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„Das Kind auf der Liste“

Den Roman „Nackt unter Wölfen“ kennt jeder, aber kaum jemand die Geschichte hinter Jerzy Zweig. Das ändert sich mit Annette Leos Buch.

 

Von Christine Schirmer

 

Der Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz dürfte den meisten Menschen ein Begriff sein: Das Buch war zu DDR-Zeiten Schullektüre. Auch wenn der Roman fiktiv ist, gab es das Kind wirklich: Der Junge Stefan Jerzy Zweig wurde durch „Nackt unter Wölfen“ bekannt als „das Buchenwald-Kind“, das die Inhaftierung im KZ überlebte. Weniger bekannt ist jedoch die Tatsache, dass sein Name sich auf einer Liste befand, auf der 200 Kinder aufgezählt wurden, die am 26. September 1944 nach Auschwitz gebracht werden sollten. Zwölf der Namen, darunter auch Zweigs, wurden später jedoch gestrichen und durch andere ersetzt, in seinem Fall durch den Namen Willy Blum.

 

An diesem Punkt beginnt Annette Leos Forschungsarbeit: In ihrem Buch „Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“ geht sie zahlreichen Fragen und bisher nicht aufgearbeiteten Aspekten dieses von der Gedenkstätte Buchenwald zuerst als „Opfertausch“ bezeichneten Vorgangs nach. Dass dieser Begriff im Kontext von Stefan Jerzy Zweig nicht mehr benutzt wird, ist nicht nur das Resultat einer Klage gegen die Gedenkstätte, sondern insbesondere der Tatsache, dass es sich eben nicht um einen „Opfertausch“ handelte. Die Recherchen ergaben, dass Willy Blum sich freiwillig meldete, um seinen kleinen Bruder nicht alleine zu lassen, was ein völlig neues Licht auf die Geschehnisse wirft: Annette Leo beschreibt anschaulich die Verschiebung der Wahrnehmung Blums von einem passiven Objekt zu einem Subjekt, das selber Entscheidungen traf, was insbesondere angesichts des tragischen Verlaufs von großer Bedeutung für Blums und auch Zweigs Biografie ist.

 

Am 24.10. veranstaltete die Offene Arbeit Erfurt in Kooperation mit der Rosa Luxemburg-Stiftung eine Lesung mit der Autorin, die schon im vergangenen Jahr ihr Buch im Erinnerungsort Topf und Söhne vorstellte. Die Historikerin publizierte zahlreiche weitere Texte, unter anderem „Briefe zwischen Kommen und Gehen“, die Biografie ihres Großvaters, sowie die umstrittene Biografie Erwin Strittmatters. In kleinem Rahmen berichtete sie über ihr Buch „Das Kind auf der Liste“, das nicht nur Willy Blum, sondern seiner gesamten Familie eine Stimme verleiht und ein Gegengewicht zu der heroischen Geschichte in „Nackt unter Wölfen“ darstellt.

 

Die Familie Blum, die seit mehreren Generationen in Deutschland lebte, zog mit einem Wandermarionettentheater von Ort zu Ort, um eigene sowie bereits existierende Geschichten auf dem Land vorzuführen. Dieses Leben war nicht nur eine Gemeinsamkeit mit anderen Sinti, denn es gab zur damaligen Zeit auch zahlreiche nicht zu ihrer Minderheit gehörende Schaustellerfamilien. Die Einschränkung ihrer beruflichen Möglichkeiten sowie die anschließende Verfolgung und Deportierung erfolgte willkürlich, die Aufarbeitung anhand der spärlich vorhandenen Quellen war und ist schwierig. Lediglich ein Foto ließ sich von Willy Blum finden, Geburtsurkunden und andere Dokumente sind nicht eindeutig und widersprechen sich teilweise. Dennoch gelingt es Annette Leo ein umfassendes, tiefgehendes und emotionales Bild der Familie Blum zu zeichnen und weitestgehend unbekannte Aspekte anzusprechen, unter anderem die langwierigen staatlichen Prozeduren, denen die überlebenden Sinti ausgesetzt waren, bevor ihre Leidensgeschichten anerkannt wurden.

 

Die zahlreichen Fragen, aber auch mehrere erhitzte Diskussionen der Teilnehmer über in diesem Kontext eher nebensächliche Themen sorgten zwar für Denkanstöße, lenkten die Autorin jedoch auch immer wieder von ihrer eigenen Präsentation ab, so dass am Ende mehrere wichtige Punkte gar nicht zur Sprache kamen. Das sollte allerdings nur einer von vielen Gründen sein, selber dieses bewegende Buch zu lesen. „Das Kind auf der Liste“ ist kos-tenlos erhältlich im Shop der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen.