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Mehr Leute wachrütteln

Anja Siegesmund (Grüne), Thüringern Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Energie setzt bewusst auf Zuspitzungen und Provokationen, um mehr Menschen zu erreichen. Foto:Andreas Pöcking

"Mit der Natur lässt sich nicht verhandeln, das wird auch ein Herr Seehofer spüren. Alexander Gerst twitterte von der Weltraumstation Fotos, die Europa in den Konturen einer vertrockneten, braunen Steppenlandschaft zeigt. Die Hitze und die ausbleibenden Niederschläge in Kombination, sind ein Phänomen, das nicht nur uns in Thüringen betrifft. Trotzdem führen einige noch immer rückwärtsgewandte Debatten. Zeit ist es, endlich zu handeln, und genau das versuchen wir in Thüringen", sagt die Thüringern Umweltministerin, Anja Siegesmund.

Seit Monaten herrscht eine Hitzewelle mit massiver Trockenheit. Der Zusammenhang mit dem Klimawandel scheint offensichtlich zu sein. Dennoch beherrschen Seehofer und das Thema Flüchtlinge den öffentlichen Diskurs. Warum gibt es keine große Debatte über den Klimawandel?  

Mit der Natur lässt sich nicht verhandeln, das wird auch ein Herr Seehofer in diesem Sommer langsam mal spüren. So nimmt die Sorge um unser Klima gerade in diesen Tagen zu. Alexander Gerst twitterte von der Weltraumstation Fotos, die Europa in den Konturen einer vertrockneten, braunen Steppenlandschaft zeigt. Am Nordpol gibt es derzeit Rekordtemperaturen. Die Hitze und die ausbleibenden Niederschläge in Kombination, sind ein Phänomen, das nicht nur uns in Thüringen oder Deutschland betrifft, sondern die gesamte Nordhalbkugel – und das wird in Zukunft immer öfter auftreten, auch wenn es da Schwankungen geben wird. Trotzdem führen einige  noch immer rückwärtsgewandte Debatten, ob das nun der Klimawandel ist. Zeit ist es, endlich zu handeln, und genau das versuchen wir in Thüringen.

 

Wenn wir von Klimawandel reden, ist das nicht eine Verharmlosung? Müsste es nicht Klimakatastrophe heißen?  

 

Deshalb rede ich auch von Klimakrise. Das trifft es, finde ich, ganz gut, denn diese Krise hat Auswirkungen auf sehr viele Lebensbereiche. Sicher auf die Landwirtschaft, mit Auswirkungen auf die Ernte, aber auch auf die Gesundheit der Menschen. Die Kreislauferkrankungen nehmen zu. Vor allem ältere Menschen, aber auch viele Kinder, leiden massiv darunter. Die Krise in der Landwirtschaft wird am Ende auch die Verbraucherinnen und Verbraucher treffen. Was ist denn, wenn es weniger Getreide auf den Feldern gibt? Dann gibt es weniger Mehl und am Ende kann das bedeuten, dass das Brot teurer wird. Auswirkungen der Klimakrise treffen hier, aber auch überall auf der Welt, diejenigen am meisten, die sich am wenigsten dagegen wehren können. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.  Deswegen müssen wir vorsorgen und vor allem müssen wir all jenen, die immer noch leugnen, dass der Klimawandel stattfindet, klar sagen: Ihr könnt alleine gerne in die Katastrophe laufen, aber wir machen da nicht mit.  

 

Im globalen Kontext scheinen keine Maßnahmen in Sicht. Die Klimakonferenzen scheitern Jahr für Jahr. Welche Entwicklung droht Thüringen in den nächsten Jahren schlimmstenfalls? Wird das Thüringer Becken zur Wüste?  

 

Ganz so stimmt es ja nicht. Die Klimakonferenzen haben in den letzten Jahren Erfolge gebracht, denken sie nur an den Durchbruch von Paris, aber an der Umsetzung hapert es. Ich will kein Worst-Case-Szenario beschreiben, weil wir nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen. Wir können handeln und tun das auch. Um noch mehr Menschen zu erreichen, helfen auch Provokationen. Im Weimarer Klimapavillon haben wir eine Ausstellung organisiert, die bewusst überspitzt und zeigt was passiert, wenn wir nicht handeln. Auf einer Tafel hat eine Kuh eine Rettungsweste an. Oder: Alle Gebäude Thüringens werden von oben bis unten weiß, um mehr Sonne zu reflektieren. Das sind Zuspitzungen, die ich bewusst einsetze, um noch mehr Leute wach zu rütteln.  

 

Welche konkreten Maßnahmen hat die rot-rot-grüne Landesregierung beschlossen?  

 

Wir haben ein Klimagesetz auf den Weg gebracht, das noch vom Landtag verabschiedet werden muss. Es gibt flankierend eine Klimastrategie mit 50 Maßnahmen, angefangen von LED-Straßenbeleuchtung bis hin zur Förderung von Lastenfahrrädern. Wir haben Fördermaßnahmen wie GreenInvest für Energieeffizienz der Wirtschaft, SolarInvest und EmobilInvest für mehr Solarenergie und E-Mobilität. Und wir haben KlimaInvest. Dort können Kommunen bereits auf Mittel zurückgreifen, auch um mit mehr Grün mehr Klimaschutz und künftig auch Anpassung dort zu betreiben, wo Betonwüsten  Hitzestaus verursachen. Sie können dann verstärkt Dächer begrünen und mit Baumbeständen Gebäude kühlen.  Außerdem brauchen wir mehr Anstrengungen, um den Ausstoß vom Klimakiller CO2 in der Luft zu senken.   Viele Wissenschaftler sagen aber bereits es ist schon fünf nach zwölf. Braucht es nicht viel radikalere Maßnahmen. Zum Beispiel den von den Grünen einst vorgeschlagenen Veggieday, eine City Maut, kostenlosen ÖPNV usw.?  Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt – da bewegt sich also schon einiges. Und das ist gut so, wenn man bedenkt, das 1 Kilo Rindfleisch über 10.000 Liter Wasser kostet.  Und ja, ich finde auch: In den Städten und auf dem Land brauchen wir ein sehr günstiges Azubi-Ticket als auch schnellstmöglich ein Schülerticket für mehr ÖPNV. Wir müssen uns bewusst sein, welchen C02 Fußabdruck wir selber hinterlassen und können uns jeweils fragen, ob alles so nötig ist – aber vor allem muss die Politik den richtigen Rahmen setzen und kann das Problem nicht auf den Einzelnen abwälzen. Wir brauchen bundesweit einen raschen sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohle, weniger C02 im Straßenverkehr durch funktionierende Grenzwerte und eine ernsthafte  Förderung der Alternativen zu Benzinern und Diesel. Und wir brauchen eine Landwirtschaft, die nicht nur auf Wachstum setzt, sondern auf Umweltverträglichkeit. Wenn ich mir angucke, mit welch lapidaren Argumenten insbesondere die Verbandsspitzen der Thüringer Wirtschaft sich gegen das Klimagesetz sträuben, dann kann ich nur raten: Einfach mal aus dem Fenster schauen! Es gibt ja zum Glück viele Unternehmen, die das längst verstanden haben und  massiv in die Energieeffizienz investieren.  

 

Im Kontext der Dürre gibt es Überlegungen, Wasserleitungen aus dem Thüringer Wald in die besonders betroffenen Gebiete zu nutzen. Ist das aus ihrer Sicht ein sinnvolles Modell oder drohen dadurch massive Umweltschäden im Thüringer Wald?

 

 Das ist sehr weit nach vorn gedacht – aber  die Sorgen der Landwirte sind verständlich. Die Landwirtschaft steht vor der Herausforderung, sich auf wiederkehrende Trockenheit einzustellen. Wir sind in Thüringen mit den Talsperren für Wasser-Notlagen sehr gut aufgestellt. Wir würden aber auch mit diesen Wasserreservoirs niemals alle Felder im Thüringer Becken bewässern können. Vor jeder Maßnahme solcher Art, muss man sich genau überlegen, inwieweit die ökologische Balance ins Schwanken gerät.  Interessant ist das Projekt „Westring“ der Thüringer Fernwasserversorgung. Das könnte unter Nutzung der nicht mehr versorgungswirksamen Trinkwassertalsperren Schmalwasser/Tambach-Dietharz und der vorhandenen Fernwasserleitungen auch Beregnungswasser für den Obstbau liefern. Ähnliche regionale Projekte sind sicher überlegenswert.  

 

Politische oder technische Maßnahmen sind die eine Seite, aber letztlich kommt es auf den Lebenswandel jedes einzelnen Menschen an. An welchen Stellen muss jeder Mensch besonders, abgesehen von z. B. weniger Auto fahren, achten, um selbst etwas gegen die Klimakrise zu tun?  

 

Klar, alles, was hilft CO2 zu reduzieren, ist wichtig. Auch wenn der größere politische Rahmen stimmen muss: Jede und jeder steuert das Angebot beim Einkaufen mit. Regionales und Saisonales ist meine Empfehlung bei Obst und Gemüse. Muss es denn wirklich alles und zu jeder Zeit von überall sein? Ich habe in meinem Garten der Zeit so viele Tomaten, dass ich jede Menge verschenken kann, und dafür gibt es dann auch mal ein anderes Gemüse.                                                    

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