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Die Gedanken sind frei

Die Bakuninhütte bei Meiningen öffnete zum Tag des offenen Denkmals am 9. September ihre Pforten.

Anarchie ist der vermutlich am häufigsten falsch verstandene Begriff der Geschichte. Ob im Alltag, der Wissenschaft oder der Tagespolitik, fast ausschließlich wird er negativ konnotiert und mit Despotismus, Tyrannei oder Chaos gleichsetzt. Das ist falsch, denn die anarchistischen Vordenker haben nicht nur viele kluge Gedanken entwickelt, sondern auch tatkräftig mit angepackt. Ein heute noch erhaltener Ort, wo Thüringer Anarchisten nicht nur philosophiert, sondern etwas aufgebaut haben, ist die Bakunin-Hütte auf der Hohen Maas bei Meiningen.

 

 

Anarchie – was ist das eigentlich?

 

Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Griechischen und wurde bereits vor Christus für Herrscherlosigkeit verwendet. Machiavelli dagegen nutzte ihn zur Beschreibung von Degenera- tionserscheinungen der Demokratie, während Kant sie als „Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“ definierte. Endgültig negativ besetzt wurde Anarchie mit der französischen Revolution – auch um politische Gegner zu diffamieren. Zu einer größeren geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung über Anarchismus kam es erst im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei standen sich Kommunismus und Anarchismus oft unversöhnlich gegenüber. Schließlich sollte es „der Staat“ auch weiterhin richten. Mächtige Zentralinstanzen und Fremdherrschaft sind dabei in der Tat Punkte, die mit Anarchie unvereinbar sind. Schließlich bedeutet Anarchismus als geistige Haltung und Organisationsform nicht nur ein solidarisches Zusammenleben, sondern im- mer auch die Freiheit des Individuums. Selbstredend gibt es noch viele weitergehende Überlegungen, aber die würden den Rahmen deutlich sprengen.

 

Anarchistische Dichter und Denker

 

Einer der ersten und einflussreichen Vordenker des Anarchismus war der russische Artillerieoffizier und Mathematiklehrer Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814 - 1876). Im Gegensatz zu seinem „Gegenspieler“ Karl Marx, kämpfte er in verschiedenen Revolutionen und Aufständen um das Jahr 1848 an vorderster Front und saß deshalb viele Jahre im Gefängnis. In Deutschland gilt Erich Mühsam (1878 - 1934) als einer der bekanntesten Vertreter des Anarcho-Syndikalismus. Antisemitische Klischees bei Bakunin oder Begriffe wie „Sozialer Schädling“ wie bei Mühsam können dem interessierten Leser die Haare zu Berge stehen lassen, dennoch lohnt sich die Lektüre. Vor allem die Texte Mühsams sprühen nur so vor Witz und Farbe und sind so aktuell, dass sie in der „Anstalt“ im ZDF gesendet werden könnten. Mühsam, der die Bakuninhütte 1930 besuchte, war nicht nur Theoretiker. 1919 beteiligte sich der Schriftsteller maßgeblich an der Münchner Räterepublik. Wie der italienische Anarchist Errico Malatesta trat er für eine Aussöhnung und ein gemeinsames revolutionäres Vorgehen von Anarchisten und Kommunisten ein. Spätestens mit Stalins Verrat an der Anarchosyndikalisten im spanischen Bürgerkrieg, gerieten solche Ansätze in Vergessenheit. Weder an den Universitäten noch im politischen Alltag spielt anarchistisches Denken heute eine größere Rolle. In Thüringen hat sich immerhin in Jena die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) im November 2017 neugegründet und betreibt das Gewerkschaftslokal Milly Witkop. Und da ist natürlich die Bakuninhütte, die auf ihre Art an anarchistische Vordenker und auch Vordenkerinnen wie Witkop oder Emma Goldmann erinnern.

 

Oase der Freiheit

 

Als die ersten Menschen 1920 auf die Hohe Maas pilgerten, herrschte für weite der Teile der Bevölkerung größte Not. Nicht die Schönheit der Natur brachte die Leute zusammen, sondern die Aussicht auf Selbstversorgung mit Lebensmitteln. So entstand ein „Siedlungsverein für gegenseitige Hilfe“. Viele Aktive gehörten der Anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU (Freie Arbeiter Union). Selbstorganisation und Solidarität lauteten die Maximen und das große revolutionäre Ziel, Staat und Kapitalismus durch die Übernahme der Produktionsmittel in gewerkschaftlicher Selbstorganisation zu überwinden. Deswegen der Namensgeber Bakunin, der sowohl für Sozialismus als auch für Freiheit steht. Anfangs gab es neben Gemüsebeeten nur einen überdachten Steinwall. Ab 1925 entstand das Haus, das ab 1928 zu einem der wichtigsten Treffpunkte deutscher Anarchosyndikalisten wurde. Ein selbstgebautes Kettenkarussell, damals das Einzige in der Region, sorgte ebenso für großen Zulauf, so dass die Hütte Anfang der 1930er Jahre erweitert werden musste. Vor der Fertigstellung trocknete aber der braune Nazisumpf die Oase der Freiheit aus. Die Nazis konnten mit dem Objekt nicht viel anfangen und verkauften es an Bürger aus Ellingshausen. Nach dem Ende des Hitlerfaschismus wurde es von der SMAD enteignet. Die SED wollte mit Bakunin und anarchistischen Ideen nichts zu tun haben. Das Haus fiel zunächst an die Gemeinde Ellingshausen. Zwischen 1960 und 1970 gehörte es dem Energiekombinat Suhl, ehe es zum Ministerium des Innern kam. Die Meininger Bereitschaftspolizei nutzte Gelände und Hütte für Manöver. Nach der Wende fiel das Objekt in die Zuständigkeit des Bundesvermögensamtes. 2005 kaufte der Verein Wander- und Naturfreunde Meiningen e.V. die Bakuninhütte. Im März 2006 folgte die Gründung des Wandervereins Bakuninhütte e.V. Beide Vereine kümmeren sich Hand in Hand um die Restaurierung des Hauses.

 

Eine bunte Truppe

 

Vom Fortschritt der Arbeiten machten sich hunderte Menschen am 9. September selbst ein Bild. Einige Räume sind bereits vollständig saniert, bei anderen steht noch viel Arbeit aus. Gerne wäre man schon weiter gewesen, aber auch hier behindern gelegentlich die Tyrannei der Verwaltungen und das Wiehern des Amtsschimmels weitere Fortschritte. Die freigeistige und bunte Truppe lässt sich davon keineswegs aus der Ruhe bringen. Ob junger Historiker, Musikerin oder der Vereinsvorsitzende, Pfarrer i.R. Michael Wagner – egal mit wem man sich unterhält, die Atmosphäre ist warmherzig, offen und freigeistig. Kinder toben wild über das Gelände. Urige Wandersburschen genießen ein Bierchen in der Sonne. Auch der Liedermacher Konstantin Wecker pilgerte nach einem Konzert in Meiningen Ende Juli zur Bakuninhütte. Er trug sich mit folgenden Worten ins Gästebuch ein: „Nein, ich hör nicht auf, zu träumen von der herrschaftsfreien Welt, wo der Menschen-Miteinander unser Sein zusammenhält. Was für ein schönes Zusammentreffen mit uns alten AnarchistInnen.“

 

Dem Vergessen entreißen

 

Wer will, kann sich auf der Hohen Maas in eine Zeit entführen lassen, in der die Anarchische Zeitschrift „Der Syndikalist“ – wenn gerade nicht verboten – eine Auflage von 100.000 hatte. Es gibt eine Vielzahl von Anarchis-ten, die aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind. Allein deshalb sind solche Ort wie Bakuninhütte erhaltenswert. Wieviel Bismarck-Türme oder Denkmäler militaristischer und kriegsverherrlichender Art gibt es in Thüringen? Weit mehr als Despoten und Autokraten gebietet. Aber Denkmäler für Anarchisten gibt es kaum. Dabei könnte eine Rückbesinnung auf die vielen klugen Menschen, die diffamiert, eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden auch so manche Perspektive durch Retrospektive ermöglichen – sowohl für große Theorien als auch für praktisches solidarisches Zusammenleben.

„Freies Land und freie Hütte,

Freier Geist und freies Wort,

Freie Menschen, freie Sitte,

Zieht mich stets zu diesem Ort“,

lautet der Hüttenspruch, auf einer restaurierten Steintafel, die einst von Nazis zertrümmert wurde, und bheute wieder die Gäste begrüßt. Oder kurz gesagt: Es bleibet dabei, die Gedanken sind frei!

Trotz alledem.

 

Thomas Holzmann