonst nirgends. Nächstes Jahr werden wir die 1. Mannschaft auch wieder mit Spielern aus unserem eigenen Nachwuchs verstärken,“ sagt Keller stolz. 

 

„Übertreibungen und Auswüchse anderer Vereine gehen wir nicht mit“

 

Geld für Spieler wird aber im Prinzip nicht ausgeben. „Wir haben keine Vertragsspieler. Auch ich arbeite nur ehrenamtlich, wie auch jeder andere in unserem Vorstand“, stellt Keller klar.  Martinroda will junge Spieler entwickeln, gerne auch welche, die in Jena oder Erfurt den Sprung nicht schaffen „Wenn das am Ende sportlich für Oberliga reicht, nehmen wir das sehr gern an. Aber diese Übertreibungen und Auswüchse anderer Vereine gehen wir nicht mit“, Dirk Kellers Philosophie.  

 

Ein VIP-Bereich für die Oberliga 

 

Statt dessen wird sukzessive und nachhaltig in die Infrastruktur investiert: Flutlicht, ein neuer Kunstrasenplatz, ein kleiner Turm für den Stadionsprecher und eine kleine Tribüne. Nach dem Aufstieg in die Oberliga 2019 wurde gerade erst der Rasenplatz verlängert und sogar ein kleiner VIP-Bereich geschaffen. Das verlangen die Statuten des Fußballverbandes NOFV, um in der Oberliga spielen zu können.  

 

Syrischer Nationalspieler im Thüringer Wald 

 

Neben der Nachwuchsarbeit wird Sportvereinen generell eine wichtige Rolle bei der Integration zugeschrieben. So auch beim FSV. Mit Sardar Sulaiman spielt ein syrischer Juniorennationalspieler, der 2016 vor dem Bürgerkrieg flüchtete, erfolgreich beim FSV. Noch immer träumt er vom Profifußball, war auch schon bei Probetrainings in Rostock und Fürth. Das scheiterte aber zunächst noch an der Sprachbarriere. „Ein Riesentalent“, befindet Keller. Gerade hat sich der 22-Jährige Linksaußen nach einem Kreuzbandriss wieder zurück gekämpft. Erfurts Abwehrspieler sollten sich schon mal warm anziehen, denn RWE muss, sobald endlich wieder gespielt werden kann, nach Martinroda reisen. 

 

Andreas Hergert, der Präsident mit der längsten Amtszeit?

 

„Es ist wirklich ein gutes Arbeiten und Miteinander hier“ sagt Keller, der früher auch beim SV Germania Ilmenau aktiv war – auch so ein Fußballverein im Niedergang. Von Häme aber keine Spur. „Es ist sehr traurig, was aus denen geworden ist“, sagt Martinrodas Präsident Andreas Hergert, der gerade die Corona-Pause nutzt, um die Tribüne zu modernisieren. „Gefühlt ist er der Präsident mit der längsten Amtszeit“, scherzt Dirk Keller. Hergert war schließlich schon Chef, als noch mit Aluchips bezahlt wurde und der Verein als Traktor Martinroda in den Niederungen der Kreisklasse spielte. 

 

1000 Zuschauer im Hexenkessel Waldstadion

 

Der Pensionär Hergert ist so ziemlich der Gegenentwurf zu aufgeblasenen Wichtigtuern, die versuchen, mit Vereinsarbeit ihr Ego noch weiter aufzublasen. Für ein Foto posieren? Dafür ist Hergert viel zu bescheiden. Interviews sind nicht sein Ding. Fragt man ihn aber konkret zur Geschichte des FSV, ist das Eis gebrochen. Anders als bei Wikipedia behauptet wird, wurde hier immer Fußball gespielt, auch Anfang der 90er Jahre. Einige Anekdoten kann er auch zur „gesunden Rivalität“ mit den Nachbarn der SpvGG Geratal zum Besten geben. Solidarisch wie Hergert ist, hat er die Gerataler mal in Martinroda trainieren lassen, weil deren Platz unbespielbar war. Erst wollten ihn die eigenen Leute dafür „lynchen“, aber hinterher haben alle die Vorteile gesehen. Weniger toll findet Hergert, wenn beim „Derby“ Pyrotechnik gezündet wird. Das kostet immer gleich 300 Euro. Aber, wenn fast 1.000 Zuschauer, wie beim letzten Aufeinandertreffen im März 2019 zum Spitzenspiel um den Aufstieg kommen, verwandelt sich das „Waldstadion“ in einen kleinen Hexenkessel. Da geht es etwas deftiger zu, aber hinterher trinken alle gemeinsam ihr Bier.

 

Spiele ohne Zuschauer würden nur viel kosten 

 

Wegen der Pandemie muss darauf wohl noch länger verzichtet werden. Dirk Keller geht nicht davon aus, dass vor dem Frühling gespielt werden kann. Und selbst wenn:“ Im Winter ist im Amateurfußball wegen Unbespielbarkeit der Plätze oft kaum Spielbetrieb möglich“. Für den FSV zwar unschön, aber nicht gleich existenzbedrohend. Schlimmer wären Spiele ohne Zuschauer. Das würde nur hohe Kosten, aber keinerlei Einnahmen bedeuten. Und Fußball ohne Fans ist in jeder Liga nicht mal halb so interessant – egal ob die Saison nur als  Hinrunde, Play-off oder sonst was zu Ende gespielt wird.

 

 

Thomas Holzmann