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Wer für Atomkraft ist, hat von Technik keine Ahnung

Ralph Lenkert kämpft als MdB schon seit 2009 für Atomausstieg und Energiewende. Als gelernter Werkzeugmacher bei Carl Zeiss Jena, Programmierer und Technologe mit internationaler Firmenerfahrung, weiß der Sprecher für Energie und Klimaschutz der Linksfraktion, genau wovon er redet.

Ralph Lenkert, Energieexperte und Bundestagsabgeordneter (LINKE) aus Jena über die Auswirkungen von Putins Krieg auf die Energiepolitik, Flüssig-Gas aus den USA, Kohle und die Wasserstofftechnologie.

 

Was droht uns schlimmsten Falls, wenn es kein Öl und Gas mehr aus Russland geben sollte? Könnten die Lichter ausgehen, wie es Außenministerin Annalena Baerbock andeutete? 

 

Für solche Fälle hat die Bundesrepublik die strategische Ölreserve. Das sind Ölvorräte für 90 Tage, in denen wir komplett ohne Öllieferungen auskommen könnten. Außerdem kommen nur etwa 35 Prozent des Erdöls aus Russland. Und noch wird geliefert. Akute Versorgungsengpässe sind nicht zu erwarten. Trotzdem besteht mittelfristig, mit Blick auf den nächsten Winter, Handlungsbedarf.

 

Und beim Gas?

 

Putin hat über die Gasspeicher den Krieg schon seit letztem Sommer vorbereitet. Die EU zahlt jetzt den Preis für die grenzenlose Deregulierung. Beim Erdöl gibt es durch die strategische Reserve immerhin eine gewisse Regulierung. Die Firmen sind verpflichtet, gewisse Mengen zu bunkern. Bei Gas wurde dagegen die volle Liberalisierung nach dem Willen der FDP durchgezogen. Deshalb konnte sich Gazprom auch den größten deutschen Speicher in Reheden (Niedersachsen) sichern. Und deshalb gibt es keine Regularien, welchen Mindestfüllstand welcher Speicher zu welcher Jahreszeit haben muss. Es wird nur auf die Regulierung durch den Markt, also durch Spekulation und Preise, gesetzt. Die Folge: Gazprom hat seit letztem Sommer kaum noch Gasverträge angeboten und alte erfüllt, indem sie die Speicher leer gefahren haben. Da 50 Prozent des Gases aus Russland kommen, ist die Lage anders als beim Öl. Aber: Durch den relativ milden Winter und viel Windstrom wurde viel weniger Gas verbraucht als üblich. Außerdem wurden letztes Jahr Optionsscheine auf Gas gehandelt, die jetzt gezogen werden. 

 

Klingt als wäre Gas ein reines Spekulationsobjekt an der Börse. 

 

Deswegen hat das Wirtschaftsministerium ja diese Optionsscheine gekauft. Das war für alle Abgeordneten  überraschend als das der Wirtschaftsminister Robert Habeck verkündete. Problem ist, mit jeder Lieferung Gas aus Russland finanzieren wir Putins Krieg mit.

 

Flüssig-Gas aus den USA hat aber auch so seine Nachteile … 

 

Für verflüssigtes Erdgas, LNG (Liquefied Natural Gas) hat Europa erstmal genug Kapazitäten. Nur Deutschland hat keine. Und ich sage: Wir brauchen auch keine! Wir haben Erdgasleitungen nach Holland und die haben LNG-Terminals. Dazu kommen Leitungen nach Norwegen und ein funktionierendes europäisches Verbundnetz. Durch das hat Deutschland bisher auch Erdgas aus Russland verteilt. Das funktioniert ebenso in andere Richtungen. Im Vergleich zum russischen Erdgas ist das Flüssig-Gas natürlich deutlich teurer. 

 

Und dreckiger, weil es mit der Fracking-Methode gewonnen wird. 

 

Ja und Nein. Einer der größten LNG-Lieferanten der Welt ist das Sultanat Katar, auch nicht gerade eine Friedensfirma. Aber das ist immerhin kein Fracking-Gas. Allerdings ist der LNG-Preis schon von Haus aus teurer. Die Förderkosten in Katar sind zwar ähnlich günstig wie in Russland, aber das Verflüssigen und der Transport per Schiff sind teuer und dabei geht auch noch ein Teil des Gases verloren. Das Fracking-Gas aus den USA ist eine Katastrophe für das Klima. Schon bei der Förderung entweichen bis zu 10 Prozent des geförderten Methans in die Atmosphäre, der so genannte Methanschlupf. 

 

Dadurch ist mancherorts in den USA sogar das Trinkwasser aus dem Hahn leicht brennbar.

 

Ja, und das ist nichtmal das größte Problem. Methan ist ein viel schlimmerer Klimakiller als C02. Selbst bei nur 4-5 Prozent Methanschlupf wäre es für das Klima besser, Kohle zu verbrennen. 

 

Droht am Ende die Rückkehr zur Atomkraft?

 

Die Rückkehr zur Atomkraft ist eine Phantasterei von Leuten, die von Technik keine Ahnung haben. Die Betreiber wissen seit 2002, dass ihre Atomkraftwerke vom Netz müssen. Deshalb haben sie keine Wartung mehr gemacht, keine Ersatzteile auf Lager und alles so kalkuliert, dass sie bis zum Ende möglichst günstig fahren können. Das macht man überall so, wenn eine Fertigung ausläuft. Die ganzen Lieferketten sind weg. Die Computer auf dem Stand von 2002 oder noch älter. Schon bei einer zusätzlichen Laufzeit von nur einem Jahr hätte ich riesige Bauchschmerzen, denn die Sicherheitsrisiken steigen exponentiell. Wer einen 50 Jahre alten Oldtimer hat, fährt damit auch nicht jeden Tag im Dauerbetrieb 100 Kilometer. Das wissen die Betreiber und scheuen die riesigen Investitionen, die für die Sicherheit nötig wären. 

In Frankreich sind übrigens von 56 Atomkraftwerken nur 40 am Netz. Der Rest ist in Wartung oder Havarie. Frankreich hat letzten Winter nur 80 Prozent des Stromes selbst erzeugt. Der Neubau in Flamanville  sollte 2017 schon fertig sein und ist es bis heute nicht. Die Kosten haben sich auf 19 Milliarden Euro versechsfacht. Planung und Bau eines Atomkraftwerkes dauern mindestens 10, eher 15 Jahre. Auch die Idee kleiner Atomkraftwerke ist keine Lösung und funktioniert nur im Labor.

 

Da dürfte bald der Ruf nach längerer Nutzung der heimischen Braunkohle kommen.

 

Der Kohleausstieg ist für 2038 geplant, was zu spät ist. Wobei ich sagen muss, dass die Aufrüstung von 100 Milliarden fürs Klima ein viel größeres Problem ist als der Betrieb von Kohlekraftwerken. Fakt ist: Noch haben wir diese Kohlkraftwerke. Die sind auch in der Netzreserve eingeplant. Und nochmal: Gefracktes LNG-Gas ist schlimmer für’s Klima als Kohle. Jede andere Behauptung ist Greenwashing. 

 

Welchen Energiemix würden sie stattdessen empfehlen? 

 

Erstmal muss der Gasbedarf gesichert werden. Bei Dunkelflaute, wenn im Winter die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, werden wir den auch immer haben. Ich gehe davon aus, dass hier Wasserstoff eingesetzt werden kann, aber das geht nicht so schnell. Gasnetz- und Speicher haben wir allerdings. Deshalb fordere ich: Die Biogasanlagen mit Gasreinigung ans Erdgasnetz anzuschließen. Biogas ist ja auch nichts anderes als Methan, nur auf einem anderen Weg, in der Landwirtschaft, gewonnen. Jetzt wird dieses Biogas das ganze Jahr über konstant verstromt, auch wenn die Sonne scheint und Wind weht. Es wäre klug, dieses Gas wieder ins Netz zu nehmen. Dafür könnte man den Lieferanten auch einen Extra-Cent pro Kilowattstunde zahlen. Da kommt immerhin etwa 1/8 unseres Strombedarfes zusammen. Biogaslagen sollten nur noch dann gefördert werden, wenn sie das Gas auch einspeisen können. 

 

Und was wird aus dem „Grünen“ Wasserstoff?

 

Die Wasserstoffelektrolyse muss mittelfristig massiv vorangetrieben werden. Sonst werfen wir im Sommer oder bei starkem Wind zu viel Strom aus Photovoltaik und Windkraft weg. Das sind enorme Strommengen, für die es keine Abnehmer gibt. Mit der Wasserstoffelektrolyse, also der Gewinnung von Wasserstoff aus Wasser, könnten wir diesen Strom günstig speichern. Dazu bräuchten wir nur eine Menge Heizpatronen. Das sind riesige und relative günstige Tauchsieder, die überschüssigen Strom in Wärme umwandeln können. Dann müssten wir, anders als jetzt, unsere Gaskraftwerke nicht anwerfen. Das wäre gut für das Klima und schlecht für Putins Krieg.

 

Thomas Holzmann