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Eine gesunde Mischung

Katja Maurer (28) und René Kolditz (32) kandidieren auf Platz 3 bzw. 4 der LINKEN Liste zur Stadtratswahl.

Politische Erfahrungen haben sie in ihrer ehrenamtlichen Arbeit sowie als Mitarbeiter*innen im Jugendbüro RedRoXX gesammelt. Die wollen sie im Stadtrat nutzen, um Erfurt zukünftig für alle lebenswerter zu machen.

 

 

Nicht immer und überall gehen junge Menschen mit großer Begeisterung in die Kommunalpolitik. Was ist eure Motivation, diesen Schritt bei der Stadtratswahl am 26. Mai zu wagen?

 

Katja:  Es klingt zwar wie eine Postergeschichte, ich erzähle sie aber trotzdem gerne, weil es etwas Besonderes ist und etwas darüber aussagt wie Politik gemacht wird. Ich wurde in Kasachstan geboren und wuchs in einem Haushalt einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern auf. Als Kind habe ich miterlebt, was es bedeutet, wenn man vom Staat nicht nur nicht unterstützt wird, sondern sogar Hindernisse in den Weg gelegt bekommt.  Es gibt zwar russlanddeutsche Politiker*innen, aber Migrant*innen sind in der Politik generell unterrepräsentiert. Außerdem habe ich eine klare klassenpolitische Haltung. Gerade Kinder, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, müssen in die Politik, weil ich davon ausgehe, dass sie anders Politik machen und dass sie andere Interessen vertreten als reiche Kinder. Ich will mich gewiss nicht darauf reduzieren lassen, aber natürlich habe ich als Frau auch noch mal eine andere Haltung. Besonders in den Kommunalparlamenten sind Frauen unterrepräsentiert, auch durch das Erstarken rechter Parteien. Dazu kommen ganz konkrete Dinge in Erfurt. Wenn mir am Berliner Platz Jugendliche erzählen, dass sie es sich nicht leisten können, mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren, wird mir immer klar, warum man Kommunalpolitik für diese Menschen machen muss. 

René: Ich bin über das Mucke machen zur Politik gekommen. Irgendwann fragt man sich dann: Warum es in den Großstädten total cool läuft und es in unserer Landeshauptstadt nicht so richtig funktioniert, weil es an Proberäumen und allen möglichen Kleinigkeiten fehlt. Das fing bei mir mit 18, 19 Jahren an, und zu dieser Zeit lernte ich auch bereits Susanne Hennig-Wellsow kennen. Politisch affin war ich in dieser Zeit immer, habe bei vielen Wahlkämpfen mitgeholfen und mich dann entschieden, aktiv Parteimitglied zu werden. Für den Stadtrat zu kandidieren ist letztlich auch eine Konsequenz aus meiner politischen Arbeit. Wenn ich etwas verändern will, dann kann ich das eher auf der kommunalen als auf der Landesebene erreichen. Außerdem gibt es in Erfurt ein gutes Netzwerk von Leuten, mit denen man auf Augenhöhe arbeiten kann und am Ende kann man dann  Veränderungen erreichen. Außerdem müssen mehr jüngere Menschen in die Parlamente und – da hat Katja vollkommen Recht – vor allem auch mehr Frauen. 

 

Oft liest man, dass DIE LINKE weiter an Mitgliedern verliert. Andererseits scheint es einen kräftigen Generationswechsel in der Partei zu geben. Seid ihr ein Teil davon?

 

Katja: Bei den Eintritten merken wir sehr deutlich, dass wir immer jünger werden. Ins Jugendbüro kommen in letzter Zeit auch immer mehr Schüler*innen. Ich finde, auf unseren Listen haben wir immer einen guten Mix aus Alteingesessenen und Jüngeren, die dann auch wirklich gute Listenplätze bekommen. Man hat erkannt, dass man im Stadtrat sowohl Erfahrung als auch die neuen Ideen der Jugend braucht. Mich und René nimmt man sicherlich auch als jung und frisch wahr, weil wir außerhalb der Parlamente in Bündnissen oder beim Bier Politik machen. 

René: Ich erlebe es oft, dass in einem Nebensatz rauskommt: Ach, du bist auch bei der Linken aktiv. Vor fünf Jahren galt es noch total als langweilig und überhaupt nicht sexy, sich in einer Partei zu engagieren. In letzter Zeit gab es ein Umdenken, gerade bei jüngeren Menschen: Wenn man etwas erreichen will, dann muss man das Mittel der parlamentarischen Demokratie nutzten. Katja und ich machen Dinge, die uns Spaß machen, die wir wollen. Ich habe mich auch für die Partei entschieden, weil ich weiß, dass – wenn ich mich zum Beispiel im Bereich Kultur einbringe – es gelingt, diese Dinge gemeinsam in unsere Programme zu übernehmen.  Bei den Gesamtmitgliederversammlungen habe ich es sehr oft erlebt, dass gerade die Älteren in diesen Fragen mit uns absolut d‘accord waren. 

 

Seit 2015 haben wir viel über den sogenannten Rechtsruck sprechen müssen. In den letzten Monaten hat man den Eindruck, dass über die Fridays for Future oder die Demos zum freien Internet etwas Positives passiert. Nicht unbedingt ein Linksruck, aber ein Ruck zum Progressiven.  Spürt ihr das auch in eurer politischen Arbeit? 

 

Katja: Das RedRoXX hat die Aufgabe, junge Menschen dabei zu unterstützen sich zu politisieren, unabhängig von der Partei. Ich habe schon den Eindruck, dass viele junge Menschen erkannt haben, dass es sich lohnt sich zu engagieren und gemeinsam mit anderen in Bündnissen laut zu werden. Da sind wir nicht alleine. Es gibt viele andere, die in den letzten Jahren dazu beigetragen haben, dass wir jetzt die Früchte dieser Arbeit ernten können. zzum Beispiel unsere Jugendclubs, Erzieher*innen in Schulen und andere Jugendverbände. Das Zusammenstehen- Bündnis für den 1. Mai hat das besonders eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

René: Es gibt viele Leute, die links argumentieren, aber ein Problem damit haben sich selbst als links zu definieren. Die Frage, die ich für mich selbst noch nicht so richtig beantworten kann ist: Warum ist das so? Aber solange das Inhaltliche stimmt und die Leute sich zumindest als progressiv begreifen, habe ich ein sehr gutes Gefühl dabei. Man merkt, es regt sich etwas und das muss es ja auch. 

 

Welche ganz konkreten Themen hofft ihr im nächsten Stadtrat umsetzen zu können?

 

Katja: Der fahrscheinfreie ÖPNV ist für mich ein ganz wichtiger Punkt. Das würde für sehr viele Leute eine totale Veränderung bringen. Dazu kommt der Erhalt der KoWo und das Stoppen der Mietpreisexplosion. An ganz konkreten Punkten fallen mir Tausende ein, aber eines möchte ich ganz besonders betonen, auch weil ich damit in der Kommunalpolitik in Erfurt mal angefangen habe: das Thema Freifunk. Es ist doch absurd, dass es Hotspots nur in touristischen Zentren gibt und anderswo Kinder 50 Cent bezahlen müssen, wenn sie in einer Bibliothek ins Internet wollen. Freifunk folgt der Idee, in allen öffentlichen Gebäuden freies und sicheres Internet zu schaffen, auch außerhalb der Öffnungszeiten oder auf Kinderspielplätzen. 

René: Neben der Mobilität im Sinne von Fortbewegung, ist für mich die soziale Mobilität ein wichtiges Thema – Besuche von Museen, Theatern, Freibädern, überall wo es vor allem um die Teilhabe von Kindern geht. Eine Studie zur Segregation in Erfurt hat bereits im letzten Jahr verdeutlicht, dass wir dringend etwas tun müssen, damit die Kinder in den Außenbezirken nicht gettoisiert werden. Auch, wenn die Eltern nicht das Geld haben, muss es gerade diesen Kindern ermöglicht werden, dass sie in ihre Innenstadt können, um etwas zu erleben. In diesem Kontext will ich auch, dass die Rahmenbedingungen für die Soziokultur verbessert werden, nicht nur finanziell. Außerdem muss die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung fluffiger werden. Da gibt es zu viele Schranken und  Grenzen im Denken und zu viel Verhinderung. Außerdem finde ich, unserer Landeshauptstadt fehlt ein klares Profil.

 

Wenn ihr es in den nächsten Stadtrat schafft, wo Sitzungen oft bis in die Nacht hinein gehen, wird sich das negativ auf euer ehrenamtliches Engagement auswirken?

 

Katja: Ich denke, dass unsere Arbeit ganz anders werden wird. Durch den engeren Kontakt mit den Behörden, hoffe ich, dass unsere ehrenamtliche Arbeit sogar leichter wird. Das eine geht auch nicht ohne das andere. Leute, die uns wählen, tun das sicher auch aufgrund unserer ehrenamtlichen Arbeit. Es kann sein, dass wir es hier und da etwas reduzieren müssen, aber wir müssen trotzdem am Ball bleiben. Das Schlimmste bei unseren Stadträt*innen ist, wenn sie sich nicht mehr in solchen Bündnissen beteiligen und die Infos nicht aus erster Hand bekommen. Gerade wir als junge Menschen bringen  die Idee mit, dass Stadtratssitzungen nicht immer im Rathaus stattfinden müssen, sondern auch dahin gehen sollten, wo die Menschen und ihre Probleme sind. So etwas wird sich nicht in einer Legislaturperiode ändern, aber das ist so eine Utopie, mit der ich in die ganze Sache hineingehe.

René: Wir sollten nicht vergessen, dass das Mandat als Stadträt*in auch ein Ehrenamt ist. Das wissen viele gar nicht. Wenn ich als Teil der ständigen Kulturvertretung auch im Stadtrat sitze, ändert sich mein Denken nicht. Im Gegenteil. Ich kann gerade im Stadtrat als eine Art Schnittstelle fungieren und noch intensiver an gemeinsamen Belangen arbeiten. Natürlich sind das jetzt erst mal unsere Wunschvorstellungen. Was davon tatsächlich im Stadtrat umsetzbar ist, hängt auch von einer Reihe anderer Faktoren ab. Die Idee ist, diesen Mehrwert an Bündnisarbeit die man in den letzten Jahren aufgebaut hat, im Stadtrat für konkrete Politik zu nutzen. Ich will, dass junge Menschen in Erfurt bleiben bzw. dass sie wieder zurückkommen und hier ihre Familie gründen, weil Erfurt lebenswert ist. Nur so verhindern wir, dass Erfurt zu einem Altersheim wird und schaffen eine gesunde Mischung in der Stadt.                

th