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Ein Ort der Rebellion, Träume und Hilfe

Die Offene Arbeit feierte am 14. September ihr 40-jähriges Jubiläum. Viele bezeichnen die Offene Arbeit als Ankerort. Sie bietet Räume für Menschen, die Lösungswege finden wollen für gesellschaftliche Probleme, aber auch für den bloßen Austausch.

Von Thilo Manemann

 

Vor der Michaeliskirche in Erfurt stehen Tourist*innen, machen Fotos und hören einem Reiseführer zu, der die Geschichte der Kirche in ein paar Sätzen zusammenfasst. In der Kirche sitzen Menschen, denen diese Geschichte bereits bestens vertraut ist. Am 14. September, feierte die Basisgemeinschaft Offene Arbeit ihr 40-jähriges Jubiläum.

Der Empfang wird von einem Mann eröffnet, der den Anwesenden gut vertraut ist. Ohne ihn wäre die Offene Arbeit wohl nicht denkbar. Für Wolfgang Musigmann war und ist die Offene Arbeit vor allem eines: „Die Vision von dem Zusammenleben, was nicht ist, aber sein wird.“ 

 

Die Kirche ist voll besetzt, einige Menschen stehen. Jahrelange Weggefährt*innen der Offenen Arbeit haben sich eingefunden, aber auch prominente Gäste. Für den Thüringer Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow, ist die Offene Arbeit eine Öffnung der Kirche für junge Leute, die nach Antworten suchen. Auch der Senior des evangelischen Kirchenkreises Erfurt, Matthias Rein, betont die Bedeutung des Ortes für junge Menschen. Es sei ein Ort für diejenigen gewesen, die nicht auf die Mächtigen hören wollten. Gemeint ist die Zeit in der damaligen DDR. Die Offene Arbeit hat die Jugendkultur in Erfurt entscheidend geprägt. „Ein Ort, an dem frei und ohne Angst gesprochen werden konnte“, erinnert sich Musigmann. Tabuisierte Themen wie Sexualität oder Religion wurden diskutiert, das System in Frage gestellt. Die kritische Einstellung führte sogar dazu, dass die Offene Arbeit in den Fokus der Staatssicherheit rückte, an deren Besetzung sie sich 1989 beteiligte.

 

Viele bezeichnen die Offene Arbeit als Ankerort. Sie bietet Räume für Menschen, die Lösungswege finden wollen für gesellschaftliche Probleme, aber auch für den bloßen Austausch. Ein Ort für alle. Das ist Wolfgang Musigmann wichtig. Ob sich etwas geändert habe an den behandelten Themen? Die Themen seien die gleichen geblieben: Frieden, Klimagerechtigkeit, Rechtsextremismus und die Dia-konie. Lediglich die Dimensionen hätten sich geändert. Statt der Luftverschmutzung in Erfurt sei nun der globale Klimawandel zu thematisieren, statt der bekannten Nazis nun das Viertel der Bevölkerung, das wohlwissend Rechte wählt. Er weiß wovon er redet. Und er weiß auch, dass die Gemeinschaft wichtig ist, um die ganz großen Probleme anzugehen.

 

Die Offene Arbeit hat seit 40 Jahren ihren festen Platz in Erfurt. Auch in der Opposition. Sie versteht sich als Freiraum und gesellschaftskritische Akteurin. Die langjährigen Begleiter*innen finden sich auch am 1. Mai auf der Straße zusammen, um gegen den Aufmarsch der AfD zu protestieren. Sie sind bekannte Gesichter mit nunmehr 40 Jahren Erfahrung. Dabei stellt sich auch die Frage um den Nachwuchs. Laut Bernd Löffler sei das Problem nicht, dass es keine jungen Menschen mehr in der Offenen Arbeit gebe. Im Gegenteil: Die Räumlichkeiten würden umfassend genutzt. Nur sei die Bereitschaft zur dauerhaften Mitarbeit gesunken. Musigmann versucht das mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft zu begründen, welche die jungen Menschen zur Schnelllebigkeit dränge. Aber auch dafür sei die Offene Arbeit da: Als Ruhepol, der die Gemeinschaft wieder in den Mittelpunkt rücke. Eine Gefahr für das Fortbestehen gebe es allerdings nicht, die liege eher im Klimawandel und da seien die jungen Leute wieder aktiver. „Wie kann man das Engagement von jungen Menschen verstetigen“, fragt Musigmann. Das sind Herausforderungen, die sich in Zukunft für die Offene Arbeit stellen. 

 

Trotz der Probleme in der Welt stehen die Menschen der Offenen Arbeit an diesem Abend offensichtlich zufrieden beisammen. Niemand kann genau sagen, welchen Abschnitt diese 40 Jahre beschreiben sollen. Lediglich die Gewissheit ist da, dass die Offene Arbeit auch zukünftig einen sicherer Hafen für all diejenigen bietet, die in der Gemeinschaft sein und etwas bewegen möchten. Passenderweise stehen die Menschen vor dem Altar und tanzen zur Musik von „Born to be wild“ von 1968. Elf Jahre älter als die Offene Arbeit, aber diese steht dem Lebensentwurf in nichts nach.