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Eine Welt voller Lösungen

Beim UNZ-Gespräch entdecken die Omas gegen Rechts Andrea Keller und Uta Schumann sowie Marvin Volk von Fridays for Future, dass sie gemeinsam die Welt verändern können – über alle Generationen hinweg.

Wie ein Schlag in die Fresse“, war die Wahl Kemmerichs von Höckes Gnaden für Uta Schumann und Andrea Keller von den Omas gegen Rechts. Gemeinsam mit vielen jungen Menschen aus dem Umfeld der Fridays-for-Future-Bewegung wie Marvin Volk demonstrierten sie vier Tage in Folge gegen die dramatische Ministerpräsidentenwahl eines FDP-Kandidaten mit den Stimmen von CDU und AfD. Und fest steht: Diese Demos, die bundesweit liefen, halfen mit, Kemmerich nach nur wenigen Tagen im Amt zu stürzen. Die UNZ traf die drei Unteilbaren bei Kaffee und Kuchen in Erfurt.

 

Proteste: Anstrengend, aber lohnenswert

 

Kleine Nester, in denen fast nur CDU gewählt wird, waren lange Zeit in Thüringen die Regel. „Leider wählen die meisten dieser Nester jetzt AfD“, wirft Andrea ein, die seit dem Drama vom 5. Februar wenig gemacht hat – außer Demos und Mahnwachen. Nachts geht der Kampf bei Facebook weiter. „Es ist wirklich nur noch das Thema“, wirft Marvin ein. Selbst in der heißen Wahlkampfphase in Hamburg sind die Vorgänge in Thüringen Thema – der FDP droht der Absturz aus der Bürgerschaft, auch die CDU leidet. 

Für alle drei Aktivist*innen waren die Tage von Erfurt extrem anstrengend, aber der Kampf hat sich gelohnt. Weil es in so vielen Städten Demos gab, konnten sich die Teilnehmer trotz der Strapazen immer wieder neu motivieren. Und allgemein ist man sich sicher: Es war vorher abgesprochen, dass Kemmerich sich von den „Faschos“ wählen lässt. 

 

Blumenwurf als Symbol

 

Zum Symbol des antifaschistischen Widerstands wurde dabei gerade in der Blumenstadt Erfurt der Blumenwurf von LINKEN-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow vor Kemmerichs Cowboy-Stiefel – denn der war kreativ und schrieb Geschichte ( taz: „Die Geste des Jahres!“). Doch was heißt Antifaschismus eigentlich? „Du bist automatisch Antifaschist, wenn du kein Faschist bist“, meint Uta. 

 

Antifaschismus heißt: „Aktiv dagegen stellen“

 

„Für mich geht Antifaschismus noch ein bisschen weiter: Aktiv dagegen stellen und auf die Straße gehen“, ergänzt Marvin. Einig sind sich alle dagegen wieder bei der Frage von Respekt. Hennig-Wellsows Blumenwurf war nicht respektlos, sondern angemessen. „Nicht nur respektlos, sondern sogar gefährlich“, findet Marvin Volk dagegen Kemmerichs Verhalten, „der ins Amt gekommen ist, mit Hilfe von Leute, die andere buchstäblich deportieren und umbringen wollen“. Aus seiner Sicht war der Blumenwurf deshalb „vollkommen nötig“.

 

Hufeisentheorie? „Das Bescheuertste, was es gibt

 

Trotz der erfolgreichen Proteste ist die Gefahr von Rechts keineswegs gebannt, nicht nur in Thüringen. „Das erleben wir in ganz vielen Ländern. Das ist etwas, das mir Angst macht“, meint Andrea. Uta widerspricht: „Das muss dir keine Angst machen. Meine Großmutter hat mich gelehrt, immer eine Frage zu stellen: Wem nützt das? Dann kommst du dahinter, wer das verzapft hat. Wem nützen ‘Fridays for Hubraum’ und die Klimaleugner? All denen in der Industrie, die etwas davon haben!“ Nicht nur Antifaschismus scheinen die Omas gegen Rechts mit den jungen Menschen von Fridays for Future zu verbinden, sondern auch die Kritik am Kapitalismus. Für so manche in der bürgerlichen Gesellschaft – auch für jene, die den Klimawandel als Problem anerkennen – grenzt das dann schon an Linksextremismus. Hufeisentheorie? „Das ist doch wohl das Bescheuertste, was es gibt“, findet Uta Schumann. 

 

Solidarität und Chancengleichheit

 

Marvin Volk erklärt zwar, dass Fridays for Future Deutschland den Klimaschutz und nicht die Abschaffung des Kapitalismus zum Ziel hat. Bei Fridays for Future Erfurt allerdings ist Konsens, dass die kapitalistische, liberale Demokratie überwunden werden muss. „Wie das neue System dann aussehen wird, wissen auch wir nicht. Klar ist nur, dass es auf Solidarität und Chancengleichheit beruhen muss und dass niemand ausgegrenzt wird.“ 

 

Optimismus und Aufbruchsstimmung

 

Vielleicht ist der Rechtsruck auch eine Chance für ganz neue gesellschaftliche Bündnisse? Marvin nutzt die Gelegenheit und lädt die Omas zu zwei eigentlich internen Workshops zum Thema Antikapitalismus ein. „Durch das, was jetzt passiert ist, haben wir uns alle sehr viel besser kennen gelernt und es wird einfach sein, diese Kooperation noch weiter auszubauen“, so der Klimaaktivist. Uta Schumann meint: Wir alle, ob Menschen, Tiere oder Pflanzen, haben nur eine Chance, wenn Ethik oberstes Prinzip wird, wenn Mitgefühl mehr zählt als die Kohle“. Optimismus und Aufbruchsstimmung macht sich breit: „Es hatten noch nie so viele Menschen Zeit, über diese Dinge nachzudenken und wir waren noch nie so vernetzt“, fasst Uta zusammen. Andrea meint, dass solche spontanen Aktionen wie die erste Demo – keine zwei Stunden nach Kemmerichs Wahl – früher gar nicht möglich gewesen wären. 

 

Der Diskurs kann verschoben werden 

 

Statt Kulturpessimismus sehen die Omas „eine Welt voller Lösungen“. Probleme können gelöst und die Welt verbessert werden, findet auch Marvin Volk. Schließlich habe gerade Fridays for Future gezeigt, wie öffentliche Meinungsbildung verschoben werden kann: „Früher hat niemand über die reine Besteuerung von C02 geredet. Die Leute wären ausgelacht worden. Jetzt bleibt auf einmal nur noch die Frage, wie man das macht.“ Deshalb glaubt Volk auch, dass jetzt der Diskurs in Thüringen verschoben werden kann. Dazu braucht es Demos – als ganz wunderbare Willensbekundung einer viel zu oft schweigenden Mehrheit. Denn: „So haben wir Kemmerich gestürzt.“

 

 

Andrea Keller: Erfurter „Puffbohne“  und Lebenskünstlerin, war eigentlich schon immer politisch aktiv. Viele kennen sie als Verkäuferin der Straßenzeitung „Die Brücke“. Weder von der Arbeitslosig- keit noch von Jobcenter-Schikanen lässt sich die gelernte Sozialarbeiterin entmutigen. 

Uta Schumann: Der Designerin gehört ein  Laden in Erfurt, in dem Musikinstrumente angeboten werden. Auf ihrer ersten Demo war sie 1970 beim Besuch Willy Brandts in Erfurt. Einst wurde sie von der Stasi verhört, weil sie eine bessere DDR wollte. Nach der Wende galt sie dann als „rote Socke“.

Marvin Volk: Der Geschichtsstudent kommt aus einem kleinen Nest in NRW. Dort ging Politik nicht weiter als: „Du wählst die CDU“. Seit fünf Jahren in Erfurt, engagiert er sich beim Auf-die-Plätze-Bündnis und seit einem Jahr bei Fridays for Future, was so langsam sein Studium ablöst.

 

 

Thomas Holzmann