Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Die Hauptfehler der Deutschen Einheit

„Wenn man so siegt, wie die Bundesrepublik über die DDR gesiegt hat, dann hätte man eigentlich großzügig sein können“,sagte Gregor Gysi bei der Eröffnung der Ausstellung Treuhand-Schicksale.

Ursprünglich wollten wir Gregor Gysi zum Thema Treuhand und Ostdeutschland vis-a-vis interviewen. Doch während seiner Rede bei der Eröffnung der Ausstellung Treuhand-Schicksale stellte er sich selbst die Fragen, die auch uns unter den Nägeln brannten. Deswegen dokumentieren wir Auszüge aus seiner Rede als eine Art Selbstinterview

 

Was hat der Fall der Mauer und die Deutsche Einheit den Menschen im Osten gebracht?

 

Es war ein Gewinn an Demokratie, ein Gewinn an Freiheit. Es gab einen Gewinn an Produktivität und ein anderes Waren- und Dienstleistungsangebot als wir es in der DDR kannten. 1990 gab es eine Währung, mit der man weltweit einkaufen konnte, was mit der Mark der DDR in Hongkong sehr schwer war.

 

Davor sind die positiven Seiten und was waren die Verluste?

 

Es gab eine Art des Zusammenlebens, eine Solidarität, die der Westen nicht kannte. Das wurde Schritt für Schritt aufgehoben. Das Kündigen von Arbeitsrechtsverhältnissen kannten die Menschen im Osten so gut wie gar nicht. Plötzlich waren Kündigungen eine Selbstverständlichkeit. Die Menschen in der DDR kannten auch keine Zwangsvollstreckungen, keine Räumungen von Wohnungen. Da waren sich die Leute sicher. Sie waren sich auch hinsichtlich vieler Preise sicher. Die Preise für Mieten, Wasser oder Brötchen blieben praktisch immer gleich. Es gab eine andere soziale Sicherheit, die vielen fehlt. Aber, wenn man das Erste haben will, dann kriegt man das Zweite nicht. Der Kapitalismus sieht einfach anders aus. 

 

Was waren die Hauptfehler bei der Herstellung der Einheit? 

 

Das sind drei Punkte.

1. Wenn zwei Bevölkerungen zusammenkommen, auch wenn es beides deutsche Bevölkerungen waren, dann muss man an der Symbolik des gemeinsamen Landes etwas verändern. Es wurde aber nichts verändert. Weder die Bezeichnung BRD, noch das Wappen, die Fahne oder die Nationalhymne. Man hätte sich doch wenigstens eine Sache aussuchen können, die verändert wird. Solche psychologischen Momente darf man, gerade was die Symbolik angeht, nicht unterschätzen.

2. Die Bundesregierung hat sich für den Osten nicht interessiert. Wenn man so siegt, wie die Bundesrepublik über die DDR gesiegt hat, dann hätte man eigentlich großzügig sein können. Aber die waren nicht großzügig. Bei der Gleichstellung der Geschlechter war die DDR längst nicht da wo man hinkommen muss, aber viel weiter als die Bundesrepublik. Das zweite Beispiel ist die Berufsausbildung mit Abitur, das dritte Beispiel waren die Polykliniken. Ich könnte noch mehr Sachen nennen. Aber man hat es einfach nicht gemacht, weil man sich dafür nicht interessiert hat und es nicht wollte. 

3. Die Treuhandanstalt. Jeder weiß, die unterstand dem Bundesfinanzminister – ein schwerer Fehler. Die Treuhandanstalt hätte dem Wirtschafts- minister unterstehen müssen. Der Finanzminister schaffte ein Gremium in dem saßen Leute, die der Treuhand- Anstalt gesagt haben: retten oder schließen. Fast alles, was die gesagt haben, hat die Treuhand auch genauso gemacht. Dass dieses Gremium öffentlich so gut wie nicht bekannt geworden ist, dass darüber nie wirklich diskutiert wurde und darin nur irgendwelche Leute aus riesigen Aktiengesellschaften saßen, sagt schon eine Menge aus.

 

Was hätte man anders machen können?

 

Unser Vorschlag war damals, ab 1. Juni 1990 als Subvention jedem Unternehmen in der DDR die Lohnkosten zu erstatten. Von dem selben Betrag ein Jahr später nur noch 90 Prozent, wieder ein Jahr später nur noch 80 Prozent usw. Das Ganze über zehn Jahre gestaffelt. 

 

Wofür wäre das wichtig gewesen?

 

Das hätte den Unternehmen Zeit gegeben, ihre Produkte bekanntzumachen. Radeberger Bier oder was auch immer musste man den Menschen im Westen ja erst mal zur Kenntnis bringen. Außerdem hätte man Zeit gewonnen, die Produktion umzustellen. Dass der Trabant nicht mehr laufen würde war allen klar, deswegen brauchte man Zeit etwas anderes herzustellen. In dieser Zeit hätte man außerdem die Produktivität erhöhen und die Qualität der Produkte verbessern können. Die Käufer der DDR-Unternehmen hätten außerdem einen Anreiz zur Erhaltung gehabt, anstatt nur einen Konkurrenten loswerden zu wollen. Natürlich wären trotzdem etliche Unternehmen in die Insolvenz gegangen, aber längst nicht so viele. Außerdem hätte man nicht so viel Arbeitslosigkeit finanzieren müssen.  Auch die Jugend wäre uns nicht in dem hohen Maße verloren gegangen.

 

Deswegen war es so wichtig, dass Menschen wie Bodo Ramelow geholfen haben, andere Formen des Widerstandes zu leisten. Ich war mit ihm zusammen in Bischofferode als die Kumpel streikten und sogar in den Hungerstreik gingen, um ihr Unternehmen zu retten – warum?

 

Dafür hatten sie viele gute Gründe. Es war gutes Kali, dass während der gesamten DDR-Zeit in den Westen verkauft wurde. Das Problem:  Es war eine Konkurrenz für die Kali und Salz in Hessen. Selbst die Gewerkschaften im Westen waren dafür das Ding dicht zu machen, damit dort kein Arbeitsplatz verloren geht. Solche Positionen habe ich auch stets  im Fernsehen vertreten, wie etwa in der früheren RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“. Ich saß dort alleine gegen vier Leute, die mich beschimpften. 

 

Wissen sie, was das Besondere an der Sendung war?

 

Ich saß dort nicht für die PDS, ich saß dort für die Ostdeutschen insgesamt. So wurde ich auch in den Medien die dafür zuständige Figur, was Wolfgang Thierse immer sehr geärgert hat.