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Auf der Spur einer Welt, die es nicht mehr gibt

Steven Robins’ Großmutter Cecilie Robinski und seine beiden Tanten Edith und Hildegard Robinski. Foto: Privatarchiv von Steven Robins

Steven Robins Vater floh 1936 vor den Nazis von Erfurt nach Südafrika. Mit „Briefe aus Stein“ hat er ein beeindruckendes Buch über die fast vergessene Geschichte seiner Familie geschrieben und gibt so Holocaust-Opfern eine Stimme.

Dass der Anthropologe Steven Robins am 23. September  in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge sein Buch „Briefe aus Stein“ vorstellte, kommt nicht von ungefähr: Sein Vater arbeitete als Einkäufer in einem großen Warenhaus in Erfurt, so dass der Autor einen gewissen emotionalen Bezug zu der Stadt hat, die auch bei seiner Veranstaltung zum Tragen kam. An dieser Stelle sei bereits erwähnt, dass gerade die Emotionalität seines Schreibens kennzeichnend für „Briefe aus Stein“ ist und den Text auf besondere Art und Weise hervorhebt.

 

Von Christine Schirmer

 

Robins, der als Professor an der Universität Stellenbosch in Südafrika tätig ist, hat bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht, wobei seine Schwerpunkte auf den Themenkomplexen Identität, Territorialität und den politischen Entwicklungen in (Süd-)Afrika liegen. Seine Texte befassen sich unter anderem mit sozialen Bewegungen, NGOen, Bürgerrechten oder auch, ganz konkret, der Apartheid. Sein Buch „Letters of Stone – From Nazi Germany to South Africa“ erschien bereits 2016 und wurde nun endlich auch ins Deutsche übersetzt. Am 19. September 2019 wurde „Briefe aus Stein – Von Nazi-Deutschland nach Südafrika“ in Kooperation mit dem Friedrichshain-Kreuzberg Museum FHXB in Berlin veröffentlicht.

 

Neben dem Museum, das bereits im Vorfeld in Robins‘ Forschungen involviert war, sind auch zahlreiche weitere Institutionen an diesen beteiligt. Die Buchvorstellung mit an-schließender Diskussionsrunde wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der Initiative „Decolonize Erfurt“ und der Professur für Wissenschaftsgeschichte der Universität Erfurt veranstaltet. Die in englischer Sprache stattfindende Veranstaltung vermittelte den interessierten Zuhörern in kleinem Rahmen eine sehr beeindruckende Vorstellung von Robins‘ Suche nach den eigenen Wurzeln, aber auch seiner Aufarbeitung der mitunter grausamen Vergangenheit seines eigenen Fachgebiets sowie der Eugenik und der Ethnologie.

 

Genau diese Ambivalenz ist es, die „Briefe aus Stein“ so herausragend erscheinen lässt: Es präsentiert in einem Atemzug akademische Forschung und privates Schicksal. Seine Kindheitserinnerung an ein kleines Foto, das drei Frauen zeigt, sollte Robins so sehr prägen, dass es letztlich zu einer Rekonstruktion seiner gesamten Familiengeschichte führte. Als er erfuhr, dass es sich bei den Frauen auf dem Foto um die Mutter und die Schwestern seines Vaters in Berlin handelte, die wenige Jahre später in Auschwitz ermordet wurden, begann für ihn eine Reise zu seinen Wurzeln. Mit der Namensänderung von Robinski in Robins sprach der Vater nicht mehr über die tragische Vergangenheit, ließ sich jedoch ein Jahr vor seinem Tod von seinem Sohn interviewen. Bei seiner Suche nach weiteren Informationen stieß Robins auf das Zeugnis eines intensiven Briefwechsels zwischen den Familienmitgliedern: In Archiven fand er etwa hundert Briefe, die nicht nur die Gräueltaten des Nationalsozialismus dokumentieren, sondern ihm auch einen einzigartigen Blick auf seine eigenen Vorfahren ermöglichte.

 

In „Briefe aus Stein“ gibt Robins den Opfern eine Stimme, positioniert sich in einem Diskurs des Sprechens, Erinnerns und auch Fühlens, präsentiert zugleich jedoch auch Fakten und Forschungsergebnisse, die weit über seine persönlichen Erfahrungen hinausgehen und den Text zu einem in jeder Hinsicht bedeutsamen Werk machen. Nicht nur die Geschichte Deutschlands und (Süd-)Afrikas wird dabei thematisiert, Robins stellt sich auch ganz offen der „Komplizenschaft [s]einer Wissenschaftsdisziplin bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und gegen das von ihm zitierte „schwarze Loch des Schweigens“. Das Ziel des Autors, seinen Vorfahren und Angehörigen auf diesem Wege die letzte Ehre zu erweisen und ihr Andenken lebendig zu halten, hat er in jeder Hinsicht erreicht.

 

 

Steven Robins: Briefe aus Stein. Von Nazi-Deutschland nach Südafrika,  Metropol Verlag. 320  Seiten, 24 Euro.