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Lehrermangel, Inklusion, Integration, Digitalisierung

Helmut Holter, Thüringer Minister für Bildung, Jugend und Sport. Foto: TMBJS

Thüringens LINKER Bildungsminister Helmut Holter packt in den Schulen gewaltige Aufgaben an. Ein Jahr nachdem er das Amt von Dr. Birgit Klaubert übernahm, hat sich bereits viel getan. Angesicht der Veränderungen im Schulalltag fordert der Minister vor allem auch mehr Wertschätzung für Lehrerinnen und Lehrer.

 

Aktuelle Studien zeichnen ein positives Bild von den Thüringer Schulen. Andererseits gibt es Horrormeldungen über Lehrermangel und Unterrichtsausfall. Wie passt das zusammen?

Entscheidend für mich ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer in Thüringen unter teilweise schwierigen Bedingungen Höchstleistungen erbringen. Einerseits haben wir im Bundesvergleich Top-Ergebnisse. Das spricht dafür, dass qualitativ guter Unterricht gegeben wird. Andererseits haben wir die Situation, in der viele Stunden ausgefallen sind, was teilweise dazu führte, dass auf dem Zeugnis eine Note fehlte. Das sind die zwei Welten, die Schule in Thüringen derzeit ausmachen.

 

Was bedeutet, es fehlt eine Note?

 

Wenn Fächer, Musik beispielsweise, in einem Schuljahr gar nicht gegeben werden konnten, dann kann es keine Zensur dafür geben. Das betrifft nur einen kleinen Teil der Schulklassen, aber jeder Fall ist einer zu viel.

 

Trotz vieler Neueinstellungen durch die rot-rot-grüne Landesregierung fehlen immer noch Lehrer. Kann man ungefähr sagen wie viele?

 

Wir wissen wie viele im laufenden Jahr aus dem Dienst ausscheiden: rund 800. Von diesen freiwerdenden Stellen haben wir derzeit 92 Prozent besetzt, Der Unterrichtsausfall hat in erster Linie etwas mit den Langzeiterkrankten zu tun. Von den fast 18.000 Lehrern, die an den allgemeinbildenden Schulen arbeiten, sind das etwa 1.000. Deswegen ist eines unserer Ziele, eine größere Vertretungsreserve aufzubauen. Wie genau soll die aussehen? Idealerweise müsste man an jeder Schule nicht nur genug Lehrer haben, um den Unterricht abzusichern, sondern auch noch mindestens einen Lehrer zusätzlich, als eine Art Springer. So weit sind wir aber noch nicht. Deswegen gibt es den Gedanken einer mobilen Vertretungsreserve. Das wäre ähnlich wie bei der Feuerwehr: Man ist in Bereitschaft und wird gerufen, wenn es brennt. Das setzt aber voraus, dass diese Kolleginnen und Kollegen im ganzen Freistaat flexibel einsetzbar sind. Wir wollen in naher Zukunft erreichen, dass zu mindestens die Langzeiterkrankten über einen längeren Zeitraum ersetzt werden können. Mein Ziel besteht aber darin, dass nicht mit befristeten Stellen zu schaffen, sondern dauerhaft. Ich weiß, dass die Koalition diesen Weg mitgehen wird, und wir müssen mit dem nächsten Haushalt die Voraussetzungen dafür schaffen.

 

Die Ursache für die Probleme war eine verfehlte Politik. Jetzt ist man u.a. auf Seiteneinsteiger angewiesen. Wie funktioniert das in der Praxis?

 

Die verfehlte Einstellungspolitik früherer Landesregierungen hat in den Thüringer Schulen ein schlimmes Erbe hinterlassen. Es wurde sich darauf ausgeruht, dass es zur Jahrtausendwende einen Lehrerüberhang gab. Eine vorausschauende Politik gab es nicht. Stattdessen wurden überall im öffentlichen Dienst Stellen abgebaut. Meine Aufgabe als LINKER Bildungsminister ist es, dieses schwere Erbe auszuräumen. Ich ziehe alle Register, um den Lehrerbedarf zu decken. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Ein Register dabei sind die Seiteneinsteiger. In Thüringen haben wir derzeit 62, also nur einen sehr geringen Anteil. Das ermöglicht eine gute Integration in die Lehrerkollegien. In anderen Ländern, Berlin und Sachsen beispielsweise, sind die Hälfte der neu eingestellten Lehrer Seiteneinsteiger – ohne echte pädagogische Ausbildung. Die Seiteneinsteiger werden bei uns qualifiziert und bekommen einen Schnellkurs am Institut für Lehrerbildung. Anschließend werden sie bis zu vier Jahre berufsbegleitend weiter ausgebebildet. Am Ende legen sie eine Prüfung ab und sind pädagogisch qualifizierte Lehrer.

 

Bei der Einstellung von neuen Lehrern brauchen die Schulämter oft lange. Welchen Reformbedarf gibt es?

 

In meinem ersten Jahr in Thüringen habe ich mir die Arbeit der Verwaltung nicht nur angeschaut, sondern auch verändert. In der Vergangenheit war es üblich, immer zum Schulhalbjahr neue Lehrer einzustellen. Jetzt können das ganze Jahr neue Lehrer eingestellt werden. Dadurch waren wir in der Lage, 2018 schon über 90 Prozent der freiwerdenden Stellen neu zu besetzen. Für 2019 ist das Verfahren bereits eröffnet. Ich habe dafür extra eine Stabsstelle für Einstellungen eingerichtet. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Übergänge vom Studium in den Vorbereitungsdienst und vom Vorbereitungsdienst in die Arbeit. Da gibt es Lücken von bis zu einem halben Jahr und wir arbeiten derzeit daran, diese zu schließen. Wenn man sich auf die Ebenen des Beamtenrechtes begibt, stößt man auf viele Kriterien und Regeln, welche die Flexibilität und die Beschleunigung von Prozessen verhindern. Das liegt aber nicht an den Menschen, die dort arbeiten, sondern an dem Regelwerk.

 

Neben dem schwierigen Erbe der CDU-Herrschaft, sind die Inklusion und die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund weitere große Herausforderungen. Hat sich dadurch der Schulalltag stark verändert?

 

Schule hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Das hat niemand so konkret vorausgesehen. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention, nach der eine inklusive Gesellschaft aufgebaut werden soll, stehen wir vor der Herausforderung, den gemeinsamen Unterricht zu organisieren. Dazu gibt es eine Inklusionsstrategie. 2017 haben Benjamin Hoff und Gabi Ohler ein neues Papier erarbeitet und etwas Tempo heraus genommen, auch weil in vielen Lehrerkollegien die Grenze des Schaffbaren erreicht ist. Deswegen werden weiter zwei Systeme parallel laufen: gemeinsamer Unterricht oder Unterricht an Förderschulen. Neben dem Lehrermangel und der Inklusion ist die Beschulung von Kindern mit Migrationshintergrund die dritte große Herausforderung. Dazu zählen auch die Kinder von Geflüchteten, aber nicht nur. Thüringen hat einen großen Zuzug von Menschen aus der EU, die zum Arbeiten kommen und ihre Kinder mitbringen. Da gibt es keinen Unterschied zwischen denen aus Afghanistan oder Polen. Sprachkenntnisse sind in der Regel gar keine oder nur sehr wenige vorhanden. Trotzdem müssen sie in den Unterricht aufgenommen werden. Deswegen brauchen wir den Förderunterricht Deutsch als Zweitsprache.

Wir werden mit dem Schulgesetz auch die Frage der Schulpflicht neu beantworten. Wir können nicht von unseren klassischen zehn Jahren ausgehen. Es kommen Kinder, die gar keine Schule besucht haben oder nur auf einem sehr niedrigen Niveau. Auch bei Jugendliche, die mit 15 oder 16 Jahren zu uns kommen, wollen wir erreichen, dass sie einen Schulabschluss innerhalb unseres Schulsystems erreichen können, denn jede und jeder wird gebraucht!

Lehrermangel, Inklusion, Integration und obendrauf kommt noch die Digitalisierung: Das führt dazu, dass manche Lehrer bis zu fünf Unterrichtsvorbereitungen für eine einzige Klasse machen müssen, fünf Mal am Tag, fünf Tage die Woche. Das muss man sich mal vor Augen halten, was die leisten müssen. Deswegen wiederhole ich immer wieder: Die Wertschätzung für Lehrerinnen und Lehrer muss deutlich erhöht werden!

 

Derzeit sind sie auch Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK). Kann man in dem einen Jahr als Minister eines kleinen Landes etwas bewegen, beispielsweise bei vergleichbaren Schulabschlüssen?

 

Alle Länder wollen, dass die Vergleichbarkeit verbessert wird. Es gibt derzeit ein Aufgabenpool aus dem sich die Länder bedienen. Sie haben aber die Freiheit eigene Aufgaben hinzuzufügen. In Erfurt haben wir gerade verabredet, das bis 2021 abzuschaffen. Schon jetzt gibt es Vergleichstests. Mit der Digitalisierung wollen wir das Ganze auch online vergleichbar machen. Der Digitalpakt wird 2019 kommen und dafür wird es extra Geld geben. Für Thüringen werden wir eine Digitalisierungsstrategie erarbeiten. Ich möchte nicht 1.000 Einzellösungen haben. Da geht es um die Ausstattung der Schulen, um die Qualifizierung der Lehrer sowie um Entbürokratisierung. Das werden unsere drei Säulen der Digitalisierung sein.

 

Zurzeit gibt es eine Debatte über die Pflicht zum Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Sie haben sich dagegen ausgesprochen. Wie soll mit dem Thema zukünftig umgegangen werden?

 

Demokratieerziehung und Antifaschismus sind für mich Themen, die nicht nur ausschließlich in den Geschichtsunterricht gehören. Das kann man in allen Fächern vermitteln. Es geht um Wertevermittlung. Das geht auch in Deutsch, Geografie, Musik oder im Sportunterricht. Den Anderen als Menschen zu achten, ist die Voraussetzung um zu demokratischen Werten zu kommen. Was Besuche in KZ-Gedenkstätten betrifft, bin ich in jedem Fall dafür, dass jede Schülerin, jeder Schüler einmal im Leben eine solche besuchen sollte. Ich möchte aber keine Verpflichtung, sondern dass sie selber sagen: Wir wollen dahin. Das entspricht meinem Ideal einer antifaschistisch-demokratischen Bildung. Niemand darf die Augen vor den dunklen Seiten unserer Geschichte verschließen, und das muss auch so vermittelt werden. Ich möchte aber nicht, dass die Leute gezwungen werden und bei ihrem Besuch dann die Augen verschließen oder sich nur mit dem Smartphone beschäftigen. Ich bekräftige noch mal: Jeder Schüler sollte eine Gedenkstätte besuchen, ob das Buchenwald, Mittelbau-Dora oder Topf und Söhne ist. Solche Fahrten werden von uns als Bildungsministerium mit bis zu 500 Euro pro Klasse ohne große Bürokratie unterstützt. Das komplizierte Antragsverfahren dafür haben wir im letzten Jahr stark vereinfacht. Seitdem hat sich die Zahl der Gedenkstättenfahrten vervierfacht.

 

Thomas Holzmann