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„Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!“

Ute Hinkeldein, Erfurter Friedensfrau, wird 75

 

Die Titelzeile entstammt einem Lied, dass Konstantin Wecker Ende Dezember bei einem Konzert in Erfurt sang. Damit erinnerte er an die Geschwister Sophie und Hans Scholl sowie vier weitere Mitglieder der Widerstandsbewegung „Die Weiße Rose“, die sich den Faschisten und dem Krieg entgegenstellten und deshalb 1943 in München hingerichtet wurden. Der Kampf gegen den Krieg wurde Ute Hinkeldein, die am 31. Januar ihren 75. Geburtstag feiert, sozusagen mit in die Wiege gelegt, als sie im letzten Kriegswinter in einem Hilfslazarett in Tambach-Dietharz das Licht der Welt erblickte. Sie wurde christlich erzogen. Ihre Mutter, die damals bereits in ihrem Betrieb Plakate gegen den Krieg klebte, war wohl der Meinung, dass Krieg nichts mit christlichen Werten zu tun hat. Ute fand Gefallen am Lernen, malte gern, wurde Gebrauchswerberin, und beschäftigte sich mit Fotografie. 

 

Auslöser: Prager Frühling

 

Als sie 1968 einen Schaufensterwettbewerb gewann, war damit eine Reise in das tschechische Liberec verbunden. Sie wird dieses Datum nicht vergessen. Es war Sommer – der 20./21. August. Bei den vielen Erlebnissen, die sie damals als junge Frau hatte, fiel ihr etwas besonders auf: Die Straßen waren zugestellt mit Panzern, überall Soldaten. . . Was während des Prager Frühlings in dem Nachbarland tatsächlich passierte, erfuhr sie erst später als sie wieder zu Hause war. Heute sagt sie: „Es  fiel mir damals schwer, zwischen gut und böse zu unterscheiden, aber für mich war klar: Für ein friedliches Leben brauchen wir solche Panzer auf den Straßen nicht“. Dazu kam, dass in Prag die Bertha-von- Suttner-Gesellschaft ihren Sitz hatte, deren Arbeit sie interessierte. Eine Einladung folgte, und so erfuhr sie vieles über diese Pazifistin, die sie später nicht mehr los ließ. Damit begann ihr aktives Friedensengagement – zunächst in der evangelischen Kirche, später in der Wendezeit im Neuen Forum. Aber dann wollte sie mehr. Alles war im Umbruch, Ideen für  die Erneuerung der Gesellschaft waren gefragt, Mittun notwendig. So gründete sie gemeinsam mit Pfarrer Metzner und Veit Voigt am 18.1.1990 aus dem Neuen Forum heraus den „Aktionskreis für Frieden“. In den 30 Jahren danach hat ihren Lebensweg der unermüdliche Kampf für Frieden und Menschlichkeit begleitet. Auslöser war der Golfkrieg.

 

Friedenslinde auf dem Petersberg

 

Einige Erfurter werden sich vielleicht noch daran erinnern: Riesige Kreuze auf dem Anger, Ausstellungen in Kirchen, vielfach beachtete Darstellungen einer Pantomimegruppe Jenaer Studenten, öffentliche Mahnwachen in kurzen Abständen, woraus später die Donnerstag-Demos entstanden. Der Tenor war: Nein zum Krieg, wo immer er stattfindet! Viele waren dabei. Wer gedacht hatte, wenn der Kalte Krieg zwischen Ost und West beendet ist, dann werden die Großmächte und ihre Verbündeten alles für den Frieden tun, sah sich getäuscht. Immer neue Auseinandersetzungen kamen hinzu: auf dem Balkan, im Irak, in Afghanistan . . . Es gab viel zu tun für aktive Friedensfreunde. Spenden wurden gesammelt, Hilfsgüter wie Kleidung, Schulmaterial und Spielzeug. Ute Hinkeldein organisierte beispielsweise ein wichtiges Notstromaggregat für eine Frauenklinik in Belgrad. 7 Hilfskonvois wurden so am Hermsdorfer Kreuz vom Erfurter Aktionskreis gemeinsam mit Initiativen aus Dresden und Chemnitz beladen und auf den Weg gebracht. Gemeinsam mit Veit Voigt aus dem Aktionskreis gehörte sie zu den Initiatoren „Erfurt Stadt des Friedens“, die der damalige OB Ruge mittrug. Eine Friedenslinde wurde auf dem Petersberg, unmittelbar am Denkmal für den unbekannten Deserteur, zusammen mit OB Bausewein, gepflanzt. Dieser Baum gedeiht seit 13 Jahren prächtig und ist immer wieder Treffpunkt vieler Friedensfreunde. 

 

Gegen Waffenhandel

 

Die Kriege brachten unendliches Leid, aber der Waffenhandel boomte. Und so ist es auch heute in Syrien – und nicht nur dort. „Wenn jetzt  einige Staatslenker beschlossen haben, den Waffenhandel mit Kriegsparteien in Syrien zu stoppen, dann ist das ein Anfang, aber noch lange kein Frieden. Warum werden dorthin überhaupt Waffen exportiert“, fragt Ute Hinkeldein. „Wir wissen nicht erst seit heute, dass der Nahe Osten ein Pulverfass ist.“ Vor ein paar Wochen hat sie der Kanzlerin geschrieben: Sie könne nicht verstehen, warum demnächst schon wieder ein riesiges NATO-Manöver im Baltikum stattfinden solle. Man provoziere, spreche aber im gleichen Atemzug von Frieden. 

 

Trotz Krankheit: möglichst vielen Menschen ihre Friedenssicht nahe bringen 

 

Auch der Ostermarsch, die Aktionen zum Weltfriedenstag/Antikriegstag haben in ihrem Terminkalender immer einen festen Platz. Obwohl Ute Hinkeldein eine schwere Krankheit durchlitten hat und heute an den Rollstuhl gefesselt ist, erhebt sie immer wieder ihre Stimme, ist bei Diskussionsrunden dabei oder lädt selbst zu Buchlesungen ein. Sie möchte immer noch möglichst vielen Menschen ihre Friedenssicht nahe bringen.

 

Atomwaffen verbannen!

 

Kürzlich war in einer Zeitung zu lesen: Die neue Führung der Bundes-SPD wolle die Atomwaffen aus Deutschland verbannen, aber die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte, solche Forderungen seien falsch (TA vom 15.1.20),  weil sie grundlegende Interessen der deutschen Sicherheitsarchitektur berühren würden. „Dabei ist eine solche Forderung nicht neu. Seit Jahrzehnten fordern Friedensinitiativen rund um Büchel,“ – mit einigen von ihnen ist unsere Friedensfrau vernetzt – „endlich die amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland zu verbannen. Wie lange eigentlich will man die Forderungen der Bürger in der Friedensbewegung noch überhören? Wer eigentlich glaubt, dass Atomwaffen ein Land sicherer machen,“ so Ute Hinkeldein. Sie ist eine, die in all den Jahren viel Mut bewiesen hat und wie einst die Pazifistin Bertha von Suttner ihren Friedenstraum lebt. 

Regina Pelz