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Zivilgesellschaft, die Hoffnung macht

Erfurt und andere Thüringer Städte stehen beim Radverkehr nicht gut da.

Im UNZ-Gespräch erklärt Thomas Engel vom Verein Radentscheid, wie die

Verkehrswende in der Praxis zwischen Politik und Verwaltung gelingen kann.

Die Radfahrer brauchen Platz, damit sie sich verkehrsgerecht verhalten können.“ Das sagte die Verkehrsexpertin Prof. Christina Große von der FH Erfurt der UNZ schon 2012. Passiert ist seit dem leider nicht viel. Im Fahrradklima-Test, den der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) jedes Jahr veröffentlicht, sank die Bewertung für Erfurt von 4,0 (2017) auf 4,2 (2018). 

 

Das muss besser werden und dafür setzen sich neben dem ADFC auch die Aktiven der allmonatlichen Raddemo „Critical Mass“ von Fridays for Future und seit Anfang des Jahres auch der Verein Radentscheid Erfurt e.V. ein. UNZ traf Vorstandsmitglied Thomas Engel zum Gespräch über neue Wege zur Verkehrswende. 

 

Frischer Wind durch Pop-Up-Radwege

 

Schon mal gut: Erfurt hat endlich eine Radverkehrsbeauftragte. Und auch politisch tut sich was. Berlin,  London, New York, Bogota: Weltweit erobern sich Radfahrende die Straßen, auch dank weniger Autoverkehr durch die Corona-Krise. Mit Aktionen wie dem Pop-Up-Radweg auf dem Juri-Gagarin-Ring weht sogar in Erfurt ein frischer Wind. 

Aber: „Hier bieten sich nicht so viele Stellen an, wo man dauerhaft dem Autoverkehr einfach mal eine Spur wegnehmen kann“, so die nüchterne Einschätzung von Thomas Engel. Allerdings gibt es viele Stellen, an wo dringend etwas getan werden muss. 

 

ADFC: über 400 Mängel in Erfurt

 

Eine Liste mit über 400 Mängeln hat der ADFC, bei dem Engel auch aktiv ist, bereits im Juli 2018 an die Stadt übergeben. „Wir hatten vorab 18 Mängel benannt. Da wurde mal alibihaft was gemacht, um sich in den Medien gut darzustellen: Hier mal ein Schild versetzt oder da Steine weggeräumt. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung sagte mir dann aber: Die Mängelliste stört uns bei der Vorbereitung auf die BUGA.“ Nicht jede Stadt hat ein Oberhaupt, das im ADFC ist, seufzt Thomas Engel. In Thüringen ist das nur Katja Wolf (DIE LINKE) in Eisenach. Aber auch sie hat es schwer, vor allem durch die Mühlen der Verwaltung.  

 

Umso wichtiger: Politisch haben neuerdings nicht nur LINKE oder Grüne ein Herz für Radler. Sogar die CDU zieht nicht mehr nur die Bremse. Engel lobt ausnahmsweise Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Mit der Novelle der Straßenverkehrsordnung, die auch 1,50 Meter Sicherheitsabstand für Autos beim Überholen von festschreibt, sei Bewegung zu erkennen. Und die ist dringend nötig.

 

Radrambos? „Das ist oft auch Notwehr.“

 

Wenn von „Radrambos“ geredet wird, kann Engel nur den Kopf schütteln. „Das ist oft auch Notwehr.“ Radwege sind oft nicht vorhanden, enden im Nichts, sind zu schmal, zugeparkt, mit Pollern besetzt oder im Winter nicht geräumt. Das zwingt nicht selten dazu, auf dem Bürgersteig zu fahren. „Die Anzahl derer, die wirklich Mist bauen, ist auch nicht größer als bei Autofahrern oder Fußgängern“, weiß Thomas Engel.  

 

Kein Radweg von Zentrum zur Uni in Erfurt 

Weil die Lage in Erfurt so miserabel ist, trauen sich gerade ältere Menschen nicht aufs Rad. Dabei ist Radfahren nicht nur für die Umwelt gut, sondern auch für Gesundheit, Wohlbefinden oder den Tourismus. Deshalb ärgert es Engel, wenn er und seine Mitstreitenden hingestellt werden, als würden sie nur meckern: „Wir honorieren durchaus, dass es am Bahnhof jetzt umfangreiche Abstellmöglichkeiten gibt oder viele Einbahnstraßen für den Radverkehr geöffnet wurden.“ Doch das reicht nicht. Der Fahrradklima-Test ergab als besondere Mängel für Erfurt: Es darf noch immer nicht über den Anger gefahren werden, kein Radweg vom Stadtzentrum zur Uni und vor allem: kein durchgängiges Radwegenetz. Thomas Engel sind zudem Hindernisse, wie Poller oder Schilder, ein Dorn im Auge, die sind ein enormes Verletzungsrisiko.

 

"Die Verwaltung nimmt uns nicht ernst" 

Für alle, die nicht gerade mit einem Mountainbike in der Stadt unterwegs sind, können auch Bordsteine ein großes Hindernis sein. Kleine Asphalt-Rampen würden helfen. Das kostet keine Unsummen und ist leicht umsetzbar. Der Erfurter OB Andreas Bausewein (SPD), sonst eher als Autofreund bekannt, hat sich nach einem Kuraufenthalt auch ein Rad zugelegt. „Fahren sie einmal quer durch ihre Stadt“, hat Engel ihn zum Perspektivenwechsel aufgefordert. Zum Beispiel zu den Seen im Norden der Landeshauptstadt. Vor Stotternheim scheinbar ein Top-Radweg. Problem: gemäß der Empfehlung für Radverkehrsanlagen wird schon bei geringer Verkehrsdichte und Gegenverkehr eine Breite von 2,5 Metern empfohlen. Dort sind es aber nur zwei Meter. „Bei Badewetter ist da die Hölle los. Wenn ich Papas mit zwei Zwergen im Anhänger sehe, halte ich immer die Luft an. Es ist viel zu eng.“ Leider will man das oft nicht wahrhaben und reagiert auf Einwände auch mal gereizt, sagt Thomas Engel mit Blick auf den Arbeitskreis Radverkehr der Stadt Erfurt. Nicht nur er, auch andere Mitstreiter wie Falko Stolp vom Vehrkersclub VCD  haben den fatalen Eindruck: „Die Verwaltung nimmt uns nicht ernst und sachliche Kritiken werden als Beleidigungen hingestellt.“ 

 

Mehr als 20 Organisationen kämfpen für den Radverker 

 

Entmutigen lassen sich die Aktiven deshalb noch lange  nicht. Die Verwaltung zeigt sich oft bockig, aber dafür öffnet sich die Politik immer mehr. Da hat der Druck der Zivilgesellschaft schon Wirkung gezeigt. Das Bündnis für Klimagerechtigkeit Erfurt mit über 20 Initiativen und Organisationen kämpft ebenfalls für den Radverkehr. 

 

Im UNZ-Gespräch stellt Thomas Engel fest, dass viele Leute, die bei den Demos gegen den Kemmerich-Coup im Februar auf der Straße waren, das Gleiche wollen. Und dank Fridays for Future gibt es in Erfurt viele junge Menschen, denen man sowieso nicht extra erklären muss, dass Radfahren Klimaschutz ist. „Es entwickelt sich eine Zivilgesellschaft, die Hoffnung macht“, so Engels optimistische Einschätzung. 

 

Radwege mit City-Maut finanzieren? 

Aber: „Damit es richtig vorangeht, braucht es das  Bürgerbegehren. Die Stadtverwaltung muss merken, dass wir es ernst meinen!“ Eigentlich sollte das jetzt schon starten. Dann kam Corona. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und wenn die Verwaltung drauf beharrt, dass der Verein Radentscheid einen Finanzierungsvorschlag machen soll, hätte UNZ einen parat: Einführung einer City-Maut für Protz-SUV und Luxuskarossen. Immer mehr Städte in Europa haben das schon. Nur im Land der Raser und Drängler traut sich das keine Politiker zu fordern.

 

Thomas Holzmann