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Die Vergessenen

Auf dem Anger demonstrierten am 16. August mehrere hundert Menschen insbesondere für die Aufnahme von Familien-Angehörigen von früheren „Ortskräften“.
Das „fezt“: Mohammad Amin Sarkhosh (r.) beim Treffen mit Nader Raslan vom syrischen Kulturverein. Beide sind sich einig: Integration geht am besten, wenn wir uns gegenseitig unsere Kultur vorstellen.

Corona, Ukraine-Krieg und Inflation bestimmen die Nachrichten. Ein Jahr nach Abzug der ISAF-Schutztruppe redet kaum jemand über Afghanistan. Ehemalige Ortskräfte wie Mohammad Amin Sarkhosh warten bisher vergeblich auf den Nachzug ihrer Familienangehören, die durch die Taliban Terror und Willkür ausgesetzt sind.

Seit fast einem halben Jahrhundert befindet sich Afghanistan in einem Dauerzustand zwischen Krieg und Katastrophe. Ein Jahr nach dem Abzug der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) könnte die Situation kaum schlimmer sein. Die Taliban haben das Land wieder im Würgegriff ihrer islamistischen Schreckensherrschaft. Frauen und Minderheiten wie die Hazara haben keine Rechte mehr. Selbst öffentliches Singen ist verboten. Als wäre das bettelarme Land am Hindukusch nicht gestraft genug, ereignete sich im Juni ein katastrophales Erdbeben. Inmitten der Willkür-Gewaltherrschaft warten vor allem unzählige frühere „Ortskräfte“ auf eine sichere Fluchtmöglichkeit. Aber wie kann die gelingen? Was ist mit dem von Rot-Rot-Grün angepeiltem Landesaufnahmeprogramm? Und wie geht es Menschen aus Afghanistan, die in ständiger Angst leben, Deutschland doch wieder verlassen zu müssen. 

 

„Den Deutschen ist das egal. Die haben uns im Stich gelassen

 

UNZ sprach darüber mit Mohammad Amin Sarkhosh. In Afghanistan hat er als Ortskraft für die Bundeswehr gearbeitet, war u.a. auch als Fotoreporter unterwegs. 2014 floh er nach Thüringen. Die Taliban entdeckten bei seiner Familie ein Foto von ihm mit deutschen Soldaten und schlugen Schwester und Bruder brutal zusammen. Trotzdem bringt sie kein Flugzeug in Sicherheit. Das deutsche Recht sieht sie nicht als gefährdete Familienangehörige von Ortskräften. „Den Deutschen ist das egal. Die haben uns im Stich gelassen“, sagt Sarkhosh. 

 

Deutsche Bürokratie

 

Trotz der schrecklichen Erlebnisse und der ständigen Hiobsbotschaften: Aufgeben ist keine Option. Seine Große ist sieben, wurde in Altenburg geboren zwei weitere Kinder kamen in Erfurt zur Welt.  Er hat eine Ausbildung zum Sozialbetreuer und macht gerade noch eine Weitere zum Erzieher. Als Mitbegründer des Vereins Move e.V. berät und unterstützt er Geflüchtete in allen Bereichen. Einige Zeit war er auch Mitglied im Ausländerbeirat. Kurzum: Mohammad Amin Sarkhosh ist so gut integriert, wie sich das Politiker aller Parteien in Sonntagsreden wünschen. Und dennoch kann ihm keiner garantieren, dass er dauerhaft in Deutschland bleiben darf. „Das ist deutsche Bürokratie. Nur meine Kinder können ab 16 Jahren einen Antrag auf dauerhaften Aufenthalt stellen“. 

 

Ausbeutungsjob oder Abschiebung

 

Für die meisten bleibt da nur die Ausbeutungs-Perspektive bei Amazon, Zalando oder  einem Supermarkt.  Den Konzernen ist egal, wo die Menschen herkommen, so lange der Profit stimmt. Und für Geflüchtete ist so ein Ausbeutungsjob noch immer besser, als abgeschoben zu werden. Aber dann sind ja auch noch die so genannten Ausländerbehörden. Und dort ist struktureller Rassismus zu oft leider ganz normaler Dienstalltag.

 

Ein Jahr warten auf die Behörde 

 

Sarkhosh kritisiert: „Es gibt in Thüringen Menschen aus Afghanistan, die hier arbeiten, aber nur eine Duldung haben“. Das heißt: Ist der Job weg, droht ganz schnell eine Abschiebung. Dabei ist der Bedarf an Arbeitskräften in Thüringen extrem hoch, allen voran in der Pflege und in der Gastronomie. „Die Menschen würden gerne arbeiten, aber sie warten bis zu einem Jahr auf Antwort von Behörden wie dem BAMF.“ 

Dazu kommt, dass Thüringen, wie der ganze Osten, für Geflüchtete auf dem so genannten Arbeitsmarkt ein extrem hartes Pflaster ist. „In anderen Bundesländern gibt es geringere Hürden, was die Sprachnachweise betrifft. Auch das Verhalten gegenüber Migranten ist hier viel schlechter, viel diskriminierender als in anderen Bundesländern“, so Sarkhosh's Erfahrungen. Sätze wie „Mit so einem kann ich ja beim Kunden nicht vorfahren“, aus dem Mund von Thüringer Handwerkern bringen die Idiotie und den strukturellen Rassismus auf den Punkt. Vor allem,  weil gerade wieder viele händeringend nach Azubis suchen.  Auch deshalb sind  viele Geflüchtete aus Afghanistan von Thüringen längst in andere Bundesländer weitergezogen. „Die Ausländerbehörde in Erfurt behandelt die Leute sehr schlecht. Das ist systematische Diskriminierung. Acht Monate Bearbeitungszeit für eine Aufenthaltsverlängerung? Da sucht sich eine Fachkraft in einem anderen Bundesland eine neue Perspektive“, fasst  Sarkhosh zusammen. Auch von Rot-Rot-Grün hätte er sich da mehr erhofft.  

 

Ohne die Zivilgesellschaft geht es nicht 

 

„Das Landesaufnahmeprogramm liegt seit einem Jahr auf dem Tisch, aber passiert ist nichts. Wie lange müssen die Menschen noch auf einen Familiennachzug warten?“  Ein Programm wie die Flüchtlingspaten Syrien könnte helfen. Aber auch das ist nicht in Sicht.  So sind viele auf die Hilfe aus der Zivilgesellschaft angewiesen. Und bei allem Alltagsrassismus und aktiver Naziszene in Erfurt, auch die gibt es. Sarkhosh weiß: „Es gibt auch viele nette Menschen, die Geflüchteten helfen“. So hatte z.B. eine Richterin ihre Wohnung der Familie zur Verfügung gestellt. Jetzt hilft Sarkhosh selber Geflüchteten beim Ankommen. Im Justizministerium hat er derzeit sogar eine Stelle beim BAMF-Projekt „House of Resources Thüringen“. 

 

Thomas Holzmann