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Hartz IV – Vorhof zur Hölle

Brigitte Vallenthin, die in Wiesbaden ansässige 65-jährige Journalistin und Sprecherin der Hartz-VI-Plattform stellte unter der brillanten Moderation des jungen LINKEN Simon Ehrenreich am 26. Oktober in Weimar ihr Buch: „Ich bin dann mal Hartz IV“ vor. Darin malte sie ein aus eigenem Erleben resultierendes düsteres Szenario der Praktiken der ARGEn. Nach fünf Jahren bitterster persönlicher Erfahrung hält Vallenthin Hartz IV den Spiegel vor. Systematische Hilfe-Verweigerungen und nötigendes Unter-Druck-Setzen zwischen den Mühlen von Sozialbehörden und Sozialgerichten werden von ihr erstmals schonungslos aufgedeckt.

Es ist nicht die Geschichte eines von Politik und Behörden gerne bemühter Einzelfall. Sie ist die Spitze des Eisberges von millionenfach erlittenen Schikanen und Demütigungen, von Entrechtung und Ausgrenzung, von Kriminalisierung in den Amtsstuben der Hartz-IV-Verwaltungen. Die Politik deckt über dieses Tabu den Mantel einer vermeintlichen Missbrauchs-Haltung. Bislang konnten die politisch Verantwortlichen sich mit abgedroschenen Phrasen und geschönten Statistiken den Pelz rein waschen. Die angstvoll schweigende Masse ließ es an Beweisen fehlen. Brigitte Vallenthin liefert sie reichlich und lässt Abwiegeln nicht mehr durchgehen. Sie räumt mit dem von der Politik billigend in Kauf genommenen Missverständnis auf, als ginge es bei Hartz IV nur um Geld und als sei alleine mit der Regelsatzerhöhung das Elend der Betroffenen behoben. Aus ihren detailgenauen Erfahrungsberichten zwingt sich dem Leser die Frage auf: Ist derartige Form „staatlicher Gewalt“ mit der Menschenwürde des Grundgesetzes vereinbar?

Vallenthin setzt einen längst fälligen Kontrapunkt zum öffentlichen Schönreden und ergänzt die von bösen Ahnungen geprägte Literatur der Vor-Hartz IV-Zeit um weit darüber hinaus Gehendes, ja beklemmend-willkürliches im Vollzug der Jahre eins bis fünf nach Hartz IV. Auf die Frage, inwieweit Vallenthin eine echte, greifende sozial-gerechte Veränderung für die Millionen „Hartzer“ in der Zukunft sieht, antwortet die Autorin: „ Es ist ein gefährlicher Trugschluss zu glauben, dass all die so genannten Sozialverbände für diese entrechteten Menschen da sind. Kirchliche Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände, Soziale Netzwerke, Arbeitslosenhilfevereine bedienen sich der Betroffenen in schamloser Art und Weise. Bestes Beispiel: Ein-Euro-Jobber, welche eben von diesen Einrichtungen skrupellos unter dem Deckmantel der Nächstenliebe und -hilfe skrupellos ausgenutzt werden. Um Hartz-IV-Empfängern echte soziale Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bedarf es einzig und allein einer zentralen Lobby, die sich ausschließlich für die Belange dieser Menschen einsetzt – ohne Verzettelung in andere Aufgaben. Gebündelt mit mehreren wenigen Stützpunkten in Ballungsgebieten wäre dies die einzige Alternative um künftig grundlegende und andauernde Verbesserungen für diese Menschen zu erreichen“, so Brigitte Vallenthin – unbequem, streitbare Vertreterin der Erwerbslosenbewegung.

Foto und Text:

Reiner von Zglinicki