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Besser als Netflix

Hunger auf Fisch? Hat der Eisvogel immer!
Schaffe, schaffe, Häusle baue: Der Buntspecht
Kann bis zu 10 Sekunden tauchen: Die Wasseramsel
Attraktive Schwester im Anflug: Die Gebirgsstelze.
Zur Salzsäule erstarrt: Der Graureiher
Gibt gerne feinperlige Sinfoniekonzerte: Das Rotkehlchen

In der Corona-Zeiten nur zu Hause hocken, ohne Live-Kultur? Bloß nicht!

Die UNZ geht mit Anja Zimmermann von der Thüringer Naturschutzjugend (NAJU) auf Entdeckungsreise: Der Erfurter Flutgraben bietet ein Naturparadies mitten in der Landeshauptstadt – Kultur und Action inklusive.

 

Eines vornweg zur Beruhigung: Während andernorts Meisen massenhaft an einem Bakterium sterben, sind an der Gera jede Menge Blau- und Kohlmeisen zu sehen. Die gehören aber gar nicht mal zu den besonders interessanten Vögeln im urbanen Naturkleinod Erfurts.

Der Flutgraben – „Fludert“ oder „Flunsch“ auf Erfordsch – ist ein 5,4 Kilometer langer Kanal, fertiggestellt 1898. Erfurts damaliger Oberbürgermeister Richard Breslau (1835 –1897) hatten ihn bauen lassen und sich dafür sogar mit den preußischen Militärs angelegt. Neben effizientem Hochwasserschutz bietet der Flutgraben wie auch weite Teile der Gera durch ein (fast noch) zusammenhängendes grünes Band von Bäumen eine erstaunliche Artenvielfalt. Und das mitten in der Stadt.

 

„Besser als jede Netflix-Serie“ sei, was sich an dem 1,5 Kilometer langen, begehbaren Stück, wo es sich herrlich am Wasser flanieren lässt, zwischen Schmidtstedter- und Boyneburgufer abspielt, verspricht uns die Naturschützerin und passionierte Hobby-Ornithologin, Anja Zimmermann.

Unter der Brücke am „Strandgut“, wo einst von Menschen gemachte Kultur zelebriert wurde, bis die Stadtverwaltung nicht mehr mitspielte, erwartet uns schon der erste Darsteller der Flutgraben-Serie.

 

Fast wie Bud Spencer

 

Der Graureiher ist mit fast zwei Metern Flügelspannweite ein beeindruckendes Tier. „Der Reiher trägt derzeit sein Prachtkleid mit besonders leuchtendem Schnabel“, erklärt Zimmermann. Auf ihn ist Verlass. Er ist in jeder Folge zu sehen. Meist steht er zur Salzsäule erstarrt in der Gera und flattert in gemütlichen Tempo erst davon, wenn der Abstand der Besucher auf wenige Meter geschrumpft ist. Kraftvoll, aber behäbig – fast wie früher Bud Spencer.

 

Der King of Rock

 

Danach entdecken wir zunächst nur Amseln und Tauben – Alltag und langweilig. Die Naturschützerin, die seit mehr als 15 Jahren Vögel beobachtet, kann dagegen alle der mehr 20 Arten des Flutgrabens schon am Gesang erkennen: Da ein Rotkehlchen, hier eine Blaumeise und dort der Zaunkönig – eine beeindruckende Polyphonie der Natur erklingt. Zimmermann findet: „Der Zaunkönig ist eher Heavy Metal, dass Rotkehlchen dagegen feinperlig.“ Und in der Tat: Als sich der Zaunkönig nur wenige Meter vor uns nieder lässt, legt er ziemlich laut und allegro los, als wolle er sagen: Let´s Rock! Während der Zaunkönig meistens mehr zu hören als zu sehen ist, gehört das Rotkehlchen zu den häufig sichtbaren Hauptfiguren. Gelegentlich macht es ein trauriges Gesicht, aber meistens gibt es herrliche Sinfoniekonzerte oder badet wonnevoll in der Gera. Gern am Wasser ist auch die Bachstelze unterwegs. Nach ihr sind in Erfurt Straßen und ein Edel-Restaurant benannt. In unserer Flutgraben-Serie spielt sie aber seltener mit. Ihre attraktivere Schwester, die gold-gelb leuchtende Gebirgsstelze, ist dafür umso häufiger zu sehen. Gerne zu zweit unterwegs, tippeln, oder besser stelzen, die Tiere am Ufer entlang.

 

Eisvogel: Superstar des Flutgrabens

 

 

Dann kündigt sich der Superstar, der Überflieger des Flutgrabens, an. Zwei mal ein kurzes Pfeifen: der Überschallknall der Vogelwelt. Dann düst der Eisvogel im Tiefflug über die Wasseroberfläche. Kaum ist dieser prächtig blau und orange gefärbte Vogel auf einem Ast gelandet, setzt er zum Angriff an: Start, Fisch mit dem Schnabel aus der Gera greifen, den Fisch totschlagen, runterwürgen. Ein grandioser Höhepunkt so mancher Folgen der Flutgrabenserie. Es dauert nur wenige Sekunden, aber es ist ein Spektakel, dass man gesehen haben muss.

 

 

Plötzlich zieht ein sirenenhaftes Heulen unsere Aufmerksam auf sich. Expeditionsleiterin Anja Zimmermann hat sofort erkannt: Dieses Geräusch stammt von der Nachtigall. Als geniale Musikerin hat die Nachtigall allerdings noch weit mehr drauf, und das zeigt sie auch gerne und lautstark.

 

Und es gibt noch viel mehr zu sehen, so dass jede Folge ein bisschen anders ist. Mal ist ein gewalttätiges Beziehungsdrama bei den Enten zu beobachten, dann wieder hackt der Buntspecht seine Wohnung in einen Baum, mit direktem Blick auf den Eingang zum „Gewerkschaftshaus“, wo früher – und vielleicht ja auch bald wieder – Konzerte … ach lassen wir das. Ausgerechnet am früheren Kulturzentrum „WIR-Garten“, wo gerade wieder Bäume für ein 31-geschossiges Luxuswohnhaus weichen müssen, zeigen sich viele Arten besonders oft. Darunter auch die Wasseramsel. Sie beeindruckt mit erstaunlichen Tauchfähigkeiten und kann bis zu zehn Sekunden unter Wasser bleiben.

 

 

Nach Sonnenuntergang sausen Fledermäuse in irren Bahnen über unsere Köpfe. „Sie fressen Insekten im Flug”, erläutert Zimmermann.

 

Auch Vögeln droht Wohnunsgnot

 

Trotz der wunderbaren Vielfalt macht sich die Naturschützerin Sorgen: „Wenn weiter so viele Bäume gefällt werden, droht auch den Vögeln Wohnungsnot“. Seit 2016 auch Landesvorsitzende der Naturschutzjugend, geht Zimmermann seit Jahren auf zahlreiche „Ornicamps“ und organisiert in Erfurt Aktionen der NAJU-Kindergruppe.

 

Wo sind all die Rebhühner hin?

 

Dabei beobachtet sie schon lange das Verschwinden vieler Arten. Ein schlimmes Beispiel: Zimmermann hat deutschlandweit über 200 Vogel-arten von Austernfischer bis Zwergdommel gesehen. Lange nicht mehr dabei: das Rebhuhn. „Seit mindestens fünf Jahren habe ich keines mehr gesehen“: Früher ein Allerweltsvogel auf Thüringer Feldern – heute eine Rarität. Schuld daran: konventionelle Landwirtschaft und Ackergifte. Da wundert es nicht, dass in der Stadt die Natur intakter zu sein scheint als auf dem Lande rund um die Landeshauptstadt.

 

Staffel 2: Der wortkarge Schurke

 

UNZ-Empfehlung deshalb: Mindestens einmal pro Woche Flutgraben-Serie schauen. In Staffel zwei ist der Sperber – ein „wortkarger Schurke“, wie Zimmermann betont – zu sehen. Der könnte sowohl den niedlichen Babyenten als auch kleineren Singvögeln gefährlich werden. Nichts für schwache Nerven. Exklusiv für UNZ-Leserinnen und Leser bietet Anja Zimmermann Führungen an. Bei Interesse eine originelle Begründung, warum gerade ihnen diese Ehre zu Teil werden soll, per E-Mail an: redaktion@unz.de

 

Thomas Holzmann