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Der große Zivilisationsbruch

Das frisch restaurierte Verwaltungsgebäude bei der Eröffnung vor 10 Jahren.
Rüdiger Bender in Aktion: Neben seiner Arbeit als Lehrbeauftragter an der Uni Erfurt und beim Förderkreis ist er oft als charismatischer Redner auf Demos für Demokratie und Menschenwürde zu hören.

Vor 10 Jahren wurde der Gedenkort Topf & Söhne eröffnet. Es war eine langer und steiniger Weg. UNZ sprach mit Rüdiger Bender, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkort Topf & Söhne über die Besonderheiten dieses einzigartigen Ortes.

Was macht den Erinnerungsort so besonders?

 

KZ-Gedenkstätten haben einen anderen Charakter, weil Menschen dort gequält und ermordet. Menschen, die keine Gräber haben und deren Asche dort verschüttet wurde. Bei Topf & Söhne erinnern wir an das Menschheitsverbrechen, indem wir einen alltäglichen Ort, eine ehemalige Firma, anhand von Dokumenten ganz konkret als Täterort lesbar machen.  Eine Firma, die „stets gern für Sie beschäftigt war“, auch, wenn es sich um die SS gehandelt. Auch wenn es um die Verbrennungsöfen und die Lüftungstechnik für die Gaskeller in der Todesfabrik von Auschwitz ging.  Es geht um die kleinen Schritte über Grenzen, die zum großen Zivilisationsbruch führten. Oberingenieur Kurt Prüfer hatte bis 1939 – als das Geschäft mit der SS für das KZ Buchenwald  begann –  High-Tech-Krematorien für mehr  Pietät und Menschenwürde konstruiert. Danach wird diese Technik – erst in Buchenwald – später in der Todesfabrik Auschwitz für den gegenteiligen Zweck benutzt. Menschliche Leichen wurden wie Tierkadaver verbrannt und Aschen nicht getrennt. Immer monströser wurden die Anlagen um möglichst viele Leichen auf einmal verbrennen zu können. In der Firma wusste man das nur zu gut.  Die Zusammenhänge von Moderne, Arbeitsteilung, Industrie und Wirtschaft mit dem größten Menschheitsverbrechen, werden so konkret in keinem anderen Erinnerungsort abgebildet. Hier kommt die Täterschaft in die Alltagswelt. Und die Frage nach unserer Verantwortung hier und jetzt stellt sich ganz konkret. Hier wird erfahrbar, wie schnell Schritte über Grenzen zu schiefen Ebenen führen können und wie wichtig es ist früh „Nein!“ zu sagen. 

So groß der Erfolg, so steinig war der Weg. Ohne Leute wie Eckerhard Schwarzenberger, den Förderkreis und nicht zuletzt die Hausbesetzer*innen  wäre der Ort wohl für alle Zeiten verloren gegangen?

 

Schwarzenberger ist auf die Patentanmeldung für den kontinuierlich arbeitenden Verbrennungsofen für den Massenbetrieb gestoßen. Das war eine Entwicklung von Fritz Sander, einem innerbetrieblichem Konkurrenten von Kurt Prüfer: Ein von der SS nie geordertes  System, dass von außen nicht mehr wie ein Krematorium und vollautomatisch funktionieren sollte  – eine Leiche entzündet die Nächste. Übrigens: Gegen die Mär von Befehl und Gehorsam, hat haben Prüfer wie Sander all dies freiwillig und aus eigenem Ehrgeiz heraus gemacht.  Sie waren keine Rädchen im Getriebe und handelten aus Eigeninitiative.  Dieses Dokument war die Initialzündung zu schauen, was es noch gibt. Dann fanden sich immer mehr engagierte Menschen und Bildungswerke  die das Thema in der Stadt bekannter machen wollten. Es gab regelmäßige Veranstaltungen und so entstand 1999 auch der Förderkreis als informeller regelmäßiger Zusammenhang für die Planung von  Veranstaltungen und die Erstreitung eines Geschichtsortes als Denkort. Vor 22 Jahren setzte ich mich noch ohne großen Optimismus für diese notwendige Ergänzung der Gedenkstätten ein. Zuversicht wurde ich erst mit der Erteilung des Forschungsauftrags an  Dr. Annegret Schüle - der heutigen Leiterin des Erinnerungsortes - zuerst in der Gerdenkstätte Buchenwald. Ihre Forschung ist die wissenschaftliche Basis des Erinnerungsortes. 2008 gründeten wir dann den Förderkreise Erinnerungsort Topf & Söhne e.V.  

 

Und dann kamen die Hausbesetzer*innen ins Spiel?

 

Die kamen schon 2001 und haben sehr schnell die Bedeutung des Ortes erkannt, auch wenn nicht alle diesen Schwerpunkt hatten.  Es kamen aber meist  zwei Leute zu den Sitzungen des Förderkreises. Sie haben auch Führungen über das Gelände angeboten und konnten ganz andere Zielgruppen als wir ansprechen.  Der Förderkreis und die an historisch-politischer Bildungsarbeit interessierten Besetzer*innen kämpften jahrelang Hand in Hand. Trotzdem stießen wir in Stadt und Land auf viele taube Ohren.

 

Und es gab auch Zoff zwischen Besetzer*innen und Förderkreis?

 

Erst 2009 - in der Phase der anstehenden Rettung des Verwaltungsgebäudes kam es zu einem Konflikt . Als die Industriebrache an einen Investor verkauft worden war, fand ein Gespräch statt. Zwei Jahre sollten die Besetzer*innen Zeit haben, um sich einen neuen Ort für ein autonomes Kulturzentrum zu suchen.  Der Investor wollte das Gelände entwickeln, mit Ausnahme des Verwaltungsgebäudes, wo sich heute der Erinnerungsort inmitten eines Gewerbegebiets) befindet. (Der Bausachverständige hatten uns gesagt, dass das Gebäude keinen weiteren Winter mehr überleben würde. Da haben wir die Besetzer*innen in einem offenem Brief gebeten, den besetzten Geländeteil zu verlassen und in eine angebotene Alternative umzuziehen, die zu finden wir geholfen hatten. Es ging uns um die Rettung des. Verwaltungsgebäude für den Erinnerungsort. Das Plenum des besetzten Hauses entschied aber, dass die Alternative zu klein sei: „Wir bleiben alle“.  Auch, weil die Besetzerin*innen der Auffassung waren, an diesem Ort generelle antikapitalistische Perspektiven besser zu Geltung bringen zu können. Unsere Perspektive war aber: Es bringt nicht, alles zu wollen und am Ende mit leeren Hände da zustehen. Der Förderkreis saß zwischen den Stühlen. 

 

Auch, weil die Hausbesetzer*innen im Stadtrat nicht viele Freunde hatten?

 

Es gab die Hardliner, die sagten: „Illegale Besetzer, wann wird endlich geräumt!“  Manfred Ruge (CDU) hatte als OB noch jedes Gespräch mit den Besetzer*innen abgelehnt. Andreas Bausewein (SPD), sein Nachfolger und vor allem Bürgermeisterin Tamara Tierbach (LINKE) waren bemüht, Lösungen zu finden. Flyer  mit Bausewein als Rambo warten da kontraproduktiv und Kompromisslösungen hatten es immer schwerer. Die neue Stadtspitze versuchte - wie wir - Eskalationen zu vermeiden und einen alternative Immobilie zu finden. Nach einem offenen Brief an das besetzte Haus wurde unsere Rolle missverstanden. Ich wäre froh über ein autonomes Kulturzentrum. Aber das Ende vom Lied war eine grauenvolle Räumungsaktion, bei der die Polizei auftrat als gäbe es eine Bürgerkriegssituation. Es gab die Molotow-Cocktails aber eben nicht im Haus, sondern nur auf den Graffiti. Im Haus fand die Polizei harmlose Menschen in Jeans und T-Shirt und nicht das vermutete Zentrum der Weltrevolution. 

 

Wenn bei Veranstaltungen Zeitzeugen wie Günther Pappenheim sprechen, herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre. Was war dein beeindruckendstes Erlebnis?

 

Da gibt es sehr viele. Die beeindruckendsten Abende waren genau diese. Es kommt aber bei Topf und Söhne noch Extra-Punkt dazu,  aus diesem kalten Grau, einen Platz gemacht haben, an den Überlebende kommen und gehört werden. Ein Ort, an dem ihre Geschichten von Menschen gehört werden, um so Zeugen ihrer Zeugenschaft zu finden. Die wenigen jetzt noch Lebenden waren als Kinder und Jugendliche in diesem Horror und sind heute in ihren Neunzigern. Sie brauchen uns und Orte wie diesen, wo ihre Geschichten weitergegeben werden können. An einem Ort an dem zuvor jede Menschlichkeit ausgeblendet wurde und es darum ging: ‚Wie können noch mehr Menschen ermordet werden, wie noch mehr Leichen verbrannt werden?‘  Wir fragen: wie wurden da die Gewissen immunisiert? Wie wurde später verdrängt?  Wo haben wir blinde Flecken aufzuklären? Auch das gehört zum Erinnerungsort genauso dazu wie Aspekte von Wirtschaftsethik, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Antiziganismus und allen anderen Ideologie der Ungleichheit.

 

Thomas Holzmann