Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Frieden wächst graswurzelartig von unten

Prof. Olaf Weber, von 1993 bis 2009 Professor für Ästhetik an der Bauhaus Universität Weimar, engagiert sich in der Initiative Welt ohne Waffen. Er sieht eine wachsende Zahl kleiner, dezentral organisierter Friedensgruppen, die auf die Straßen gehen und auch mit künstlerischen Mitteln versuchen, Menschen zum Nachdenken anregen.

Trotz ständiger Kriege und latenter Kriegsgefahr gab es in Deutschland schon mal größere Friedensbewegungen als derzeit. Wie schafft man es, sich trotzdem zu Aktionen wie dem Friedensritt zu motivieren? 

 

Es gibt in der Tat nicht die große Friedensbewegung wie in den sechziger oder siebziger Jahren der Bundesrepublik. Stattdessen haben sich in den letzten Jahren neben den bestehenden überregionalen Organisationen wieder kleine, dezentral organisierte Friedensgruppen gegründet. Sie nennen sich ganz unterschiedlich, viele vernetzen sich untereinander, manche wollen auch separat bleiben, aber das Thema Frieden wächst sozusagen graswurzelartig von unten nach oben. Unsere Initiative „Welt ohne Waffen Weimar“ gibt es seit sieben Jahren. In dieser Zeit haben wir verschiedene Veranstaltungen organisiert, so etwa zum jährlichen Weltfriedenstag am 1. September. 

Es stimmt aber, dass zu den Vortragsveranstaltungen, so interessant sie auch sein mögen, nicht allzu viele Leute kommen. Deshalb gehen wir verstärkt auf die Straße. Der Friedensritt ist genauso eine Aktion. Kürzlich haben wir uns auch schon bei der Aktion 100 Jahre Bauhaus beteiligt. Da sind wir mit dem Slogan „Bauhaus raus aus der NATO“ durch die Straßen gezogen. Das war natürlich nicht wörtlich gemeint, denn das Bauhaus ist kein Mitglied der NATO und kann demzufolge auch nicht austreten. Aber wir arbeiten da mit künstlerischen Mitteln, die  zum Nachdenken anregen. 

 

Mit Humor und ironischer Übertreibung scheint der Kampf gegen Krieg und den rechten Irrsinn am ehesten Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ...

 

Das sehen wir auch so. Mit ein bisschen Musik, Humor, Sarkasmus und absurden Ideen, zu deren Verständnis man erst mal nachdenken muss, kann man vielleicht eher etwas erreichen als mit trockenen Vorträgen. Deswegen stehen wir heute ja auch vor dem großen Denkmal von Carl August (1757 - 1828), dem großen Förderer der Kultur und Freund von Goethe, Schiller, Herder und Wieland. Wir haben ihm, im Gegensatz zu dem Säbel, den er auch trägt, einfach eine Standarte der Friedensbewegung in die Hand gedrückt. Sein Pferd hebt den einen Huf etwas an und darunter haben wir eine aufblasbare Atombombe gelegt. Das Pferd soll sozusagen symbolisch diese Bombe zertreten. In Büchel liegen die Originale dieser Bomben, nicht aufblasbar, sondern scharf. Es sind die letzten 20 Atombomben der US-Armee, die dort noch lagern. Sie sind eigentlich geheim, aber alle, die sich dafür interessieren, wissen das. Jedes Jahr wird dort demonstriert, denn der 2+4-Vertrag beinhaltet, dass Deutschland atomwaffenfrei sein soll. Die Russen haben ihre vielen Atomraketen aus der  DDR längst abgezogen.  

 

Nicht weniger gefährlich als diese Atomwaffen dürfte die enorme Kriegsgefahr sein, die von dem Säbelrasseln rechter Spinner wie Donald Trump, Boris Johnson oder den Mullahs im Iran ausgeht. Könnten die ganzen Lügen und die Kriegstreiberei vielleicht dazu führen, dass doch wieder eine große Friedensbewegung in Deutschland und Europa, ja vielleicht der ganzen Welt, entsteht? 

 

Ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich kurzfristig eine große Bewegung entwickelt. Aber all diese Kriegstreiber, die gern mit dem Säbel rasseln,  fördern natürlich durchaus ein Gegendenken. Ich glaube auch gar nicht, dass Trump die Kriege unbedingt führen will. Trump will aber die internationalen Spannungen erhöhen, damit alle Konfliktparteien maßlos aufrüsten und am besten nur mit amerikanischen Waffen versorgt werden. Hinter allem steckt also die Rüstungsindustrie. 

 

Will heißen, dass der militärisch-industrielle Komplex, den der US-Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner letzten Rede bereits  im Jahr 1961 beschrieben hat, nach wie vor maßgeblich die US-Außenpolitik bestimmt? 

 

 Sicher, und das gilt auch für die Außenpolitik aller NATO- und EU-Staaten. Es werden künstliche Feindbilder geschaffen, denn ohne Feindbilder kann man nicht aufrüsten

 Und das aktuell künstlich geschaffene Feindbild ist der Islam? 

 

 Ja, aber auch Russland und zunehmend China. Wenn es keine echten Feindbilder gibt, muss man sie künstlich produzieren oder zu mindestens aufbauschen und viel größer machen als sie eigentlich sind. Nur so kann man der Bevölkerung eine Erhöhung des „Verteidigungs-Haushaltes“ verkaufen. 

 

 Welches Fazit kann man nach dem Friedensritt durch Thüringen ziehen? Wie sahen die Reaktionen der Bevölkerung aus? 

 

Ich habe leider nicht den Überblick über die anderen Orte. In Weimar hatten wir schon bei der Vorbereitung viel Zuspruch. Das liegt vielleicht an der Art und Weise wie wir auftreten, gerade eben nicht aggressiv, sondern friedlich und ideenreich. Ich wünschte mir natürlich noch viel mehr Engagement für den Frieden. Es geht darum, die Tendenzen zur Gewalt aufzuhalten und im Militärischen eine  Umkehrung von der weiteren Aufrüstung zur allmählichen Abrüstung einzuleiten. Das gilt in dieser Zeit besonders im atomaren Bereich, weil der 1987 unterzeichnete Vertrag zur nuklearen Abrüstung (INF) Anfang August diesen Jahres endet und wahrscheinlich eine neue Runde des Wettrüstens einleiten wird. Sie wird viel Geld kosten und unsere Sicherheit nicht erhöhen, sondern vermindern.                                            

 

 

th