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Den Ehrenamtlichen die Arbeit so leicht wie möglich machen

Neun Jahre war Anke Hofmann-Domke Landesgeschäftsführerin der Thüringen LINKEN. Am 1. Februar trat sie die Nachfolge von Tamara Thierbach als Bürgermeis-terin und Sozialdezernentin an. Ehrenamtlich wird sie zunächst Geschäftsführerin bleiben. Aber angesichts der gewaltigen Aufgaben, die im Superwahljahr 2019 vor allen Hauptamtlichen der Partei stehen, ist klar, dass es neues Personal braucht

 

Mit Mathias Günther hat sich der geschäftsführende Landesvorstand für einen erfahrenen und schneidigen Menschen entschieden. Im Großen und Ganzen hat der die Kompetenzen von Anke Hofmann-Domke übertragen bekommen. Dass sie trotzdem bis zum nächsten Parteitag ehrenamtlich Landesgeschäftsführerin bleibt, bedingt auch die Satzung des Landesverbandes. Alle praktischen und organisatorischen Aufgaben werden aber in Zukunft auf seinem Schreibtisch landen. Gut, dass er den Verwaltungslehrgang FLI absolviert hat, denn es können sich rasch Probleme auftürmen, die einen einzelnen Menschen schnell an die Belastungsgrenze führen. 

 

Doch davor hat der neue Geschäftsstellenleiter keine Angst. Trotzdem sind die Fußstapfen, in die er tritt, nicht gerade klein. „Die erste Aufgabe in einer Zeit des Wechsels ist es, für Kontinuität zu sorgen. Die Vorbereitungen für die Wahlkämpfe, und alles was damit zusammenhängt, laufen ohnehin bereits. Das sind zusätzliche Aufgaben zum normalen Geschäftsführungsbetrieb. Die Landesgeschäftsstelle betrachte ich als einen Serviceleister für die zumeist ehrenamtlich tätigen Parteimitglieder. Die können gar nicht die gleichen Ressourcen haben wie die Hauptamtlichen. Ihnen möchte ich deswegen die Arbeit so leicht wie möglich machen. Da darf es keinen großen Bruch geben. Dass es im Laufe der Zeit auch Veränderungen geben wird, hängt weniger an meiner Person, als an den sich verändernden Rahmenbedingungen“, schätzt der gelernte Dreher ein.

 

Ursprünglich kommt Mathias Günther aus Sachsen. Politisch tätig war er die letzten Jahre in Südthüringen als Mitarbeiter im Wahlkreisbüro von Tilo Kummer in Hildburghausen. Damit könnte auch eine neue, frische Perspektive, jenseits der manchmal kritisierten „ Erfurter Sicht“ in die alltägliche politische Arbeit einziehen. „Die viel gerühmte Thüringer Kleinteiligkeit ist in den Gefühlen und im Bewusstsein der hier lebenden Menschen tief verwurzelt. Ich glaube nicht, dass alles, was wir hier in Thüringen machen – egal ob LINKE oder CDU – von den gleichen politischen Kräften in anderen Bundesländern auch so gemacht werden würde. Das gehört zu unseren Eigenheiten und deswegen gibt es auch solche Debatten über Erfurter Sichtweisen. Mein Job wird es sein, die Interessen aller Regionen, aller Gebietsverbände zu vertreten. Das wird immer wieder eine Kompromisssuche notwendig machen, aber die ist definitiv möglich“, blickt der Ingenieur-Ökonom optimistisch in die Zukunft.  

 

Wer in Zukunft schauen will, sollte aber die Retrospektive nicht vergessen. „Schon als Kind habe ich lieber Geschichtsbücher gelesen, die andere nicht einmal kannten. In der DDR war es ja eine Selbstverständlichkeit, dass man schon über die staatlich vorgeschriebene Politisierung, mit der Thematik irgendwie in Berührung kam. Ich will das jetzt hier gar nicht werten“, schaut Mathias Günther auf seine politischen Ursprünge zurück. 

 

Die Zäsur von 1989/90 hatte er nicht als Außenstehender, sondern als Offizier der Grenztruppen der DDR, äußerst intensiv erlebt. „Die eigentliche Politisierung in der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft, mit all ihren Gebrechen, aber auch mit all ihren Möglichkeiten, die sich nach 1989 eröffneten, war für mich der Prozess der Erneuerung der SED.“  

 

Die ersten zehn Jahre nach der Wende hatte er mit politischen Mandaten erst mal nicht viel am Hut. „Damals war mir diese ganze Sphäre regelrecht fremd“, erinnert sich der bekennende Chemie Leipzig und FC St. Pauli Fan an das, was man vielleicht als seine wilde Zeit bezeichnen könnte. Die Rituale, die ihn damals abgeschreckt haben, langweilen ihn heute als aktiven Kommunalpolitiker leider immer noch. „Die Hoffnungen der Bürgerrechtler auf einen gleichberechtigten Dialog aller unter allen hat sich leider nicht erfüllt.“ Ein großes Graphito, dass früher lange Zeit am Karl-Liebknecht-Haus in Berlin hing, drückte das für ihn am besten aus: „Das Chaos ist vorbei, es war die schönste Zeit“. „Mit Blick auf den Weg den die SED zur PDS und die PDS zur LINKEN gegangen ist, steckt da viel Wahres drin.“ Anders als heute griffen damals viele Menschen öffentlich in Debatten und Politik ein, ohne das dies vorrangig Hauptamtlichen und Mandatsträgern überlassen wurde.

 

Das änderte sich  im Laufe der 90er. Zunächst mit der Wahl von Steffen Harzer 1996 zum ersten PDS-Bürgermeister einer Thüringer Kreisstadt überhaupt. So gesellte sich Schritt für Schritt die institutionalisierte Politik zu den außerparlamentarischen Initiativen von den Antifa-Demos bis zur ersten Hanfparade. Das Fronttranspi, hat der Hauptmann a. D. damals beim „KGB“ (Kohlen, Gips und Bier Vertriebs GmbH) des PDS-Abgeordneten „Freke“ Over in Berlin mitgestaltet. „Es war eine Zeit intensiven Lernens, weil man mit vielen Westdeutschen zusammengekommen ist, die aus den unterschiedlichsten linken Spektren kamen. In einer geschlossenen Gesellschaft wie der DDR konnte man sich eine solche Welt nicht vorstellen.“  

 

Seit dieser Zeit, als die PDS noch zu den dauerausgegrenzten Schmuddelkindern der politischen Landschaft gehörte, hat sich vieles getan. Die Regierungsbeteiligung, insbesondere die von Ministerpräsident Bodo Ramelow geführte Thüringer Landesregierung, hat auch die Partei verändert. Vieles ist heute professioneller. Es gibt mehr hauptamtlich Beschäftigte. Auch im Westen ist die Partei mittlerweile etabliert. Doch das allein reicht noch längst nicht zum Sozialismus.

 

„Eine Partei, die die Gesellschaft radikal verändern will, braucht eigentlich immer eine breite Bewegung. Breit hieße, dass von 80 Millionen uns wenigstens 40 Millionen unterstützen. Bewegungen haben immer das Problem, dass sie konjunkturell und nicht kontinuierlich verlaufen. Für die große Masse in einer Gesellschaft, die eine dauerhafte Interessenvertretung sucht, ist das problematisch. Deshalb braucht es Parteienstrukturen. Bei aller berechtigter Kritik, die auf die Verfasstheit der Parteien zielt, egal welcher Couleur, sage ich ganz klar: Das erste was ich gründen würde, wenn die jetzigen Parteien zugrunde gingen, wären neue Parteien. Wir haben es in Frankreich gesehen oder bei Podemos in Spanien. Alle werden irgendwann eine Partei mit Apparat. Kontinuierliches arbeiten, kann dauerhaft nicht als bloße Bewegung funktionieren. Das gilt besonders, weil heute durch die Schnelllebigkeit ganz andere Bedingungen herrschen als im 19. Jahrhundert, auf dessen Traditionen wir uns ja nicht zu Unrecht berufen“, so der Geschäftsstellenleiter. 

 

Deshalb will er, dass sich die Partei weiter professionalisiert und modernisiert. Denn nur so könne man die Serviceleistung für die Ehrenamtlichen dauerhaft anbieten. „Man kann von keinem ehrenamtlich Engagierten, so viel Herzblut auch da ist, erwarten, dass er alle rasanten Entwicklungen in der Welt, die ja auch viele Menschen verunsichern, allein im Blick hat.“ Wenn es um die großen weltpolitischen Themen geht, kann Mathias Günther  stundenlang über Nicaragua oder Venezuela sinnieren. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Weder wenn es um politische Fragen, noch um Persönliches geht. 

 

Keineswegs schön rechnen will er die Entwicklung der Mitgliederzahlen. Sein Kreisverband Hildburghausen hatte früher ca. 500 Mitglieder. Stand heute sind es noch 157. „Von denen sind viele nicht in der Lage, bei Minus 20 Grad rauszugehen oder im strömenden Regen Plakate zu hängen. Umso wichtiger ist es, dass die Hauptamtlichen professionell arbeiten. Im Umkehrschluss bringt das natürlich Probleme bei der demokratischen Ver-  fasstheit der Partei mit sich. Der Apparat gewinnt immens an Einfluss und wir müssen schauen, wie wir Missbrauch ausschließen können. Die SED-Erfahrungen sind mir immer noch gegenwärtig. Ich gehöre nicht zu denen, die so naiv sind, zu glauben, dass das heute  nicht mehr passieren könnte. Machtmissbrauch gibt es auch in der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft. Deswegen sind demokratische Legitimation und demokratische Kontrollmechanismen so wichtig.“